Iss nur 43 Gramm Fleisch pro Tag, rette die Welt

Iss nur 43 Gramm Fleisch pro Tag, rette die Welt

2019-01-17

Die Menschheit hat ein gewaltiges Ernährungsproblem: Unsere Essgewohnheiten schaden nicht nur der Erde, sondern auch der Gesundheit. Etwa drei Milliarden Menschen gelten als fehlernährt – das sind immerhin 40 Prozent der Weltbevölkerung. Und die Schere klafft weit auseinander: Während 820 Millionen Menschen nicht genügend zu essen haben, sind weitaus mehr, nämlich rund 2,2 Milliarden Menschen, übergewichtig oder gar fettleibig.

Als Folge des globalen Übergewichts steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Einer Studie zufolge war Übergewicht die Ursache für vier Millionen Todesfälle weltweit im Jahr 2015.

Zeitgleich besetzt die Produktion von Nahrungsmitteln etwa 40 Prozent der Landfläche weltweit und verschlingt 70 Prozent des genutzten Süßwassers. Außerdem ist sie für 30 Prozent des Treibhauseffekts verantwortlich, rechnet ein internationales Forscherteam im Fachblatt „The Lancet“ vor. Eine Kommission von 37 Experten aus 16 Ländern mit den Fachgebieten Ernährung, Nachhaltigkeit und Wirtschaft hatte über drei Jahre hinweg an dem Projekt gearbeitet.

Ihre Botschaft: Die weltweite Landwirtschaft und Ernährung müssen sich radikal ändern, damit die Gesundheit der Menschen verbessert und katastrophale Schäden für die Erde vermieden werden. Die gute Nachricht: Es sei durchaus möglich, die bis zum Jahr 2050 voraussichtlich auf der Erde lebenden zehn Milliarden Menschen gesund zu ernähren, ohne die Natur zu zerstören. Die Menschheit müsse sich allerdings massiv anstrengen – vor allem, wenn es ums Essen geht.

Problem Fleisch

„Die Ernährung der Weltbevölkerung muss sich drastisch ändern“, sagt einer der beiden Vorsitzenden der Kommission, Walter Willett von der Harvard University (USA). In den vergangenen 50 Jahren habe es schon große Fortschritte bei der Bekämpfung von Hunger und Armut gegeben. Allerdings werde das wieder nichtig gemacht durch den Konsum von zu vielen Kalorien, zu viel Zucker und anderen ungesunden Lebensmitteln.

Die Forscher fordern, den Konsum von Lebensmitteln wie Rindfleisch und Zucker zu halbieren. Die Menge an gesunder Nahrung – vor allem Obst und Gemüse – müsse sich hingegen verdoppeln. Je nach Land schwanke das Ausmaß der nötigen Veränderung, betonen die Forscher.

Sie haben einen täglichen Speiseplan entwickelt, der zugleich die Gesundheit und die Umwelt schonen soll:

  • 7 Gramm Schweinefleisch und 7 Gramm Rind- oder Lammfleisch (das entspricht etwa je einem halben Hackbällchen)
  • 29 Gramm Geflügel (eine Hähnchenbrust wiegt oft das Zehnfache)
  • 28 Gramm Fisch (ein Fischstäbchen ist in etwa so schwer)
  • 13 Gramm Eier (das entspricht etwa anderthalb Eiern pro Woche)
  • 30 Gramm zusätzlichen Zucker (rund sechs Teelöffel)
  • 550 Gramm Obst und Gemüse, davon aber nur 50 Gramm stärkehaltige Sorten (also zum Beispiel eine kleine Kartoffel)
  • 230 Gramm Vollkornprodukte wie Reis, Weizen oder Mais und 125 Gramm Linsen, Nüsse und Erbsen
  • 250 Gramm Milchprodukte (das entspricht in etwa einem großen Glas Milch)
  • 50 Gramm Öle und Fette

Natürlich kann niemand pro Tag exakt sieben Gramm Rindfleisch essen. Die Übersicht soll vielmehr zeigen, dass ein Schnitzel zum Mittag und eine Salamistulle zum Abendbrot einfach zu viel sind.

Die Aufstellung entspricht in etwa dem, was auch andere Ernährungsexperten empfehlen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wäre jedoch auch die doppelte Menge an Fleisch noch gesund. Sie empfiehlt zwischen 300 und 600 Gramm pro Woche. Derzeit vertilgt jeder Deutsche pro Woche im Schnitt mehr als das Doppelte, rund 1,15 Kilogramm. Mehr zum Thema Fleisch, lesen Sie hier.

Doch wie lassen sich die Vorschläge überhaupt weltweit durchsetzen? Die Forscher präsentieren fünf Strategien:

1. Werbung für ungesunde Lebensmittel drastisch einschränken und die Lebensmittelpreise an die entstehenden Umweltkosten anpassen. Das fordern auch andere schon länger: „Ein Bauer in der EU sollte nur so viele Tiere produzieren, wie er durch sein Land auch ernähren kann“, sagt Simone Welte von der Welthungerhilfe, die nicht an der Studie beteiligt war. Das könne die Produktion von „zu viel und zu billigem Fleisch“ vermindern.

2. Die Menge der Lebensmittel, die bei der Produktion verlorengehen oder weggeworfen werden, halbieren. Ein Bürger in Deutschland wirft laut Bundesernährungsministerium im Schnitt jährlich 55 Kilogramm Lebensmittel weg. Zähle man Industrie und Großbetriebe hinzu, seien es insgesamt elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr. Werde dies vermieden, könnten in Deutschland pro Jahr rund 30 Milliarden Euro eingespart werden.

3. Ernteerträge erhöhen, beispielsweise mit trockenresistenten Pflanzen oder einer besseren Bewässerung.

4. Nicht noch mehr Natur in Ackerland umwandeln. In zehn Prozent der Meeresgebiete sollte der Fischfang zudem verboten werden, damit sich die Tiere dort regenerieren können.

5. Kleine und mittelgroße Betriebe besser unterstützten. Umweltschützer fordern das schon seit Längerem. Die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung und die Umweltorganisation BUND kritisieren in ihrem erst kürzlich vorgelegten „Agrar-Atlas“, dass vor allem aufgrund der Flächenprämie rund 80 Prozent der EU-Agrar-Gelder an nur 20 Prozent der Betriebe gingen.

Doch sind die vorgeschlagenen Strategien auch sinnvoll? „Die Studie ist insgesamt sehr umfassend mit ihrem Blick auf Ernährung, Klima und Biodiversität“, sagt Franziska Schünemann vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, die nicht an der Studie beteiligt war. Das Forscherteam biete zwar wenig neue Ansätze, habe die vielen Aspekte des Themas aber gut gebündelt und einfach dargestellt.

Bevormundung „Veggie Day“

Die Forscherin zweifelt außerdem daran, dass sich die Menschen zu einer anderen Ernährungsweise erziehen lassen. „Ernährung ist eine sehr, sehr emotionale Sache“, so Schünemann. So sei es zwar eine gute Empfehlung der Autoren, die Werbung für ungesunde Lebensmittel einzuschränken und auch deren Vermarktung. „Dies würde aber wahrscheinlich erheblichen Widerstand der Lebensmittelindustrie hervorrufen“, sagt Schünemann und nennt weitere Beispiele. „In Deutschland wurde die Idee eines „Veggie Days“ in Kantinen bereits als Bevormundung empfunden. Noch schwerer ist sicherlich die Einführung von Steuern auf bestimmte Lebensmittel in der freien Marktwirtschaft der USA, deren Bürger Wert auf Unabhängigkeit legen.“

Zusammengefasst: Landwirtschaft und Ernährung müssen sich radikal ändern, damit die Gesundheit der Menschen verbessert und katastrophale Schäden für die Erde vermieden werden, fordert ein internationales Forscherteam. Das könne nur gelingen, wenn der Verbrauch von bestimmten Nahrungsmitteln deutlich gesenkt wird – insbesondere von Fleisch. Dessen Produktion ist besonders energieintensiv und ein übermäßiger Konsum begünstigt Krankheiten.

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