Tödliche Gefahr: Das Geschäft mit den gepanschten Internet-Pillen

Als die Frau ihren Ehemann findet, liegt der schweißgebadet im Bett. Er muss sich übergeben, das Erbrochene ist auffällig gelb. Die Frau ruft einen Krankenwagen. In der Notaufnahme wirkt der übergewichtige Mann zwar noch ansprechbar, aber extrem unruhig. Sein Herz rast, er hyperventiliert. Am nächsten Morgen hört er plötzlich auf zu atmen. Eine Stunde lang kämpfen die Ärzte um sein Leben, doch der 50-Jährige stirbt.

In seinem Körper wird 2,4-Dinitrophenol (DNP) in hoher Konzentration nachgewiesen. Rechtsmediziner finden im Besitz des Verstorbenen Kapseln mit einem knallgelben Pulver, die sich der Tote im Internet bestellt hatte – zum Abnehmen. DNP wurde im ersten Weltkrieg zum Bau von Granaten, später als Insektengift eingesetzt. Heute kursiert es wieder als „Fatburner“ in der Diät-, Fitness- und Bodybuilder-Szene. Es zwingt den Körper, unkontrolliert Wärme zu produzieren, im Extremfall, bis man überhitzt kollabiert. Seit 2015 ermittelt die Polizeiorganisation Interpol nach mehreren Todesfällen in Europa. Einige Onlineshops konnten geschlossen werden.

Weltweit mehr als 30 Todesfälle

Experten warnen vor Risiken durch illegal verkaufte Diätpillen, Muskelaufbaupräparate oder Potenzpillen aus dem Netz. Oft stecken in den Mitteln nicht deklarierte, aber hochwirksame Arzneimittel, giftige Chemikalien oder Pflanzenextrakte. „Bei uns melden sich immer wieder Verbraucher, die Schlankheitsmittel im Internet gekauft haben und dann plötzlich unter Schwindelanfällen, Schlafstörungen oder Herzrasen leiden“, sagt Angela Clausen, die bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen das Fachgebiet Lebensmittel im Gesundheitsmarkt leitet. Denn unter der Flagge „Lebensmittel“ segeln auch die teils hochgefährlichen Kapseln oder Pulver: Sie werden als Nahrungsergänzungsmittel oder „Supplemente“ verkauft.

Bei Verbrauchern ist alles, was die Ernährung aufwerten soll, äußerst beliebt: 1,44 Milliarden Euro gaben die Deutschen dafür zwischen April 2017 und März 2018 aus, ein Plus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, berichtete kürzlich das Marktforschungsunternehmen Insight Health.

Angela Clausen ist Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale NRW

Viele Kunden suchen allerdings mehr als nur Vitamin C oder Magnesium aus der Drogerie. Sie fahnden im Netz nach frei verkäuflichen Diätpillen, Bodybuilding-Pulvern oder Potenzmitteln – und werden fündig, oft auf professionell gestalteten deutschsprachigen Websites. Vertrieben werden die Mittel aber nicht nur online, sondern auch an der Haustür oder bei Verkaufspartys im Bekanntenkreis, gern als Geheimtipp „unter Freunden“ – und in vielen Fällen illegal.

Denn viele Namen mit Zusätzen wie „Herbal“, „Natural“, „Ginseng“ oder „Himalaya“ klingen zwar nach sanften Kräuterextrakten oder ostasiatischer Wellness. Stattdessen sind die Mittel aber heimlich mit harten Chemikalien gepanscht. „Wir haben vor einigen Jahren für eine große Studie 70 angeblich ’natürliche‘ Nahrungsergänzungsmittel im Internet eingekauft. 13 von 21 Schlankheitsmitteln, 8 von 13 potenz- bzw. libidosteigernden Mitteln und 20 Prozent der Sportlerprodukte enthielten nicht zugelassene Arzneimittel oder Aufputschmittel wie Ephedrin, Amphetamin oder Methylhexanamin, die sogar teils dopingrelevant sind“, so Clausen. Erst vor ein paar Wochen warnte das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz vor Abnehmkapseln mit dem unschuldigen Namen „Minimal“. Sie enthielten den verbotenen Appetitzügler Sibutramin, der 2010 vom Markt genommen worden war, nachdem in Studien auffällig viele Herzinfarkte aufgetreten waren. Mehr als 30 Todesfälle weltweit sollen damit zusammenhängen.

Das knallgelbe Abnehmmittel DNP (2,4-Dinitrophenol) führte bereits zu Todesfällen, auch in Deutschland

Andere als Nahrungsergänzung deklarierte Diätpillen enthalten den illegalen Hungerdämpfer Rimonabant, der in Studien das Risiko für Depressionen erhöhte, oder Phenolphtalein, ein krebsverdächtiges Abführmittel. Außerdem findet sich immer wieder Sildenafil, besser bekannt als Viagra, das wegen seines Risikos für Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen nur vom Arzt verschrieben werden dürfte.

Nahrungsergänzungsmittel brauchen keinen Wirkungsnachweis

Auch in den USA sind in den vergangenen Jahren Hunderte Nahrungsergänzungsmittel mit verbotenem Arzneizusatz aufgefallen. Zudem stieg die Zahl der im National Poison Data System (NPDS) erfassten Fälle unerwünschter Wirkungen durch Nahrungsergänzungsmittel in den Jahren 2005 bis 2012 um fast 50 Prozent. Im EU-Schnellwarnsystem RASFF sind Hinweise auf Gefahren durch riskante Kapseln oder Pülverchen inzwischen an der Tagesordnung. Mehr als 2000 auffällige Supplemente wurden in den vergangenen Jahren entdeckt.

„Das Segment ist für Kriminelle so attraktiv, weil es wenig geregelt und gerade im Internethandel unkontrolliert ist“, kritisiert Verbraucherschützerin Clausen. Wer ein Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt bringen will, muss – anders als bei einem Arzneimittel – weder seine Sicherheit noch die Wirksamkeit nachweisen, sondern sein Präparat nur beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit melden und eine Musterpackung mitschicken. Sie wird in aller Regel nicht analysiert, sondern archiviert. Ansonsten liegt die Verantwortung für die Sicherheit beim Hersteller oder Verkäufer. Die Behörden der Länder kontrollieren nur stichprobenartig die bereits auf dem Markt befindlichen Produkte.

„Minimal“ aus dem Internet enthält Sibutramin, das offiziell bereits 2010 vom Markt genommen wurde

Selbst bei Verdacht auf Gesundheitsgefahren kommt man an die Hersteller und Zwischenhändler oft nicht heran, wenn sie etwa in China, Russland oder der Ukraine sitzen. Selbst die Adressen „deutscher“ Onlineshops führen oft nur zu den Brieffächern trostloser Hochhäuser in Berlin oder Basel.

„Wir fordern schon lange, dass Nahrungsergänzungsmittel ähnlich wie Medikamente zugelassen werden sollten“, so Verbraucherschützerin Clausen. Es handele sich eben nicht um Lebensmittel, sondern selbst bei legal verkauften Präparaten oft um isolierte Stoffe in hoher Dosierung.

Im Zweifel: Notarzt rufen

Wer bei einem gekauften Präparat Bedenken hat, findet aktuelle Warnhinweise unter www.klartext-nahrungsergänzung.de sowie eine umfangreiche Liste unter dem Stichwort „Gepanschtes“ auf der Website der Verbraucherzeitschrift „Gute Pillen – Schlechte Pillen“ (www.gutepillenschlechtepillen.de).

Ärzte und Fachgesellschaften halten Nahrungsergänzungsmittel für Gesunde ohnehin meist für überflüssig. „Wenn man sie aber kaufen möchte, sollte man das besser nur im stationären Handel tun, also in Supermärkten, Drogerien oder Apotheken. Nicht im Internet, nicht auf Verkaufspartys und auch nicht unter der Hand von Freunden“, rät Angela Clausen. Wer dennoch Nebenwirkungen an sich feststellt, sollte sich direkt an die Lebensmittelüberwachung in der eigenen Stadt oder im Landkreis wenden, an einen Apotheker oder an eine Verbraucherzentrale. Und im Zweifel einen Notarzt rufen.


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