Wearables: Was Digitale Messgeräte

Wearables: Was Digitale Messgeräte

2018-12-15


Sie sammeln zunehmend mehr Gesundheitsdaten – nicht nur zum Vorteil der Nutzer

Laufende Vermessung: Mini-Computer erheben Gesundheitsdaten und verknüpfen sie. So erfährt der Nutzer mehr über Schlafqualität oder Schrittzahl

Für viele Menschen sind Smartwatches ein Spielzeug: Uhren, die mit dem Mobiltelefon verbunden sind und über Sensoren zudem Werte wie die Herzfrequenz kontrollieren können. Auch für Adam L. (24), Robotik-Student aus Australien, war der kleine Computer an seinem Handgelenk vor allem technisch interessant. Doch schon kurz nach dem Kauf meldete die Uhr ständig, dass mit seinem Herzen etwas nicht in Ordnung sei: Es schlage im Schlaf 130-mal pro Minute. Viel zu schnell für einen jungen und sportlichen Mann. Der Student suchte deshalb ­einen Arzt auf. Der entdeckte einen angeborenen Herzfehler; kurze Zeit später wurde Adam L. operiert.

Technik, die motiviert

Eine Armbanduhr, die Herzleiden erkennt – bis vor Kurzem hätte das nach Fiktion geklungen, heute wird es mehr und mehr zur Realität. Kleine tragbare Geräte (engl.: Wearables) können Gesundheits- und Umweltdaten zunehmend genauer messen – dank raffinierter, winziger Sensoren. Sie überwachen Herzfrequenz und Atem, melden Schlaf- und Wachphasen, messen die Körpertemperatur, registrieren Stürze und Stress oder berechnen verbrauchte Kalorien.

Beworben werden sie von ihren Herstellern mit dem Versprechen, dass die Gesundheit von der Technik profitiere. Dass etwa die Motivation zunehme, gesünder zu leben – mit mehr Bewegung, weniger Stress, besserem Schlaf.

Damit passen die Geräte perfekt in unsere Zeit, findet der Soziologe Dr. Nils Heyen, der am Fraunhofer-­Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) zu neuen Technolo­gien in Medizin und Gesundheits­wesen forscht. "Bei den Nutzern spie­­len Fitness- und Schönheitsideale eine Rolle, aber auch, dass man sich um das eigene Glück sorgt – und eben um die eigene Gesundheit."

Ein teurer Spaß

Die Verbraucher lassen sich das ­etwas kosten. Je nachdem, wie viele Funktionen es bietet, kostet so ein Messgerät zwischen 50 und über 800 Euro. Für die Hersteller sind die kleinen Produkte ein großes Geschäft geworden. Umfrageergebnisse des Bran-chenverbands Bitkom ergaben bereits 2016, dass fast jeder dritte Deutsche die digitalen Helfer nutzt, um Daten über die eigene Gesundheit zu erheben und auszuwerten.

Experten gehen aufgrund aktueller Zahlen davon aus, dass sich der Absatz von Sportarmbändern und Fitnesstrackern seit 2015 fast verdoppelt hat. Etwa 3,58 Millionen wurden 2017 verkauft.

Trotz der großen Verbreitung sind noch viele Fragen offen. Die wichtigste: Helfen die Geräte wirklich dabei, gesünder zu leben? "Bislang ist die Studienlage dazu noch sehr uneinheitlich und insgesamt dünn", sagt Heyen.

Mini-Rechner am Körper

Wearable kommt vom eng­lischen Begriff für "tragbar" und steht für kleine, nah am Körper getragene Computersysteme.

Sensoren, die in Uhren (sogenannten Smartwatches), Fitness-
armbänder, Kleidung oder Pflaster integriert sind, erheben Daten zu Körperfunktionen und übermitteln sie an einen Computer.

Großer Markt, kleine Erfolge

Eine von der EU geförderte Studie, die die Abnehmerfolge übergewichtiger Jugendlicher untersuchte, zeigte einen positiven Effekt, wenn die Probanden digitale Messgeräte für die Datenerhebung nutzten. Sie waren allerdings nur eine von vielen Maßnahmen. Eine größere Studie mit übergewichtigen Teenagern in den USA kam dagegen zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Teilnehmer, die ihre Aktivität mit einem Tracker kontrollieren sollten, nahmen deutlich weniger ab als die Probanden ohne die Messgeräte.

Dabei werden einige der neu entwickelten Funktionen von Medizinern durchaus positiv beurteilt. Herzspezialisten etwa nutzen sie schon länger, zum Beispiel bei Patienten mit Verdacht auf Herzrhythmusstörungen. Eines der führenden amerikanischen IT-Unternehmen stellte im September ein neues Smartwatch-Modell vor, das ein einfaches Elektrokardiogramm (EKG) schreiben kann. Der Nutzer muss nur einen Knopf an der Uhr mit dem Finger berühren.

"Zur Überwachung des Herzrhythmus können Wearables eine effektive Methode sein", sagt Thomas Deneke, Sprecher der Arbeitsgruppe Rhythmologie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Studien zeigen, dass die digitalen Messgeräte Auffällig­kei­ten daran mit 90-prozentiger Sicherheit erkennen. Im vergangenen Jahr erteilte die amerikanische Zulas­­sungs­­behörde für Medizinprodukte FDA der Uhr mit EKG-Funktion deshalb eine Genehmigung.

Beim Blutdruck klappt es nicht

In Deutschland werden die Geräte allerdings ohne diese Funktion auf den Markt kommen. "Wenn so eine Zulassung jedoch kommt, dann könnte das durchaus helfen, manche herzkranke Menschen früher und besser zu behandeln", sagt Deneke.

Eine verlässliche Blutdruckmessung dagegen werden die Geräte wohl erst in den kommenden Jahren leisten können. Verschiedene Firmen arbeiten bereits seit Jahren an Modellen, die den Blutdruck auch ohne die klassische Oberarmmanschette ermitteln.

Vernetzt von Kopf bis Fuß    

Zu den Wearables zählen unterschiedliche Geräte, die Daten erheben, analysieren und versenden

Im Tausch gegen die Daten

Bisher konnten die Bemühungen nicht überzeugen. "International ist das ein heiß diskutiertes Thema, aber die Studien bisher reichen für eine Zulassung oder Empfehlung noch nicht aus", sagt etwa Mark Grabfelder, Geschäftsführer der Deutschen Hoch- druckliga.

Und dann ist da noch der Datenschutz. Häufig kritisieren Verbraucherschützer Apps, die sensible Gesundheitsdaten auswerten. Denn das Interesse an diesen Daten ist groß: bei Herstellern, Forschungseinrichtungen – oder Versicherungen. Ebenso groß ist die Versuchung der Nutzer, bei den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Anbieter einfach ein Häkchen zu setzen – und damit die ei­genen Daten aus der Hand zu geben.

In Europa sind der Nutzung solcher ­Daten gesetzliche Grenzen gesetzt. In den USA jedoch gibt es bereits Ver­sicherer, die Lebensversicherungen nur noch Kunden anbieten, die im Gegenzug die Daten ihrer Fitness­tracker zur Verfügung stellen.

Geringverdiener außen vor

Dabei könnten die Daten durchaus sinnvoll eingesetzt werden, sind Experten wie Nils Heyen überzeugt. Bislang werden die nicht ganz billigen Geräte vor allem von Menschen genutzt, die ohnehin gesundheitsbewusst leben.

Diejenigen, denen es im Alltag schwerfällt, sich in ausreichendem Maß zu bewegen oder gesund zu ernähren, bleiben ­dagegen außen vor. Geringverdiener zum Beispiel oder Alleinerziehende. Datenwolken könnten hier ansetzen und Ideen für bessere Präventionsangebote liefern. Soziologe Heyen bedauert: "Bislang ist das eher ein Versprechen geblieben."

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