Steigert eine künstliche Befruchtung das Risiko einer Frühgeburt?

Steigert eine künstliche Befruchtung das Risiko einer Frühgeburt?

2019-01-16

Fast jedes zehnte Kind in Deutschland kommt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Deutschland vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt, also mindestens drei Wochen zu früh. Aufgrund der guten medizinischen Versorgung hierzulande bereitet das längst nicht immer Probleme. Selbst Frühchen, die bei der Geburt weniger als 1000 Gramm wiegen, haben inzwischen gute Überlebenschancen. Doch je kürzer eine Schwangerschaft dauert, desto größer sind die Gesundheitsrisiken für die Kinder.

Typisch sind beispielsweise Probleme beim Atmen oder mit dem Herzen. Auch die Entwicklung des Gehirns kann beeinträchtigt sein und dadurch auch die geistigen Fähigkeiten. Wiegt das Kind bei der Geburt weniger als 2500 Gramm, gilt es zudem als zu leicht.

Risikofaktor künstliche Befruchtung

Die Gründe für eine Frühgeburt sind vielfältig und meist nicht eindeutig zu bestimmen. Laut Medizinern können Infektionen ebenso eine Rolle spielen wie Rauchen, Stress, Mehrlingsschwangerschaften, das Alter und der sozioökonomische Status der Eltern. Auch eine künstliche Befruchtung gilt mehreren Studien zufolge als Risikofaktor.

Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2014 war das Risiko für eine Fehlgeburt nach einer künstlichen Befruchtung etwa doppelt so hoch im Vergleich zu einer natürlichen Zeugung. Außerdem waren die untersuchten Kinder dreimal so häufig zu leicht. Die Forscher vermuteten damals, dass während der künstlichen Befruchtung die Ei- und Samenzellen beschädigt worden sein könnten, was zu einer höheren Rate an Frühgeburten beigetragen haben könnte. Genauer untersucht wurde diese Vermutung jedoch nicht.

Eingriff an sich führt nicht häufiger zu Frühgeburten

Eine neue Studie legt nun nahe, dass nicht die künstliche Befruchtung an sich zu der höheren Rate an Frühgeburten führt. Entscheidend seien vielmehr Faktoren, die Paare mit Empfängnisproblemen generell betreffen, schreiben Forscher im Fachblatt „The Lancet“.

Sie hatten dafür die Daten von 1245 Geschwistern analysiert, die zwischen 1995 und 2000 in Finnland geboren und von denen mindestens eines natürlich und eines mittels künstlicher Befruchtung gezeugt worden war. Die Forscher gehen davon aus, dass die Eltern in den meisten Fällen dieselben geblieben sind – nachvollziehen konnten sie das anhand der anonymisierten Daten allerdings nicht.

Ihr Ergebnis: Nach einer künstlichen Befruchtung kamen die Kinder ähnlich häufig zu früh oder zu leicht auf die Welt wie ihre auf natürlichem Weg gezeugten Geschwister. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die Ursache für Frühgeburten eher bei den Eltern zu suchen ist und nicht bei dem Eingriff selbst.

Psychische Entlastung

Warum Kinder von Paaren mit Empfängnisproblemen ein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt haben, ist noch unklar. „Vermutlich spielt die reduzierte Fruchtbarkeit selbst eine Rolle“, sagt Alice Goisis vom Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPDIDR) in Rostock, die an der Studie mitgearbeitet hat.

Das Studienergebnis könne Paaren helfen, die mit der Entscheidung hadern, ob sie sich für oder gegen eine künstliche Befruchtung entscheiden sollen. „Paare mit bisher unerfülltem Kinderwunsch müssen sich nicht mehr gegen eine künstliche Befruchtung entscheiden, weil sie dadurch vermeintlich die Geburtsrisiken für ihr Kind erhöhen“, sagt Mikko Myrskylä, Autor der Studie und Direktor des MPDIDR.

Es spiele für die Psyche der Eltern eine große Rolle, ob sie für ihre Kinder ein erhöhtes Risiko in Kauf nehmen müssen, an dem sie ohnehin nichts ändern können, oder ob sie die Gefahr für ihre Kinder willentlich steigern.

Die Zahl der künstlichen Befruchtungen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Laut dem deutschen IVF-Register sind im Jahr 2015 in Deutschland etwa 20.000 Babys nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt gekommen.

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