Soll die Pille für Bedürftige kostenfrei sein?



Viele Frauen in Deutschland können sich Verhütungsmittel finanziell nicht leisten. Die Bundesregierung zögert, den Betroffenen zu helfen. Jetzt gibt es ein Modellprojekt

Reicht das Geld noch für die Verhütung? Laut Studie der BZgA für Empfänger von Sozialleistungen öfter nicht

Schmerzmittel oder eine Packung Antibabypillen? Frauen mit wenig Geld müssen solche Entscheidungen treffen. Und viele scheinen das Schmerzmittel zu wählen. So zeigt eine Studie der Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), dass ein Viertel der Frauen, die Sozialleistungen beziehen, schon einmal aus Kostengründen auf Pille oder Spirale verzichtet hat.

Grundrecht Familienplanung

Um diesen Zustand zu beenden, hat der Bundesrat Ende 2017 auf Initiative mehrerer Bundesländer die Regierung aufgefordert, die Kosten für ärztlich verschriebene Verhütungsmittel für einkommensschwache Frauen unbürokratisch zu übernehmen. Schließlich ist der freie Zugang zu Verhütungsmitteln ein Grundrecht. Das wurde bereits vor 40 Jahren auf der ersten UN-Menschenrechtskonferenz beschlossen.

Auch die Bundesregierung bekräftigt das auf einer Internetseite des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort lässt sich nachlesen, dass jeder Mensch das Recht auf sexuelle und reproduk­tive Selbstbestimmung hat – und dass dazu der freie Zugang zu Verhütungsmitteln gehört, unabhängig von Geschlecht, Alter und Familienstand. In diesem Sinne fördert Deutschland entsprechende Programme im Ausland. Allerdings sieht die Situation hierzu­lande anders aus.

16 Euro im Monat für Arbeitslose zur Gesundheitspflege

Seit 2004 haben Frauen mit wenig Geld – dazu zählen auch Studentinnen und Auszubildende – keinen Anspruch mehr auf kostenfreie Verhütungsmittel. Mit den damals eingeführten Hartz-IV-Gesetzen ist sichere Verhütung eine Frage der finanziellen Situation geworden. Das Arbeitslosengeld II sieht für Gesundheitspflege eine Pauschale von rund 16 Euro monatlich vor.

Davon auch Verhütungsmittel zu bezahlen ist kaum möglich. Eine Packung der Antibabypille kostet laut pro familia bis zu 21 Euro, je nach Hersteller und ­Packungsgröße. Wer sich eine Kupferspirale für etwa fünf Jahre einsetzen lässt, zahlt bis zu 300 Euro. Das entspricht einer monatlichen Belastung von rund fünf Euro. Doch können viele Frauen nicht in Vorleistung gehen.

Regionale Unterschiede in der Kostenübernahme

Das Land Berlin und auch einige ­Kommunen, etwa Flensburg, München, Münster, Oldenburg und Paderborn, übernehmen die Kosten für einkommensschwache Frauen. "Wir brauchen aber eine bundeseinheitliche Lösung", fordert Professorin Cornelia Helfferich, Soziologin an der Evangelischen Hochschule in Freiburg. Sie hat für die BZgA die Studie zur Familienplanung geleitet. "Sonst gibt es einen schwer durchschaubaren Flickenteppich unterschiedlicher Lösungen, die jederzeit wieder gekürzt werden können."

Modellprojekt von pro familia

Dass der Bedarf groß ist, zeigt ein Modellprojekt, das derzeit an sieben Standorten in Deutschland läuft. Im Rahmen von "biko" können Frauen, die ein geringes Einkommen oder Sozialleistungen beziehen, sichere und gut verträgliche Verhütungsmittel relativ unbürokratisch erhalten. Pro familia führt das Projekt durch, das Bundes­familienministerium fördert es. Die erhobenen Daten sollen der Regierung als Grundlage dienen, um zu ermitteln, wie viele Frauen Unterstützung brauchen. Biko läuft noch bis Juni 2019.

Biko: So läuft das Projekt ab

Teilnehmen können Frauen in Erfurt, Halle an der Saale, Ludwigsfelde (Kreis Teltow- Fläming), Lübeck, Recklinghausen, Saarbrücken und Wilhelmshaven. Sie müssen nachweisen, dass sie nicht genug Geld für Verhütungsmittel haben, und brauchen zudem ein Rezept von der Gynäkologin. Wer möchte, kann sich in einem Gespräch noch einmal beraten lassen. Mehr Informationen finden Sie auf www.biko-verhuetung.de oder beim pro familia Bundesverband (Telefon: 0 69/26 95 77 90).

Großer Bedarf

Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Initiative dringend benötigt wird. "Die Frauen nehmen das Angebot sehr gut an. Wir haben an allen Standorten eine hohe Nachfrage", berichtet die biko-Leiterin Alexandra Ommert. Das bestätigt auch Brandenburgs Sozialministerin Diana Golze (Die Linke): "Ich kenne biko in Ludwigsfelde. Dort ist der Bedarf enorm." Es bleibt unklar, warum der Bedarf für ein bereits eingeräumtes Grundrecht überhaupt wiederholt geprüft werden muss. Untersuchungen der BZgA ergaben bereits 2015, dass ­eine sichere Verhütung häufig am Geld scheitert.

Abtreibungen, weil Verhütung zu teuer war

Hinzu kommt: Wird eine Frau mit wenig Geld ungewollt schwanger und entscheidet sich für eine Abtreibung, übernehmen die Länder die Kosten. "Das ist zynisch und inkonsequent", sagt Politikerin Golze. Zumal eine Auswertung der Soziologin Helfferich zeigte: Frauen mit wenig Geld, die eine Schwangerschaft abbrachen, hatten zu einem erhöhten Prozentsatz nicht verhütet. Es war zu teuer, gaben sie als Grund an. Helfferich: "Da haben wir noch mal den direkten Zusammenhang."

Ein weiterer Punkt, der mitunter für Irritationen sorgt: Um ein verschreibungspflichtiges Verhütungsmittel zu bekommen, müssen Frauen vorher ein Gespräch mit ihrem Arzt führen. "Die Kosten für diese Konsultation begleicht die Krankenkasse", sagt Carola Bury, Referentin für Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer in Bremen. "Die Pille zu kaufen ist dann plötzlich Privatsache." Das Bundesgesundheitsministerium argumentiert, dass Verhütung eine versicherungsfremde Leistung sei, die nicht in den Katalog der Kassen fällt. Der Wunsch zu verhüten sei kein krankhafter Zustand.

Erst nach dem Modellprojekt fällt eine Entscheidung

Aktuell ist eine Entscheidung, ob ­sichere Verhütungsmittel für Geringverdienerinnen kostenfrei bereitgestellt werden, nicht absehbar. Im Koalitionsvertrag wurde zu diesem Thema nichts vereinbart. "Im Moment liegt der Ball in Berlin", sagt Diana Golze. Eine Sprecherin des Bundesministeriums für Gesundheit bestätigt: Man könne die Lage erst dann vollständig bewerten, wenn die endgültigen Ergebnisse von biko vorliegen.

Lesen Sie auch:

Verhütung: So finden Sie die richtige Pille

Mehr als die Hälfte der deutschen Frauen nimmt zum Schutz vor einer Schwangerschaft Hormone. Welche Präparate es gibt, was Sie bei der Auswahl beachten sollten – plus Faktenbox zu Nutzen und Risiken

Source: Read Full Article