Die Welt der grauhaarigen Unsterblichen

Die Welt der grauhaarigen Unsterblichen

2019-11-30

„Jede Woche verlängert sich unser Leben um ein Wochenende.“ Der Satz stammt vom niederländischen Altersforscher Rudi Westendorp. Wie kommt er zustande? Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt hat sich in der jüngeren Vergangenheit im Westen pro Jahrzehnt um zwei bis drei Jahre verlängert. Dieses Verhältnis hat Westendorp auf eine Woche umgerechnet.

Kinder, die heute in Deutschland zur Welt kommen, werden mit einiger Wahrscheinlichkeit über hundert Jahre alt. Eine Welt der Hundertjährigen würde sich für einen Menschen des 16. Jahrhunderts anfühlen wie ein anderer Planet, bewohnt von grauhaarigen Unsterblichen.

Die Lebenserwartungskurve Großbritanniens, wo Daten seit dem Jahr 1543 vorliegen, zeigt zunächst über drei Jahrhunderte hinweg keinerlei Entwicklung: Wer über 35 war, war statistisch so gut wie tot. Zwar gab es auch 40-, 50-, sogar 60-Jährige. Doch die Zahl derer, die direkt nach der Geburt starben, war entsetzlich hoch. Dann, von der Mitte des 19. Jahrhunderts an, getrieben von wachsendem Wohlstand und medizinischen Errungenschaften, ging es aufwärts.

Apropos Medizin: Glücklich können sich wie immer diejenigen schätzen, die in reichen Ländern wohnen. Je reicher ein Land wird, desto mehr Geld kann dort auch für die Gesundheitsversorgung gezahlt werden. Das hat eine Studie ergeben, die auch wachsende Bruttoinlandsprodukte mit wachsenden Gesundheitsausgaben verknüpft. Demnach unterscheiden sich die jeweiligen Ausgaben zwischen 33 Dollar pro Kopf in Somalia, 5356 Dollar in Deutschland und 9237 Dollar in den USA.

Das heißt nicht zwangsläufig, dass in den Ländern mit der höchsten Zahlungsbereitschaft auch die gesündesten Menschen leben. Aber wir Erdenbürger haben dadurch verschiedene Startbedingungen für ein langes Leben.

Wie sehr die Lebenserwartung vom Geburtsland abhängt, zeigt die Website population.io: Der deutsche Weltbank-Ökonom und Big-Data-Virtuose Wolfgang Fengler hat sie gebaut. Wer sein Geburtsdatum und -land eingibt, darf nicht nur sein statistisch wahrscheinlichstes Todesdatum zur Kenntnis nehmen, sondern stellt auch fest, wie alt er schon im internationalen Vergleich ist.

Man kann sich dann zum Vergleich auch als Bürger eines anderen Landes ausgeben: Als US-Amerikaner mit dem Geburtsdatum 1. Mai 1980 hätte man laut Statistik noch 46,2 Jahre vor sich, als Somalier nur noch 33.

Doch Schluss mit der Todesdatum-Rechnerei. Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte musste man froh sein, es überhaupt bis 40 zu schaffen! Heute liegt die Lebenserwartung im globalen Mittel bei 70 Jahren.

Wo soll das enden? In der menschlichen DNA sei keine maximale Lebensdauer festgelegt, sagt Altersforscher Westendorp: „Der erste Mensch, der 135 Jahre alt werden wird, ist heute bereits geboren.“

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09.09.2019, 13:54 Uhr
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Dies ist die Online-Ausgabe der SPIEGEL-Rubrik „Früher war alles schlechter“ von Guido Mingels. Mehr Nachrichten mit Trends zur Verbesserung der Welt gibt es auf der Themenseite: Früher war alles schlechter.

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