‚Dieser Hirnverfall tritt schon ab 45 Jahren auf – das sind die Anzeichen

‚Dieser Hirnverfall tritt schon ab 45 Jahren auf – das sind die Anzeichen

2020-01-10

Bei der frontotemporalen Demenz bleibt das Gedächtnis lange Zeit erhalten, aber die Persönlichkeit verändert sich radikal. Medizinisch lässt sich das Schicksal der relativ jungen Patienten nicht aufhalten. Was die Erkrankung bremst, sind körperliche und geistige Aktivität.

Die frontotemporale Demenz (FTD) ist eine eher seltene Form des Gehirnverfalls. Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft gehen maximal neun Prozent aller Demenzerkrankungen auf den Abbau von Nervenzellen im Stirnhirn (Frontallappen) und in den Schläfenlappen (Temporallappen) zurück. Daher kommt auch der wenig bekannte Namen der Erkrankung, die sich von Alzheimer unterscheidet:

  • Zum einen macht sich die frontotemporale Demenz sehr früh bemerkbar, oft schon mit Mitte 40.
  • Zu 30 Prozent wird die Erkrankung vererbt, für Alzheimer gilt das nur für ein Prozent.
  • Und, anders als bei Alzheimer, bleiben Gedächtnis und Erinnerung intakt.
  • Bei den Betroffenen verändern sich Persönlichkeit und Verhalten.
  • Den Kranken selbst ist ihr desinteressiertes und gefühlloses Auftreten anderen gegenüber nicht bewusst.

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Diese Demenz raubt Betroffenen ihr Wesen, nicht das Gedächtnis

Die Neurologin Kaitlin Casaletto hat am Memory and Aging Center der Universität von Kalifornien in San Francisco eine Studie zur FTD durchgeführt, die Anfang Januar im Fachmagazin „Alzheimer’s and Dementia“ erschienen ist. Die Wissenschaftlerin wollte herausfinden, was den Menschen helfen kann, die in der Lebensmitte zu einer teilnahmslosen oder reizbaren, apathischen oder taktlosen Person werden.

„Es ist eine verheerende Krankheit, und besonders schlimm für die Familien, die dramatische Veränderungen bei einem geliebten Menschen sehen“, sagt Casaletto. „Die Betroffenen selbst halten sich ja meist für völlig gesund.“

Körperliche und geistige Aktivität halbieren das Tempo des Verfalls

Die Untersuchung von 105 Teilnehmern mit der erblichen Form der Krankheit zeigte, dass Betroffene, die geistig und körperlich besonders aktiv sind, das Fortschreiten der Krankheit deutlich verlangsamen konnten. Gegenüber der inaktivsten Gruppe ging es mit den kognitiven Fähigkeiten nur halb so schnell bergab.

Casaletto und ihre Kollegen folgern daraus, dass Verbesserungen im Lebensstil den Patienten am meisten helfen könnten, die Erkrankung zu verzögern. „Es war ein bemerkenswerter Effekt“, sagte Casaletto. „Wenn das ein Medikament wäre, würden wir es allen unseren Patienten geben.“

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In der häufigsten Form der FTD, der sogenannten „Verhaltensvariante“, verlieren die Betroffenen ihre Fähigkeit, ihr logisches Denken und ihre Emotionen zu kontrollieren. Die Denkfähigkeit sitzt in den Frontallappen, die Emotionen eher in den temporalen Lappen.

Taktlos, sprachlos und irgendwann bewegungslos

„Die Verbindung der beiden ist von entscheidender Bedeutung“, sagt Casaletto. "Wenn im Frontallappen das rationale Kontrollzentrum sitzt und die Temporallappen für Empathie und Wut verantwortlich sind, können Sie sich vorstellen, wie unkontrolliert ein Mensch wird, bei dem diese Bereiche degenerieren.“

In anderen FDT-Varianten befällt die Krankheit überwiegend Bereiche des Frontallappens, die für die Benennung von Objekten, die Wortfindung und die Aussprache von Wörtern verantwortlich sind. Die Folge sind Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Sprechen.

Mit fortschreitender Krankheit haben die Menschen Probleme, sich zu konzentrieren, rationale Entscheidungen zu treffen und Gesprächen zu folgen. Manche essen ungebremst viel, besonders Süßes, vernachlässigen die Körperhygiene oder entwickeln einen Kaufzwang. Die Muskelkraft lässt nach, die Bewegungen werden langsamer und das Schlucken macht Probleme. 

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Die Medizin kann kaum wirksam helfen

Es gibt keine Heilung und die Therapiemöglichkeiten sind begrenzt. Antidepressiva, sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, können die Reizbarkeit, Unruhe und Apathie mildern. Die Lebenszeit nach der Diagnose beträgt nur sechs bis zehn Jahre.

Die aktuelle Alzheimer-Forschung legt nahe, dass Lebensstilfaktoren wie ausreichender Schlaf, gesunde Ernährung sowie körperliches und geistiges Training die Hirngesundheit verbessern können. Kaitlin Casalettos Studie sollte untersuchen, ob das auch für Menschen mit der FT-Demenz zutrifft.

Die Probanden hatten zu Beginn der Studie nur leichte Symptome im Frühstadium der Krankheit. Sie absolvierten Denk- und Gedächtnistests, MRT-Aufnahmen zeichneten den Zustand des Gehirns auf. Angehörige sollten über die kognitiven und körperlichen Aktivitäten Buch führen. Nach zwei Jahren wurden die Anfangsuntersuchungen wiederholt und die notierten Aktivitäten ausgewertet.

Jede Bewegung und jede geistige Beschäftigung zählen

Die Art der körperlichen Aktivität der Teilnehmer war nicht entscheidend. Es konnte Gehen, Joggen, sogar Haus- und Gartenarbeit sein. „Studien zeigen, dass sogar Gehen mit besseren kognitiven Ergebnissen verbunden ist“, sagt Casaletto. „Es scheint, dass jede Bewegung zählt.“

Ein kognitiv aktiver Lebensstil war definiert als Lesen, Schreiben, ein Konzert besuchen, Geselligkeit pflegen, Rätsel lösen oder Hobbys nachgehen – alles zählte, was das Gehirn herausfordert.

Das Gehirn verfällt weiter, aber der Kopf funktioniert

Die Ergebnisse nach zwei Jahren waren deutlich: Trotz fortschreitender Degeneration des Gehirngewebes, erzielten die Personen mit der höchsten körperlichen und geistigen Aktivität bei den kognitiven Tests doppelt so gute Ergebnisse wie die am wenigsten aktiven Probanden.

Nun wird die Studie fortgesetzt und ausgeweitet. Die Teilnehmer sollen mit Fitness-Trackern ausgestattet werden, um besser zu verstehen, welche Art von körperlicher Aktivität besonders vorteilhaft ist.

Die Botschaft der Studie: Eine gewisse Kontrolle über die Hirngesundheit ist möglich

Das derzeitige Zwischenergebnis soll dazu beitragen, die Haltung „Wir können nichts tun“ zu überwinden. „Risikopersonen sollten sich befähigt und zuversichtlich fühlen, dass sie ein gewisses Maß an Kontrolle über ihre Gehirngesundheit erlangen können“, urteilt Richard Isaacson, Leiter der Alzheimer’s Prevention Clinic an der medizinischen Fakultät der Cornell Universität in New York.

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