Morgenstund’, Gift im Mund: Wie eine Tasse Kaffee einen Mann  verrückt werden ließ

Morgenstund’, Gift im Mund: Wie eine Tasse Kaffee einen Mann verrückt werden ließ

2019-07-19

Der 59-Jährige war in erbärmlichem Zustand, als er die Tagesklinik des Massachusetts General Hospital in Boston betrat. Vor drei Tagen hatte er sich noch völlig normal gefühlt. Jetzt litt er unter starken Bauch- und Gelenkschmerzen und Übelkeit. Seine Fußknöchel waren geschwollen, er schlief schlecht und hatte einen widerlichen Geschmack im Mund.

Bei der Blutuntersuchung fiel sein extrem niedriger Hämatokrit-Wert auf: Der Mann hatte viel zu wenig rote Blutkörperchen. Wegen der Kombination aus Bauchweh und Blutarmut vermuteten die Ärzte ein offenes Magengeschwür und entließen den Patienten mit Säureblockern und einer Einladung zur Magenspiegelung.

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In den nächsten Tagen ging es ihm aber so schlecht, dass er sich mehrmals bei seinem Hausarzt und in der Notaufnahme meldete: Die Schmerzen zogen sich nun bis in Brust und Beine, mehrmals hatte er das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. Jetzt wurde er stationär aufgenommen.

Auch psychisch wirkte er angeschlagen, erinnert sich die Internistin Leigh Simmons, die ihn untersuchte und den Fall im New England Journal of Medicine beschrieb: „Am Tag seiner Aufnahme weinte und lachte er abwechselnd. Er hatte Angst, dass er sterben müsse, aber es war ihm offenbar auch peinlich, so krank zu sein.“

Bei der nun folgenden Magenspiegelung fand sich kein Geschwür, Blutwerte und Computertomografie lieferten weder Hinweise auf Tumoren noch auf eine Entzündung. Der Patient gab zwar an, täglich Wein zu trinken, aber für eine Alkoholleber waren seine Werte zu unauffällig.

Auf die richtige Spur kamen die Ärzte erst durch eine Testfärbung der Blutprobe: Unterm Mikroskop fielen dunkle Pünktchen in den Zellen auf, die auf eine genetisch bedingte Fehlfunktion der roten Blutkörperchen hinweisen können. In Verbindung mit einer Störung des Geschmackssinns sind solche Tüpfel allerdings ein Alarmzeichen für eine Bleivergiftung – erst recht zusammen mit Bauchschmerzen und psychischen Problemen, da Blei auch die Nervenzellen angreift.

Schwermetall im Blut

Im Blut des Mannes fanden sich tatsächlich 910 Mikrogramm Blei pro Liter. 100 hält die Weltgesundheitsorganisation gerade noch für tolerabel. Er bekam Tabletten zur Entgiftung und fühlte sich schon nach zwei Tagen besser.

Aber wo hatte er sich das Schwermetall eingefangen? „Ich fragte den Patienten nach möglichen Bleiquellen“, beschreibt Leigh Simmons ihre Recherchen. „Er arbeitete im Homeoffice, also konzentrierten wir uns auf Quellen daheim.“ Welche Gewohnheiten hatte er, was aß und trank er? Nach seinem Frühstück befragt, erzählte er von einem antiken russischen Emaillelöffel, mit dem er morgens seinen Kaffee umrührte. Ein Labor bestätigte, dass der zu 50 Prozent aus Blei bestand und das Gift anscheinend Tag für Tag freisetzte.

Für den schönen Glanz werden Bleiverbindungen bis heute auch in Glasuren für Porzellan und Keramik verwendet. Heute ist das Metall darin meist chemisch fest gebunden und gelangt kaum in Lebensmittel. Als Bleischleudern fallen bei Kontrollen allerdings manchmal bunt bemalte Keramik-Importwaren auf, darunter auch buntes Kindergeschirr. Über betroffene Produkte informieren die Untersuchungsämter der Bundesländer.

Von buntem Ess- und Trinkgeschirr als Mitbringsel aus dem Urlaub raten die Behörden eher ab. Es sei denn, man will die Stücke nur auf die Kommode stellen und angucken.

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