So beugen Sie einem Schlaganfall vor



Verstopft ein Gerinnsel ein Gefäß im Gehirn, hat das oft schwere Folgen für den Patienten. Doch die Risiken für einen Schlaganfall lassen sich beeinflussen. Welche Rolle Blutdruck, Ernährung und Bewegung spielen

Sport kann Risikofaktoren für den Schlaganfall günstig beeinflussen, zum Beispiel Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes vorbeugen

Es regnet. Statt der Alpen sind im oberbayerischen Aschau ringsum heute nur Wolkenberge zu sehen. Eigentlich kein Wetter für einen Spaziergang. Therese Schmid (66) macht sich trotzdem auf den Weg. "Es kann ja nicht immer die Sonne scheinen", sagt sie. Zweimal pro Woche gehen sie und ihr Mann die Strecke von ihrem Haus in Richtung Schule. Nicht um zu lernen, sondern weil sie an einer Studie teilnehmen.

"Druck runter, Aktivität rauf!" heißt das Präventionsprojekt, bei dem ältere Bürger aus dem Ort Kinder auf ihrem Schulweg begleiten. "Uns interessiert vor allem, ob sich damit etwas gegen hohen Blutdruck tun lässt – den wichtigsten Risikofaktor für Herz-Kreislauf-­Erkrankungen wie den Schlaganfall", sagt die Präventionsforscherin Dr. Birgit Böhm von der Technischen Universität München, die das Projekt betreut.

Der Lebensstil spielt eine wichtige Rolle

Der Schlaganfall stellt in Deutschland ­eine der größten Gefahren für die Gesundheit dar. Jedes Jahr trifft er rund 270 000 Menschen. Zu der Durchblutungsstörung des Gehirns kommt es meist, wenn ein Gefäß im Kopf verengt oder verschlossen ist. Seltener steckt eine Hirnblutung dahinter. Für die Betroffenen sind die Konsequenzen oft dramatisch. Kein anderes Ereignis ist für so viele Fälle von Behinderung verantwortlich. Die Akutbehandlung des Schlaganfalls hat zwar in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Wichtiger ist dennoch die Vorbeugung.

"Die Studien zeigen deutlich, dass sich durch den individuellen Lebensstil viele Risikofaktoren gut beeinflussen lassen", sagt Professor Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention. Welche Faktoren das sind, untersuchten Forscher anhand der Daten von über 13 000 Schlaganfallpatienten aus 32 Ländern. Ergebnis dieser sogenannten Interstroke-Analyse: Neun von zehn Attacken hängen direkt oder indirekt mit dem Lebensstil zusammen. Die meisten wären also vermeidbar.

Prävention klärt über die Risikofaktoren eines Schlaganfalls auf

Auf Platz eins der Risiko-Rangliste steht der Bluthochdruck. Den Betrof­fenen ist das nicht immer bewusst. Experte Krämer erklärt Patienten den Zusammenhang damit, dass Bluthochdruck die Gefäße im ganzen Körper schädigen kann – auch die im Gehirn. Geht man jedoch gegen ihn vor, sinkt ­ die Schlaganfall-Gefahr. "Idealerweise können Patienten mit Bewegung, Gewichtsreduktion und einer kochsalz­armen Diät eine deutliche Verbesserung bewirken", sagt Krämer. Häufig gehören jedoch blutdrucksenkende Arzneien ebenfalls zur Vorsorge. 

Bei der Entstehung eines Schlaganfalls sind verschiedene Risikofaktoren eng miteinander verknüpft. Bewegungsmangel zum Beispiel trägt zusätzlich zu Übergewicht bei. Beides fördert wiederum Diabetes und schlechte Blutfettwerte – weitere Risikofaktoren für eine Attacke. Um diese Zusammenhänge geht es auch im Aschauer Präventionsprojekt. Wissenschaftlerin Böhm arbeitet dabei eng mit einer Apotheke vor Ort zusammen. "Wir beraten hier täglich Menschen, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Gesunder Lebensstil und Vorsorge sind uns deshalb ein großes Anliegen", sagt die Apothekerin Claudia Zangerl.

Gemeinsam mit Böhm veranstaltete sie zwei Aktionstage rund um das Thema Herz- und Gefäßgesundheit. Dabei konnten die meisten Studienteilnehmer gefunden werden. "Die Bereitschaft, über die eigene Gesundheit zu sprechen, ist in der Apotheke sehr hoch. Deshalb ist das Thema Prävention dort gut aufgehoben", erklärt Böhm. Viermal im Lauf der eineinhalb Jahre werden die Studienteilnehmer untersucht, und ihr Blutdruck wird gemessen. Alle bekommen einen Aktivitäts-Tracker, der jeden Schritt zählt und die Herzfrequenz überwacht. Mindestens 10 000 Schritte sollten die Probanden pro Tag gehen. Ob sich dadurch die Werte – wie erhofft – senken lassen, soll die Auswertung im kommenden Jahr zeigen.

Diese Maßnahmen reduzieren das Schlaganfallrisiko


Senken Sie Ihren Blutdruck

Für Experten der wichtigste Schritt. Gute Werte können das Risiko um bis zu 40 Prozent verringern.

Hören Sie auf zu rauchen

Etwas jede fünfte Attacke könnte vermieden werden, wenn Patienten ihre Nikotinsucht überwinden. 

Ernähren Sie sich gesund und ausgewogen

Viel Gemüse, Obst und Fisch, wenig Salz – das schützt die Gefäße. Weiterer Tipp: wenig oder keinen Alkohol trinken 

Bewegen Sie sich ausreichend

Davon profitiert das Herz-Kreislauf-System. Zudem sinkt das Risiko für Bluthochdruck, Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen.

Risikofaktor Vorhofflimmern: Auf den Herzschlag hören

Aber nicht alle Risikofaktoren lassen sich so gut beeinflussen wie der Blut­­hochdruck. So steigert zum Beispiel auch Vorhofflimmern die Gefahr. Diese verbreitete Herzrhythmusstörung wird jedoch vielfach nicht entdeckt. "Kardio­logen sehen solche Patienten oft erst dann, wenn diese bereits den ersten Schlaganfall hatten", sagt Dr. Phi­lipp Sommer vom Herzzentrum Leipzig. Beim Vorhofflimmern gerät das Herz aus dem Takt, es schlägt unrhythmisch und häufig deutlich zu schnell. Etwa 15 Prozent aller Attacken werden dadurch verursacht.

"Durch die unregelmäßige Pumptätigkeit bilden sich Blutgerinnsel im Herzen, die wiederum Gefäße im Gehirn verstopfen können", erklärt Experte Sommer. Für eine frühere Diagnose wäre es wichtig, dass Menschen über 65 öfter "auf ihr Herz hören". Denn viele Betroffene spüren das Vorhofflimmern als etwas unregelmäßigen, schnelleren Herzschlag. "Sie können dann auch den Puls selbst am Handgelenk ertasten und eventuelle Unregelmäßigkeiten abklären lassen", erläutert Sommer. Blutdruckmessgeräte helfen mitunter ebenfalls, Rhythmusprobleme zu erkennen. "Wenn dabei das Signal der Arrhythmie-Erkennung öfter leuchtet, sollte man das ernst nehmen und zum Arzt gehen", betont der Kardiologe.

Prävention: Für Bewegung und gesunde Ernährung ist es nie zu spät

Dieser veranlasst bei einem Verdacht ein EKG oder Langzeit-EKG. Nach der Diagnose bekommen Pa­tienten Medikamente, die die Blutgerinnung hemmen. Diese sogenannte Antikoagulation bietet in vielen Fällen einen guten Schutz vor Gerinnseln im Herzen. Selbst wenn jemand bereits Arzneien nehmen muss, ist es für Prävention nicht zu spät, betont Sommer. Das Risikofaktoren-Modell sei nicht statisch, sondern dynamisch. "Man hat es auch mit einem oder mehreren Risikofaktoren ­selber in der Hand, das Risiko günstig zu beeinflussen – und bleibt seines eigenen Glückes Schmied!" 

Studienteilnehmerin Therese Schmid hat das verinnerlicht. Der Aktivitäts-Tracker am Handgelenk ist trotzdem eine Motivation. "Man kann genau erkennen, wie viel oder wenig man sich bewegt." Sieht sie abends auf dem Display, dass es eben noch nicht reicht mit den Schritten, geht sie mit ihrem Mann eine Extrarunde. "Wir sind schon fast ein bisschen ehrgeizig geworden."

Diese drei Werte zählen fürs Schlaganfallrisiko:

  • Blutdruck: Meist gelten Werte von unter 140/90 mmHg als ideal.
  • Blutfett: Ohne weitere Risikofaktoren sollte das Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl liegen, das LDL unter 160 mg/dl.
  • Blutzucker: Diabetiker müssen ihre individuellen Zielwerte mit dem Arzt absprechen.

Mit dieser Notfallregel erkennen auch Laien einen Schlaganfall

Kommt es zu einem Schlaganfall, läuft für den Betroffenen die Zeit. "Time is brain, zu Deutsch Zeit ist Hirn – das ist bei der Akutversorgung die allerwichtigste Regel", sagt Professor Heinrich Audebert vom Centrum für Schlaganfallforschung der Charité Berlin. Sobald das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, setzt bei den Nervenzellen ein Massensterben ein. Millionen von ihnen können unwiederbringlich verloren gehen, Nervenverknüpfungen nicht mehr funktionieren. 

Je schneller der Patient ins Krankenhaus kommt, desto besser kann der Schaden begrenzt werden. Seit Jahren arbeiten Experten daran, die Zeit zwischen dem Schlaganfall und der Kli­nik­einlie­ferung zu verkürzen. "Viele Betroffene suchen zunächst ihren Hausarzt auf, anstatt gleich den Notarzt zu rufen", sagt Professor Darius Nabavi von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Dadurch gehe wertvolle Zeit verloren. 

Der sogenannte FAST-Test kann dabei helfen, die wichtigsten Symptome richtig zu deuten. Es gibt jedoch noch weitere Anzeichen, die der Test nicht erfasst. Zum Beispiel plötzlich auftretende Gleichgewichtsstörungen, einseitiges Taubheitsgefühl, Schwindel, Bewusstlosigkeit oder schlagartig einsetzende extreme Kopfschmerzen. Sehstörungen können ebenfalls vorkommen, bis hin zur vorübergehenden Erblindung.

Bei solchen Symptomen ebenfalls den Notarzt rufen – auch wenn die Beschwerden wieder verschwinden oder nachlassen. Sie können Vorboten eines Schlaganfalls sein. Mittlerweile erkennen offenbar mehr Menschen die Symptome – und rufen direkt den Notarzt. Zahlen aus Baden-Württemberg zeigen, dass noch im Jahr 2006 ein Drittel der Schlaganfall-Patienten die Klinik über den Hausarzt erreichte. Zehn Jahre später hat sich dieser Anteil halbiert.

Lesen Sie auch

Schlaganfall: Mit Strom und Magneten wieder mobil

Nach einem Schlaganfall müssen manche Patienten das Laufen oder Sprechen wiedererlernen. Methoden wie die Magnet- oder Stromstimulation können das Gehirn dabei unterstützen

Quelle: Den ganzen Artikel lesen