Wann lohnt sich ein Hormon-Check für Männer?

Wann lohnt sich ein Hormon-Check für Männer?

2020-01-11

Die gute Nachricht für Männer lautet: Sie kommen nicht in die Wechseljahre. Im Lauf der Zeit produziert der Körper aber oft weniger Hormone. Wie sich das auswirkt und was man dann tun kann, sagt der Freiburger Urologe Dr. Christian Leiber. Er ist Medienbeauftrager der Deutschen Gesellschaft für Andrologie und erster Vorsitzender des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit (ISG).

Auch bei Männern verändern sich im Laufe der Zeit die Hormone im Körper. Was steckt dahinter?

Leiber: Wir sprechen hier vor allem von dem Sexualhormon Testosteron. Und während wir Andrologen früher dachten, es sei ein Naturgesetz, dass es ab dem 30. Lebensjahr im Körper abnimmt, wissen wir heute: Es gibt schlanke, fitte 70-Jährige, die noch gut mit Testosteron versorgt sind. Allerdings beobachten wir auch, dass über die Hälfte der Männer über 50 Jahre Übergewicht haben, dazu kommen Blutdruckprobleme und Bewegungsmangel, alles Faktoren, die dafür sorgen, dass die Hormonproduktion in den Hoden langsam nachlässt. Zugleich wird dieser Prozess nicht mehr richtig durch die Hirnanhangsdrüse angeregt. Hinzu kommt, dass sich Testosteron im Fettgewebe des Bauchs einlagert, also quasi verschwindet oder in das weibliche Hormon Östradiol umgewandelt wird. Das kann das Herz-Kreislauf-System schädigen. Es gibt also viele Antworten auf die Frage „Und Männer, was machen die Hormone?“.

Was passiert, wenn der Testosteronspiegel sinkt?

Leiber: Männer, die unter einem Mangel leiden, fühlen sich schlapp, sie können Depressionen entwickeln. Das sexuelle Verlangen lässt nach, sie verlieren Muskelmasse und lagern Fett an. Langfristig kann auch Knochenschwund entstehen, die sogenannte Osteoporose.

Verspüren alle die gleichen Auswirkungen?

Leiber: Die Ausprägungen sind unterschiedlich. Das hat vor allem mit dem Rezeptor zu tun, an den das Testosteron an der Zelle andockt. Bei einigen Männern arbeitet der Androgen-Rezeptor sehr effektiv, bei anderen nicht. So kann es passieren, dass ein Mann nichts davon spürt, wenn sein Körper wenig Testosteron produziert, weil er von der Natur mit effektiven Rezeptoren ausgestattet wurde. Die Leitlinien der Europäischen Urologen-Vereinigung geben einen Richtwert von unter acht Nanomol pro Liter Blut für einen Testosteronmangel an. Im Grenzbereich bewegt man sich bei Werten zwischen acht und zwölf Nanomol. Bei Werten von mehr als acht Nanomol pro Liter liegt kein Mangel vor.

Wann soll man(n) seinen Hormonspiegel überprüfen lassen?

Leiber: Wer die beschriebenen Symptome eines Mangels bemerkt – dazu können auch Erektionsstörungen und eine auffallend glatte Haut zählen – , sollte sein Gesamt-Testosteron messen lassen. Das geschieht an zwei Terminen vormittags, wenn jeweils der Hormonspiegel am höchsten ist. Liegt der ermittelte Wert zweimal unterhalb des Grenzwertes, gilt es, die Ursache zu ermitteln. Denn Abgeschlagenheit und vermindertes sexuelles Verlangen können unterschiedliche Gründe haben. Grundsätzlich stellt ein Hormonmangel eine Erkrankung dar, daher gehört die Diagnostik zu den Kassenleistungen. Ich empfehle, zu Urologen oder Andrologen zu gehen, weil sie die Spezialisten für eine eventuelle Ersatztherapie sind und sie befürworten können.

Für wen kann eine solche Therapie sinnvoll sein?

Leiber: Etwa zehn bis 15 Prozent aller Männer bekommen klinisch bedeutsame Beschwerden durch Testosteronmangel. Doch es nutzt wenig, wenn sie sich parallel zu einer Hormonersatztherapie nicht auch mehr bewegen und abnehmen. Deshalb treffe ich mit ihnen eine Vereinbarung: Ich verschreibe ihnen Testosteron, verlange aber, dass sie die Couch verlassen, und ich messe regelmäßig ihren Bauchumfang.

Wie wird Testosteron verabreicht?

Leiber: Entweder als Gel, das man individuell dosiert und täglich morgens auf die Haut aufträgt, oder als Spritze alle drei oder alle zwölf Wochen. Letzteres ist empfehlenswert, weil sich so gleichmäßigere Hormonspiegel erreichen lassen. Meist verordne ich erst ein Gel. Dann wird beobachtet, ob sich positive Ergebnisse einstellen – so kann zum Beispiel das sexuelle Verlangen nach kürzerer Zeit wieder steigen.

Wie lange dauert die Therapie?

Leiber: In der Regel sechs Monate bis ein Jahr. Danach sollte man das zugeführte Testosteron auch mal weglassen. Und wenn der Patient seinen Lebensstil geändert hat, benötigt er hoffentlich keine weitere Therapie mehr damit.

Gibt es Nebenwirkungen oder Risiken?

Leiber: Ein positiver Effekt einer Hormonersatztherapie wird ja auch missbräuchlich für Doping genutzt: Die Muskelmasse nimmt zu. Negativ wirkt sich die Testosterongabe auf ein unbehandeltes Prostatakarzinom aus, deshalb muss der Arzt dies ausschließen. In hoher Konzentration kann Testosteron den Dichtewert des Blutes steigern. Es dickt quasi ein, das kann lebensgefährlich sein. Daher muss der Arzt das Blutbild der Patienten kontrollieren.

Kann eine gesunde Lebensführung den Hormonabfall bremsen?

Leiber: Auf jeden Fall. Wer seinen Körper durch viel Bewegung – möglichst nicht nur in Form von Ausdauer-, sondern auch als Kraftsport – und gesunde Ernährung in Form hält, kann bis ins Alter einen guten Testosteronspiegel
halten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Natascha Plankermann

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