Tee optimal zubereiten und genießen



Die Deutschen trinken so viel davon wie nie zuvor. Mitunter wird schon die Zubereitung zu einem entspannenden Ritual

Handarbeir Pflücker bei der Ernte in einem Teegarten bei Hangzhou (China)

Kaffee oder Tee? "Diese Frage hat sich für mich nie gestellt", sagt Otto Ratka. Zwar trinkt der Bamberger ab und zu auch einmal eine Tasse Kaffee. Seine Leidenschaft aber gilt dem Tee. Zum Frühstück genießt der Teehändler einen weißen Paimutan, am Vormittag schlürft er dann grünen Tee, "weil der schön anregt", und nachmittags einen schwarzen. Sein Wissen über die geschmackliche Vielfalt der Sorten und deren Zubereitungsart ­vermittelt Otto Ratka an der Industrie- und Handelskammer Oberfranken – als Ausbilder zum Tee-Sommelier.

Kandiszucker und Sahnewolke

Tee ist gleich nach Wasser das zweit­beliebteste Getränk weltweit. Anhänger hat er nicht nur im fernen Asien, sondern auch in Europa. Die Briten zelebrieren ihre legendäre Teatime um fünf Uhr nachmittags. In Deutschland sind die Ostfriesen die größten Teetrinker – was vielleicht auch mit dem rauen ­Klima an der Nordsee zu tun hat.

27,5 Liter Tee im Jahr

Sie genießen das Heißgetränk traditionell schwarz und kräftig oder mit großem Kandiszuckerstück (Kluntje) und "Sahnewölkchen". Ostfriesen trinken mehr als zehnmal so viel Tee wie der Landesdurchschnitt – nach Angaben des Deutschen Teeverbands 27,5 Liter Schwarz- und Grüntee pro Jahr – mehr als je zuvor.

Kräuter-, Früchte- und Arzneitees sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Experten wie Otto Ratka nennen diese "teeähnliche Erzeugnisse". Als Tee im eigentlichen Sinn gilt nur ein Aufguss aus den Blättern der Teepflanze Camellia sinensis, die zum Beispiel im Hochland von Japan, China, Sri Lanka und Taiwan wächst.

Tee richtig aufgießen

Nach der Ernte werden die Blätter fermentiert und zu weißem, grünem, schwarzem oder zu Oolong-Tee – einer traditionellen chinesischen Sorte – verarbeitet. Für einen Liter gießt man etwa zehn Gramm Tee mit heißem Wasser auf. "Das entspricht je nach Volumen der Tees ungefähr zwei bis drei Esslöffeln", sagt Ratka. Für ein Glas mit 200 Millilitern nimmt man dementsprechend zwei Gramm Teeblätter.

Wer eine neue Sorte probieren will oder das Heißgetränk erst für sich ­­entdeckt hat, sollte laut Ratka etwas niedriger dosieren und kürzer ziehen lassen als angegeben.

Billig schmeckt schneller bitter

Je höher die Dosierung und je länger die Ziehzeit, umso mehr lösen sich Gerb- und Bitterstoffe aus den Blättern. Ratka: "Wenn Sie einen Tee beim ersten Mal zu stark machen und er schmeckt dann bitter, trinken Sie ihn nie mehr." Je kostbarer die Sorte, desto ge­ringer das Risiko, dass sich der Geschmack verändert.

Dafür werden nur die Triebspitzen der Pflanze verwendet, die besonders feine Aromen haben. "Je hochwertiger ein Tee ist, umso länger können Sie ihn ziehen lassen, ohne dass er bitter wird", erklärt Ratka. Chinesen und Taiwanesen lassen die Blätter oft einfach in der Tasse und gießen mehrfach auf. Bis zu fünfmal Teegenuss ist auf diese Art möglich. Da rechnet sich der ­höhere Preis.

Pyramiden statt Beutel

In Deutschland greifen die meisten Menschen indes zum Teebeutel. "Das ist einfach, praktisch und geht schnell", meint Tee-Sommelier Ratka. In der Regel enthalten die Beutel fein vermahlene Stängel und Blattreste. Wer auf die Papiersäckchen am Schnürchen nicht verzichten möchten, sollte einmal die etwas voluminöseren Pyramidenbeutel ausprobieren. "Darin kann man auch qualitativ hochwer­tigere Grobschnitte abfüllen", erklärt der Experte.

Damit die Aromen sich optimal entfalten können, empfiehlt Ratka, das Getränk mit kalkarmem Mineralwasser aus der Flasche zuzubereiten.  Für teeähnliche Erzeugnisse und Schwarztee darf das Wasser sprudelnd kochend verwendet werden. Für weißen, grünen und Oolong-Tee lässt man es vor dem Aufguss etwa fünf bis zehn Minuten abkühlen.
Für viele Menschen ist Teetrinken ein Ritual, das entspannt und den Alltag kurz anhält. Bei manchen gehört besonders schönes Porzellan dazu – bei anderen Kandiszucker, der so schön knistert in der Tasse.

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Transfusionsmedizin: Blutspenden besser vergüten?



Der Bedarf an Blutkonserven ist groß, doch die Spendenbereitschaft der Deutschen sinkt. Könnte eine Bezahlung daran etwas ändern?

Die Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sammeln 70 Prozent der Blutspenden für Krankenhäuser, Praxen und Pharmafirmen

Fünf bis sechs Liter Blut zirkulieren im Kreislauf eines erwachsenen Menschen. "Diese Menge ist etwa 5000 Euro wert", sagt Professor Marcell Heim, langjähriger Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin an der Universitätsklinik Magdeburg. Der hohe Preis zeigt, wie wertvoll Blut ist – und wie knapp.

Obwohl weit über 90 Prozent der Deutschen das Spenden für wichtig halten, lassen sich nur 3,5 Prozent tatsächlich Blut abzapfen. Die Vorräte werden schon heute manchmal knapp. Und auch langfristig sind Engpässe zu erwarten.

Weniger Blutspenden

Laut Paul-Ehrlich-Institut kamen 2011 auf 1000 Einwohner 95 Spenden, 2017 nur noch 83. Langjährige Spender scheiden altersbedingt aus, jüngere Freiwillige sind rar. "Mit Blick in die Zukunft ist der Trend auf jeden Fall besorgnis­erregend", sagt Patric Nohe vom Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes.

Denn Blut wird nach wie vor an vielen Stellen gebraucht: nicht nur bei akutem Blutverlust wie nach Unfällen oder bei Operationen, sondern auch für Krebstherapien, die Behandlung von Blutkrankheiten sowie zur Herstellung von Medikamenten und Impfstoffen.

"Ob direkt auf dem OP-Tisch oder als tägliches Medikament, Blut rettet tatsächlich Leben", so Mediziner Heim. Rund 15 000 Spenden werden in Deutschland jeden Tag benötigt.

Blutspendedienste

Der wichtigste Lieferant für Kliniken, Praxen und Pharmafirmen sind dabei die Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Sie sammeln ­­etwa 70 Prozent der Spenden, bereiten sie auf, verkaufen sie weiter.

Den Rest des Markts teilen sich universitäre, kommunale und private Einrichtungen, die für den Aderlass meist eine Aufwandsentschädigung zwischen 20 und 25 Euro bezahlen. Dass ausgerechnet beim Branchenriesen DRK zwar Blut, aber kein Geld fließt, finden viele ­Experten problematisch.

Anreize zum Blutspenden

Allen voran Georg Marckmann. Der Leiter des Instituts für Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist überzeugt: "Ein finanzieller Anreiz könnte mehr Menschen zum Blutspenden bewegen." Es sei ungerecht, nur auf die Selbstlosigkeit der Spender zu setzen.

"Der springende Punkt ist, dass Blut eine wertvolle Ressource ist, mit der andere Menschen Geld verdienen. Da muss die Frage erlaubt sein, wieso Spender es umsonst hergeben sollen."

Kaffee und Käsebrot genügen aus Marckmanns Sicht nicht, lieber würde er über Beträge zwischen 25 und 50 Euro reden – je nach zeitlichem und logistischem Aufwand des Spenders. Im zweiten Schritt wäre zu prüfen, ob sich Bezahlungen positiv auf die Spen­denbereitschaft auswirken. "Ich weiß nicht, ob es funktioniert. Einen Versuch wäre es auf jeden Fall wert."

Blut gegen Geld?

Der DRK-Blutspendedienst hält von dem Vorschlag hingegen wenig. Dass kein Geld bezahlt werde, habe schließlich nichts damit zu tun, dass man den Spendern etwas vorenthalten wolle.

"Wir erzielen mit dem Blut ja keine Gewinne, sondern decken mit dem Verkaufspreis nur unsere Kosten", betont Nohe – und zählt auf, wohin das Geld unter anderem fließt: Logistik, Aufbereitung, Sicherheitschecks, Personal, Räume, Maschinen.

Diese Darstellung wird allerdings in Zweifel gezogen – unter anderem von anderen Blutspende-Unternehmen. In der Tat weist das DRK für sein Blutspende-Segment in den Bilanzen keine Gewinne aus – wohl aber angehäuftes Vermögen.

Furcht vor Missbrauch

Das DRK führt noch ein weiteres Argument gegen die Entlohnung an: Für die Sicherheit der Blutprodukte und den Schutz der meist schwerkranken Empfänger sei es wichtig, auf eine vertrauensvolle Beziehung zum Spender zu setzen – statt auf Bezahlung, sagt Nohe.

Dahinter steckt die Sorge, dass Geld die Motive der Freiwilligen ungünstig beeinflussen könnte. "Damit steigt das Risiko, dass jemand falsche Angaben zum eigenen Gesundheits­zustand macht", befürchtet Nohe.

Ganz unbegründet ist der Verdacht nicht, wie ein Blick in die USA nahelegt. Dort haben sich zumindest Plasmaspenden in eine bedenkliche Richtung entwickelt. Plasma ist ein Blutbestandteil, der vor allem zur Herstellung von Medikamenten verwendet wird.

Doch viele US-Bürger spenden mehr, als ihnen guttut, schummeln in Sachen Gesundheit oder geben offen zu, mit dem Geld ihren Drogenkonsum zu finanzieren. In der städtischen Unterschicht ­haben sich Plasmaspenden längst als ­Geschäftsmodell etabliert.

Strenge Regulierung

Aber lässt sich das auf Deutschland übertragen? Könnte darunter die Qualität der Spenden leiden? Das Expertengremium Arbeitskreis Blut erklärt dazu: "Es ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass eine Aufwandsentschädigung für Blut- und Plasmaspender in Deutschland die Sicherheit der Blut- und Plasmaprodukte beeinträchtigt."

Auch Transfusionsmediziner Marcell Heim bewertet das Risiko als überschaubar. Er verweist auf lückenlose Tests zur Vorbeugung von Infektionen durch Blutpräparate. Die Auflagen seien extrem streng.

Plasma zum Beispiel wird grundsätzlich für eine bestimmte Zeit überhaupt nicht genutzt. Erst wenn der Spender ein zweites Mal kommt und alle seine Werte in Ordnung sind, darf es verwendet werden.

Auch Vollblutspenden durchlaufen in Deutschland strenge Kontrollen und werden genauestens auf Infektionen wie HIV, Hepatitis oder Ringelröteln hin untersucht. Davon profitieren auch die Spender: Sie bekommen einen kostenlosen Gesundheitscheck auf bestimmte Krankheiten.

Spender auf anderen Wegen gewinnen

Dennoch will das DRK seinen Kurs beibehalten. "Wir befürworten das unentgeltliche Modell und setzen darauf, das Thema zielgruppengerecht in die Öffentlichkeit zu bringen, Menschen von der dringenden Notwendigkeit einer Blutspende zu überzeugen und sie zu motivieren", sagt Nohe.

Außerdem wolle man das Spenden so einfach wie möglich machen – zum Beispiel, indem man den Papierkram und die Terminvergabe digitalisiere.

Das DRK hofft, Spender auf anderem Weg zu gewinnen. Nohe: "Statistisch gesehen ist jeder Dritte im Laufe seines Lebens einmal auf eine Spende angewiesen. Dies zu bedenken, könnte die Entscheidung erleichtern."

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Wie Erwachsene mit Herzfehlern leben



Die Zahl der Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler steigt. Viele werden nicht richtig betreut

Nachsorge: Jedes halbe Jahr wird bei Steffen W. der Blutfluss im Herzen per Ultraschall überprüft

Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Das mit den Haaren." Steffen W. verzieht das Gesicht und sagt "Autsch!", während Ambulanzleiterin Christina Knichwitz eine Elektrode nach der anderen von seiner Brust zupft. Belastungs-EKG. "Das macht sie wieder besonders gerne", meint W. "Steffen, da musste durch", antwortet Knichwitz. Beide lachen.

Man kennt sich, hier in der Klinik für Angeborene Herzfehler und Klappenerkrankungen am Uniklinikum in Münster (UKM). Schließlich kommt der Fachwirt für Versicherungen und ­Finanzen (30) seit zehn Jahren zur Kontrolle. Fast genauso lange, wie es die Klinik gibt.  Ein Foto von ihm auf dem Ergometer hängt im Kaffeezimmer der Station. Zu jedem Untersuchungstermin bringt er Kekse mit. Die Mitarbeiter der EMAH- Station bezeichnet er als zweite Familie. Die kümmert sich um sein Herz. Bei allem Geschäker eine existenzielle Angelegenheit – und eine hochemotionale.

EMAH ist die Abkürzung für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler. ­Etwa 300 000 leben laut Schätzung der Patientenorganisation Deutsche Herzstiftung in Deutschland. Und ihre Zahl steigt: Pro Jahr kommen rund 6500 Kinder mit Herzfehler auf die Welt, einer von hundert Neugeborenen ist be­troffen. Ihre Überlebenschancen sind heute so gut wie nie zuvor.

Dank moderner Kardiologie, Chirurgie und Intensivmedizin können Ärzte viele Herzfehler bereits vor der Geburt diagnostizieren und im frühen Säuglingsalter korrigieren. Über 90 Prozent der betroffenen Babys erreichen das Erwachsenenalter.

Repariert, nicht geheilt

"Insgesamt ist die Lebenserwartung eingeschränkt", sagt Professor Helmut Baumgartner, der das EMAH-Zentrum am UKM leitet. Werden die Patienten – wie Steffen W. – kontinuierlich spezialisiert betreut, sei ein guter Langzeitverlauf zu erwarten. Doch genau daran hapert es häufig.

Steffen W., flottes Mundwerk,  blonder Dreitagebart, spitzbübisches Grinsen, wurde mit Fallotscher Tetralogie geboren. Ein vierfacher Herzfehler, bei dem unter anderem die Klappe der Lungenschlagader und die darunter liegende Muskulatur zu eng und die Scheidewand zwischen den Herzkammern undicht ist.

Anders als bei Gesunden mischen sich sauerstoffarmes und sauerstoffreiches Blut. Als W. drei Jahre alt war, erfolgte eine aufwendige Herz-OP.

Fünfzehn Jahre später verlor er morgens auf dem Weg zur Ausbildung das Bewusstsein und die Kontrolle über sein Auto. Der Unfall ging glimpflich aus, verdeutlichte Steffen W. aber drastisch, was für alle Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler gilt: Dein Herz ist repariert, aber nicht geheilt.

Für den Kinderkardiologen aber war Steffen inzwischen zu alt. "Und normale Kardiologen sind oft nur auf erworbene Herzerkrankungen eingerichtet", sagt Dr. Ulrike Bauer, die den Forschungsverbund Kompetenznetz Angeborene Herzfehler leitet.

Normales Leben

Steffen hatte Glück. Gerade war das EMAH-Zentrum in Münster eröffnet worden. Seit der zweiten Operation geht es ihm gut. Die Blutwerte stimmen. Er macht Fitnesstraining, fliegt in den Urlaub, gerade waren er und seine Frau Nadine in der Türkei. Er nimmt keine Medikamente, braucht keine spezielle Diät. "Ich lebe ganz normal mein Leben." Manchmal braucht er eine Pause, die macht er dann auch.

Das Herz? Im Alltag kaum ein Thema, wenn ihn nicht gerade jemand am Strand auf die große Narbe anspreche. Trotzdem muss sein Gesundheitszustand regelmäßig gecheckt werden, wie bei fast allen Erwachsenen mit einem angeborenen Herzfehler.

EKG, Ultraschall und MRT zeigen: Arbeiten die Klappen richtig? Gibt es Gerinnsel? Stimmen Blutstromrichtung und -volumen, reicht die Sauerstoffsättigung? "Nur so können wir abschätzen, ob und vor allem wann ein weiterer Eingriff notwendig ist", sagt Experte Baumgartner.

Spezielle Behandlung

Werde zu früh operiert, könne später ein weiterer Eingriff vorzeitig notwendig sein. Warte man zu lange, drohten vielleicht irreparable Schäden.

Am besten gelingen Behandlungen und Nachsorge laut einer kanadischen Studie in spezialisierten EMAH-Einrichtungen. Im Vergleich zu nicht spezialisierten traten weniger Komplikationen auf, die Patienten lebten länger.

In Deutschland ist die Versorgung in einem dreistufigen Modell organisiert. Basis sind die Hausärzte, die mit den Patienten ihre Behandlung besprechen sowie planen und sie an regionale zertifizierte EMAH-Schwerpunktpraxen oder -kliniken verweisen. Für weitergehende Untersuchungen gibt es überregionale EMAH-Zentren mit Maximalversorgung wie zum Beispiel am UKM.

Alltagsleben neu planen

Doch das Medizinische ist nur eine Seite. Viele Patienten brauchen eine Rundumberatung: Welche Sportarten sind okay? Welche Jobs kommen in­­frage? Was ist mit Autofahren? Können bei einer Schwangerschaft Probleme auftreten? Worauf sollten sie bei Versicherungen achten?

Einrichtungen wie die am UKM bieten deshalb neben Kardiologen auch Psychologen und Sozialarbeiter, die Betroffene individuell beraten. "Leider wird nach wie vor nicht einmal die Hälfte aller Erwachsenen spezialisiert betreut", bedauert Baumgartner. Nach der Volljährigkeit fallen viele in eine Versorgungslücke.

Das liegt laut Ulrike Bauer nicht nur an fehlender Information seitens der Hausärzte oder Kinderkardiologen. Sondern auch daran, dass nicht alle so bewusst und diszipliniert mit ihrer chronischen Erkrankung umgehen wie Steffen W.

Die Psyche nicht vergessen

"Wir vergessen allzu oft die psychologische Komponente", so Bauer. Erwachsene, die als Kinder manchmal fünf OPs und Monate im Krankenhaus und auf Reha hinter sich hätten, wollten irgendwann nichts mehr damit zu tun haben."Sie wollen schlicht nicht mehr krank sein, verdrängen das, denken: Mir geht es doch ganz gut", berichtet Bauer.

Schuld daran sei auch der Zeitgeist, der Menschen mit Herzfehler vermittle, weniger leistungsfähig zu sein. Schlimmstenfalls kämen diese deshalb nicht mehr zur Vorsorge – sondern irgendwann mit lebensbedrohlichen Komplikationen in die Notaufnahme.  

Noch nicht lange werden so viele Kinder mit angeborenem Herzfehler  erwachsen. In den 1930er-Jahren verstarben 80 Prozent im ersten Lebensjahr. Seit 1990 hat sich die Gesamt- Sterblichkeit um über 60 Prozent reduziert. Eine Erfolgsgeschichte.

Fast wäre Steffen kein Teil von ihr geworden. Der Strahlemann von heute war einst ein echtes Sorgenkind. Hatte kaum Kraft zu trinken. Durfte nicht schreien. Musste getragen werden, weil er beim Krabbeln blau anlief.

Seine Eltern Bernd und Martina W. erinnern sich: "Tun Sie sich einen Gefallen, gewöhnen Sie sich erst gar nicht an dieses Kind", hatten die Ärzte ihnen geraten.

Viele Schläuche, kaum Kind

Die Fallotsche Tetralogie wird heute bei Babys unter einem Jahr operiert. Damals ging das noch nicht. Steffens Eltern waren in ständiger Sorge: "Was, wenn Steffen morgen nicht mehr aufsteht?" Das Schlimmste war die Hilflosigkeit, sagt Vater Bernd. Das ein­zige Ziel der Familie: den Sohn schonen, aufpäppeln.

Irgendwann wurde die OP unabdingbar – und für die Eltern ein traumatisches Ereignis. 16 Stunden Warten, danach überall Schläuche, das Kind kaum zu sehen. Die Albträume kommen noch immer. Doch dass ­Steffen heute hier sei, gesund und glücklich, mache all die bösen Erinnerungen wett.

Hilfe für Betroffene

Erwachsene mit angeborenem Herzfehler finden im Internet Informationen unter:

www.emah-check.de (Deutsche Herzstiftung)

www.kompetenznetz-ahf.de

Das Kompetenznetz betreibt auch das Nationale Register für Angeborene Herzfehler und sammelt Daten, um die Gesundheit der Patienten zu erforschen.

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Hautpflege bei Neurodermitis



Pflege und Behandlung orientieren sich am jeweiligen Hautzustand. Ein Apotheker und ein Arzt geben Tipps

Die Haut will gepflegt werden – vor allem bei der Therapie von Neurodermitis sind regelmäßige Reinigungsrituale unverzichtbar

So unterschiedlich die Krankheit auch verläuft – eines haben alle Neurodermitiker gemein: "Ihre Hautbarriere ist durchlässiger als normal", sagt Michael Springer, der sich in seiner Apotheke im mittelfränkischen Oberasbach auf Erkrankungen der Haut spezialisiert hat. Dadurch reagiere diese empfindlicher auf äußere Reize, trockne aus und beginne zu jucken.

Gute Pflege

Eine intensive Hautpflege bildet daher in allen Krankheitsstadien die Basis der Therapie – selbst wenn der Patient gerade beschwerdefrei ist. Denn sie unterstützt die Hautbarriere und kann Juckreiz lindern. Springer ist überzeugt: "Wer seine Haut gut kennt und sorgfältig pflegt, hat seltener entzündliche Schübe."

Doch wie finden Patienten bei der Vielzahl der erhältlichen Pflege­produkte das passende? Springer sieht es pragmatisch: "Ausprobieren." ­Viele Hersteller bieten bei Unver­träglichkeiten ein Umtauschrecht an oder stellen Probepackungen zur ­Verfügung. Dann könne man testen, ob man die Grundlage mag.

Nur wenn das Produkt schnell einziehe, wende der Patient es regelmäßig an. Springer: "Niemand mag eine ­dicke Fettschicht auf der Haut, unter der man schwitzt und noch mehr Feuchtigkeit verliert." Zwar braucht die Haut bei Neuro­dermitis Fett und Feuchtigkeit, sie kommt aber je nach Jahreszeit und Lebensalter auch mit weniger fett­haltigen Produkten aus.

Apotheker können helfen

"Im Sommer und bei jüngeren Menschen genügt oft eine leichte Pflegelotion mit Feuchthaltefaktoren wie zum Beispiel Harnstoff oder Glycerin", sagt Springer. Spezielle Pflegeserien für Neurodermitiker sind zudem frei von Duft- und Konservierungsstoffen. Wichtig ist dem Apotheker zufolge vor allem, dass der Patient das Produkt gut verträgt.

Im Idealfall stellt die Suche nach der optimalen Basispflege einen Prozess dar, den der Betroffene gemeinsam mit seiner Apotheke durchläuft. "Manchmal braucht es mehrere ­Gespräche, bis wir eine individuelle Lösung gefunden haben", sagt Springer. Schließlich hätten die Menschen oft einen langen Leidensweg hinter sich. Das müsse man berücksichtigen und könne sie nicht mit einer schnellen Empfehlung erschlagen.

Durchlässige Schutzschicht

Die Hautbarriere besteht aus der äußersten Hautschicht, der sogenannten Hornschicht. Im gesunden Zustand bilden Hornzellen und Fette einen stabilen Verbund, der die Haut wie eine Mauer vor äußeren Einflüssen und Feuchtigkeitsverlust schützt. Bei Neurodermitis fehlen der Hornschicht Fette und Feuchthaltefaktoren. Das erhöht ihre Durchlässigkeit.

Vergleich von gesunder Haut und Haut mit Neurodermitis

Gesunde Haut ist dicht: Eine intakte Barriere schützt vor Umwelteinflüssen und Feuchtigkeitsverlust

Haut mit Neurodermitis ist undicht: Die Haut reagiert empfindlich auf äußere Einflüsse, ist trocken und juckt

Sanfter Weg zur Sauberkeit

Zur Basispflege gehört neben dem zweimal täglichen Eincremen die Reinigung. "Anstelle von Seifen sollten Menschen mit Neurodermitis leicht saure Syndets mit hautneutralem pH-Wert zwischen 5,5 und 6,0 verwenden", rät Apotheker Springer.

Problematischer als möglicherweise enthaltene Konservierungsmittel und Duftstoffe sei die Wassertempe­ratur, die nicht zu hoch sein sollte. Am besten duschen und baden Betroffene mit lauwarmem Wasser, zudem nicht lange und nicht zu oft. Springer: "Wer jeden Tag duscht oder badet, zerstört seine Hautbarriere. Der Körper kommt mit der Produktion der notwendigen Stoffe nicht nach."

Entspannung beim Baden

Zum Abtrocknen tupft man die Haut am besten mit einem weichen Hand­­tuch ab oder lässt sie an der Luft trocknen. Nach dem Reinigen die Haut eincremen – ohne sie zu überpflegen. "Schließlich soll sie sich im Idealfall selbst regenerieren", sagt Springer.

Der Apotheker ermuntert seine Kunden zudem, medizinische Badezusätze auszuprobieren. Die einen empfinden rückfettende Ölbäder als angenehm, andere ein Bad mit Totem- Meer-Salz.

Viele profitieren in beschwerdefreiem Zustand von einem Besuch in einem Solebad oder einem Urlaub an der Nordsee. "Neben Sonne, Salzwasser und allergenfreier Luft wirkt sich auch die Entspannung positiv aus", erklärt Springer. Man dürfe die Psyche nicht außer Acht lassen.

Hilfe für Betroffene

Neurodermitis-Schulungen fördern den eigenverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung und geben weitere Hilfestellungen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten. Informationen unter www.neurodermitisschulung.de

Kommt es trotz sorgfältiger Hautpflege zu einem akuten Schub, steht die entzündungshemmende ­Therapie im Vordergrund. "Unter­drücken wir die entzündlichen Ek­zeme effektiv, kann sich die zerstörte Hautbarriere regenerieren", erklärt Professor Thomas Werfel von der Hautklinik der Medizinischen Hochschule Hannover. Das beuge zugleich neuen Verschlimmerungen vor.

Keine Angst vor Kortison

Zunächst kommen in der Regel örtlich wirksame Glucocorticoide zum Einsatz. Doch viele Patienten wenden Kortisonpräparate nur unregelmäßig an – aus Angst vor Nebenwirkungen. Doch diese ist unbegründet, wie ­Werfel erläutert: "Moderne mittelstark wirksame Wirkstoffe werden in der Haut abgebaut und gelangen nicht in den Blutkreislauf."

Der Experte rät, Glucocorticoide so lange einzusetzen, bis die Haut nur noch schwach gerötet ist. Wenn das Ekzem abgeheilt ist, sollte man die betroffenen Stellen noch eine Zeit lang zweimal wöchentlich nachbehandeln. So lassen sich auch Restentzündungen erfassen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. "Durch diese proaktive Therapie sparen wir letztlich Corticoide ein", betont Werfel.

Seit einigen Jahren stehen örtlich wirksame Alternativen zur Verfügung
(Calcineurin-Antagonisten). Sie hemmen ebenfalls die Entzündung, machen die Haut aber nicht dünner. "Die Mittel eignen sich deshalb für sensible Bereiche wie das Gesicht oder den Genital- und Analbereich", erklärt Werfel. Zudem lindert eine Phototherapie äußerlich akute Schübe und stillt den Juckreiz.

Lieber feucht oder fettig?

Auch bei einem entzündlichen Schub muss die Haut gepflegt werden. "Während sie zwischen den Schüben von einer rückfettenden Pflege profitiert, sind im akuten Schub Präparate mit höherem Wasseranteil gefragt", erklärt Michael Springer. Vorsicht bei harnstoffhaltigen Produkten, die Feuchtigkeit spenden: offene Stellen nicht damit behandeln.

Gegen quälenden Juckreiz empfiehlt der Apotheker feuchte Verbände, Kühlung und Entspannungstechniken. Polidocanolhaltige Zubereitungen betäuben örtlich und können Schmer­zen sowie Juckreiz nehmen. Auch durch gerbstoff- oder kortisonhaltige Präparate oder Zugsalben mit Ammoniumbituminosulfonaten lässt sich akuter Juckreiz lindern. Manchmal helfen auch bestimmte Allergietabletten.

"Am wichtigsten ist aber, nicht zu kratzen", betont Springer. Es
verstärke den Juckreiz und erhöhe die Gefahr von Infektionen. Er rät

bei offenen Stellen, zusätzlich eine antiseptische Salbe zu verwenden.

Therapie für mehr Lebensqualität

Bei Neurodermitis neigt das Immunsystem der Haut dazu, überempfindlich zu reagieren: Stress, Allergene, Schadstoffe oder Erreger stimulieren bestimmte Immunzellen, die dann vermehrt Entzündungsbotenstoffe freisetzen (siehe Infografik unten). Bei großflächigen akuten Schüben kann deshalb eine systemische Behandlung erforderlich werden, die an verschiedenen Stellen des Immunsystems angreift.

Allerdings müssen Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander ­abgewogen werden. "Eine kurzzeitige Einnahme von Kortisonpräparaten kommt wegen möglicher Nebenwirkungen in der Regel nur bei Erwachsenen mit schwerer Neurodermitis infrage", sagt Werfel.

Neues Immuntherapeutikum

Standardarznei für die innere Therapie war stattdessen bis 2017 Ciclosporin. Werfel begrüßt es, dass für schwere Fälle seit Kurzem ein weiteres Immuntherapeutikum verfügbar ist. Der monoklonale Antikörper Dupilumab greift direkt an der Ursache an. "Bei jedem zweiten Patienten kann mit dieser Therapie eine fast voll­ständige Abheilung erreicht werden", sagt Werfel.

Das biologische Arzneimittel ist allerdings sehr teuer und muss gespritzt werden. Trotzdem setzen zunehmend auch niedergelassene Hautärzte das neuartige Mittel ein. Für Werfel stellt das einen ­großen Fortschritt dar: "Eine gute ­Behandlung der Krankheit ver­bessert die Lebensqualität der ­Betroffenen und reduziert psychi­sche Probleme."

Übereifrige Immunzellen

  • Ist die Hautbarriere gestört, können Umweltfaktoren wie Allergene, Schadstoffe oder ­Krankheitserreger in die Haut eindringen und ­eine Reaktion des Immunsystems auslösen.
  • Die Fremdstoffe regen bestimmte Immun­zellen dazu an, verstärkt entzündungsfördernde Botenstoffe zu bilden.
  • Die freigesetzten Botenstoffe führen zu entzündlichen Hautveränderungen und Juckreiz.
  • Durch Kratzen wird die Haut zusätzlich verletzt, was die Entzündung noch verstärkt. Dieser Teufelskreis lässt sich mit entzündungshemmenden Immuntherapeutika durchbrechen.

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