Wearables: Was Digitale Messgeräte



Sie sammeln zunehmend mehr Gesundheitsdaten – nicht nur zum Vorteil der Nutzer

Laufende Vermessung: Mini-Computer erheben Gesundheitsdaten und verknüpfen sie. So erfährt der Nutzer mehr über Schlafqualität oder Schrittzahl

Für viele Menschen sind Smartwatches ein Spielzeug: Uhren, die mit dem Mobiltelefon verbunden sind und über Sensoren zudem Werte wie die Herzfrequenz kontrollieren können. Auch für Adam L. (24), Robotik-Student aus Australien, war der kleine Computer an seinem Handgelenk vor allem technisch interessant. Doch schon kurz nach dem Kauf meldete die Uhr ständig, dass mit seinem Herzen etwas nicht in Ordnung sei: Es schlage im Schlaf 130-mal pro Minute. Viel zu schnell für einen jungen und sportlichen Mann. Der Student suchte deshalb ­einen Arzt auf. Der entdeckte einen angeborenen Herzfehler; kurze Zeit später wurde Adam L. operiert.

Technik, die motiviert

Eine Armbanduhr, die Herzleiden erkennt – bis vor Kurzem hätte das nach Fiktion geklungen, heute wird es mehr und mehr zur Realität. Kleine tragbare Geräte (engl.: Wearables) können Gesundheits- und Umweltdaten zunehmend genauer messen – dank raffinierter, winziger Sensoren. Sie überwachen Herzfrequenz und Atem, melden Schlaf- und Wachphasen, messen die Körpertemperatur, registrieren Stürze und Stress oder berechnen verbrauchte Kalorien.

Beworben werden sie von ihren Herstellern mit dem Versprechen, dass die Gesundheit von der Technik profitiere. Dass etwa die Motivation zunehme, gesünder zu leben – mit mehr Bewegung, weniger Stress, besserem Schlaf.

Damit passen die Geräte perfekt in unsere Zeit, findet der Soziologe Dr. Nils Heyen, der am Fraunhofer-­Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) zu neuen Technolo­gien in Medizin und Gesundheits­wesen forscht. "Bei den Nutzern spie­­len Fitness- und Schönheitsideale eine Rolle, aber auch, dass man sich um das eigene Glück sorgt – und eben um die eigene Gesundheit."

Ein teurer Spaß

Die Verbraucher lassen sich das ­etwas kosten. Je nachdem, wie viele Funktionen es bietet, kostet so ein Messgerät zwischen 50 und über 800 Euro. Für die Hersteller sind die kleinen Produkte ein großes Geschäft geworden. Umfrageergebnisse des Bran-chenverbands Bitkom ergaben bereits 2016, dass fast jeder dritte Deutsche die digitalen Helfer nutzt, um Daten über die eigene Gesundheit zu erheben und auszuwerten.

Experten gehen aufgrund aktueller Zahlen davon aus, dass sich der Absatz von Sportarmbändern und Fitnesstrackern seit 2015 fast verdoppelt hat. Etwa 3,58 Millionen wurden 2017 verkauft.

Trotz der großen Verbreitung sind noch viele Fragen offen. Die wichtigste: Helfen die Geräte wirklich dabei, gesünder zu leben? "Bislang ist die Studienlage dazu noch sehr uneinheitlich und insgesamt dünn", sagt Heyen.

Mini-Rechner am Körper

Wearable kommt vom eng­lischen Begriff für "tragbar" und steht für kleine, nah am Körper getragene Computersysteme.

Sensoren, die in Uhren (sogenannten Smartwatches), Fitness-
armbänder, Kleidung oder Pflaster integriert sind, erheben Daten zu Körperfunktionen und übermitteln sie an einen Computer.

Großer Markt, kleine Erfolge

Eine von der EU geförderte Studie, die die Abnehmerfolge übergewichtiger Jugendlicher untersuchte, zeigte einen positiven Effekt, wenn die Probanden digitale Messgeräte für die Datenerhebung nutzten. Sie waren allerdings nur eine von vielen Maßnahmen. Eine größere Studie mit übergewichtigen Teenagern in den USA kam dagegen zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Teilnehmer, die ihre Aktivität mit einem Tracker kontrollieren sollten, nahmen deutlich weniger ab als die Probanden ohne die Messgeräte.

Dabei werden einige der neu entwickelten Funktionen von Medizinern durchaus positiv beurteilt. Herzspezialisten etwa nutzen sie schon länger, zum Beispiel bei Patienten mit Verdacht auf Herzrhythmusstörungen. Eines der führenden amerikanischen IT-Unternehmen stellte im September ein neues Smartwatch-Modell vor, das ein einfaches Elektrokardiogramm (EKG) schreiben kann. Der Nutzer muss nur einen Knopf an der Uhr mit dem Finger berühren.

"Zur Überwachung des Herzrhythmus können Wearables eine effektive Methode sein", sagt Thomas Deneke, Sprecher der Arbeitsgruppe Rhythmologie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Studien zeigen, dass die digitalen Messgeräte Auffällig­kei­ten daran mit 90-prozentiger Sicherheit erkennen. Im vergangenen Jahr erteilte die amerikanische Zulas­­sungs­­behörde für Medizinprodukte FDA der Uhr mit EKG-Funktion deshalb eine Genehmigung.

Beim Blutdruck klappt es nicht

In Deutschland werden die Geräte allerdings ohne diese Funktion auf den Markt kommen. "Wenn so eine Zulassung jedoch kommt, dann könnte das durchaus helfen, manche herzkranke Menschen früher und besser zu behandeln", sagt Deneke.

Eine verlässliche Blutdruckmessung dagegen werden die Geräte wohl erst in den kommenden Jahren leisten können. Verschiedene Firmen arbeiten bereits seit Jahren an Modellen, die den Blutdruck auch ohne die klassische Oberarmmanschette ermitteln.

Vernetzt von Kopf bis Fuß    

Zu den Wearables zählen unterschiedliche Geräte, die Daten erheben, analysieren und versenden

Im Tausch gegen die Daten

Bisher konnten die Bemühungen nicht überzeugen. "International ist das ein heiß diskutiertes Thema, aber die Studien bisher reichen für eine Zulassung oder Empfehlung noch nicht aus", sagt etwa Mark Grabfelder, Geschäftsführer der Deutschen Hoch- druckliga.

Und dann ist da noch der Datenschutz. Häufig kritisieren Verbraucherschützer Apps, die sensible Gesundheitsdaten auswerten. Denn das Interesse an diesen Daten ist groß: bei Herstellern, Forschungseinrichtungen – oder Versicherungen. Ebenso groß ist die Versuchung der Nutzer, bei den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Anbieter einfach ein Häkchen zu setzen – und damit die ei­genen Daten aus der Hand zu geben.

In Europa sind der Nutzung solcher ­Daten gesetzliche Grenzen gesetzt. In den USA jedoch gibt es bereits Ver­sicherer, die Lebensversicherungen nur noch Kunden anbieten, die im Gegenzug die Daten ihrer Fitness­tracker zur Verfügung stellen.

Geringverdiener außen vor

Dabei könnten die Daten durchaus sinnvoll eingesetzt werden, sind Experten wie Nils Heyen überzeugt. Bislang werden die nicht ganz billigen Geräte vor allem von Menschen genutzt, die ohnehin gesundheitsbewusst leben.

Diejenigen, denen es im Alltag schwerfällt, sich in ausreichendem Maß zu bewegen oder gesund zu ernähren, bleiben ­dagegen außen vor. Geringverdiener zum Beispiel oder Alleinerziehende. Datenwolken könnten hier ansetzen und Ideen für bessere Präventionsangebote liefern. Soziologe Heyen bedauert: "Bislang ist das eher ein Versprechen geblieben."

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X- und O-Beine: Folgeschäden vermeiden



Viele Menschen haben X- oder O-Beine. Das ist zunächst kein Problem. Doch die Fehlstellung kann Arthrose begünstigen

X- und O-Beine können angeboren sein, aber auch durch den Lebensstil im Lauf der Zeit entstehen

Fußballer haben O-Beine. Jetzt ist es erwiesen. Münchner Mediziner haben kürzlich heraus­gefunden, dass intensives Fußballspielen in der Jugend schiefe Extremitäten zumindest begünstigt. Dazu analysierten sie mehrere Studien zum Thema und veröffentlichten ihre Ergebnisse im Deutschen Ärzteblatt. Die Autoren um Dr. Peter ­Helmut Thaller zeigten, dass Jugendliche, die sehr viel kickten – eine Studie gab als Richtwert mehr als sechs Stunden pro Woche an –, später ein erhöhtes Risiko für O-Beine hatten.

Auswirkungen vom Hobby auf die Beine

Aber nicht nur Fußballspieler kann dieses Schicksal ereilen, auch andere Sportarten scheinen die Fehlstellung zu fördern, zum Beispiel Tennis, Joggen, Volley- und Basketball sowie Tanzen. Das zeigt eine österreichisch- belgische Studie im Fachblatt International Orthopaedics mit 564 Jungen und 444 Mädchen.

Die Forscher vermuten, die hohe Belastung auf die Wachstumsfugen in der Nähe des Kniegelenks verhindere, dass die Knochen gleichmäßig in die Höhe wachsen. Das gilt vor allem bei "High-­Impact"-Sportarten, die durch hohe Stoßbelastungen sehr auf Gelenke und Muskeln gehen.

Zudem können die unterschiedlich stark beanspruchten und ausgeprägten Muskeln Achsenfehlstellungen verursachen. Zieht man eine imaginäre Linie von der Hüfte bis zum Sprunggelenk, sollte die Mitte des Kniegelenks ebenfalls auf dieser Linie liegen. "Weicht es um mehr als drei bis vier Grad nach außen oder innen ab, sprechen wir von O- oder X-Beinen", sagt der Orthopäde und Unfallchirurg Professor Karl-Dieter Heller, Chefarzt der Orthopädischen Klinik am Herzogin-Elisabeth-Hospital in Braunschweig.

Aufwachsen mit krummen Beinen

Auf den Breitensport lassen sich die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse jedoch nicht übertragen. Wer nicht übermäßig trainiert, Sport als Hobby betreibt, muss nicht fürchten, dass sich dadurch die Knochen verformen. Allerdings gibt es noch andere Ursachen für X- und O-Beine, Verletzungen zum Beispiel.

Im Kleinkindalter hatten sogar die meisten von uns krumme Beinchen. Das ermöglicht bei den ersten Gehversuchen einen breiteren und damit sichereren Stand und wächst sich mit der Zeit wieder aus.

Individuelles Scherzempfinden

Auch im Erwachsenenalter sind O- oder X-Beine erst einmal kein Problem – es sei denn, der Betreffende stört sich stark an der Optik. Zu Beschwerden führt die Fehlstellung selbst jedenfalls nicht. Allerdings kann sie auf lange Sicht gesundheitliche Folgen haben. Sie begünstigt Arthrose in den Knien. Durch die einseitige Belastung außen oder innen nutzt sich der Knorpel im Gelenk schneller ab, im schlimmsten Fall reibt irgendwann Knochen auf Knochen.

Doch auch Arthrosen verursachen nicht zwangsläufig Schmerzen. "Es gibt durchaus stille Verläufe", sagt Karl-Dieter Heller. Auch Dr. Matthias Säugling, Orthopäde und Unfallchirurg in Köln und Mannschaftsarzt des Kölner Eishockeyvereins KEC, berichtet: "Ich kenne ein paar Fußballspieler von früher mit O-Beinen und Arthrose, bei denen ich denke, sie dürften kaum noch laufen können. Sie selbst stört die Situation aber nicht."

Maßnahmen gegen X- und O-Beine

Schuhe anpassen: Sogenannte Innen- oder Außenranderhöhungen im Schuhwerk oder als Einlagen helfen ebenfalls, die Knie zu begradigen

Orthesen tragen: Spezielle Schienen können helfen, Fehlstellungen der Knie zu korrigieren, und so Beschwerden zu verringern

Muskeln kräftigen: Nicht nur kräftige Muskeln rund ums Knie, sondern auch gut trainierte Oberschenke stabilisieren Knie und Beine

Knie operieren: Bei der sogenannten Umstellungs-OP bei O-Beinen wird der Schienbeinknochen augesägt, gespreizt und mit einer Spezialplatte fixiert

Gewicht verringern: Auf den Knien lastet bereits bei Normalgewichtigen bei Bewegung ein Mehrfaches des Körpergewichts. Deshalb sollte man bei Knieproblemen abnehmen

Genauso gibt es Patienten mit vergleichsweise wenig Verschleiß, die einen hohen Leidensdruck haben.

Schmerzen heilen und vorbeugen

Schmerzen entstehen bei einer Knie-Arthrose vor allem, wenn sich die Schleimhaut entzündet, die das Gelenk von innen auskleidet. Betroffene können aber einiges tun, um dem entgegenzuwirken. Eine Operation ist dabei stets die letzte Option. "Viele Patienten kommen mittelfristig sehr gut mit konventionellen Behandlungsmethoden klar", betont Säugling.

Bestes Mittel: die Muskulatur aufbauen und erhalten – nicht nur rund ums Knie, sondern auch an Hüfte und Oberschenkel. "Das funktioniert gut mit Physiotherapie und Fahrradfahren, wobei zyklische, runde Bewegungen im Vordergrund stehen", sagt Säugling. Es gehe ge­nerell darum, Stabilität in den Beinen zu schaffen. Dabei helfen zum Beispiel auch Übungen mit Gummibändern, bei denen man mit dem eigenen Körpergewicht arbeitet.

Abhilfe durch Medikamente, Einlagen und Schienen

Hindern Schmerzen den Patienten daran, sich zu bewegen, können Medikamente helfen. Facharzt Heller rät zu Antirheumatika. Die Schmerzmittel, die auch Entzündungen lindern, gibt es rezeptfrei in der Apotheke. Für den Dauereinsatz sind sie ­allerdings nicht gedacht. Patienten sollten sie – ohne ärztlichen Rat – nicht länger einnehmen, als in der Packungsbeilage empfohlen wird.

Einen Versuch ist es zudem wert, krumme Beine mit Einlagen, angepasstem Schuhwerk oder einer Schiene auszugleichen. Doch manches Hilfsmittel hat Nachteile. So verschlimmern sich die Beschwerden durch Einlagen häufig erst einmal. "Ein akuter Übergang stellt zunächst immer eine Belastung für den ­­Patienten dar", sagt Heller. Schließlich müssen sich Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln an die ungewohnte Stellung anpassen.

Kasse übernimmt nicht jede Therapie

Bessere Erfahrungen machen viele Ärzte mit Schienen (Orthesen), die schiefe Beine ein wenig begradigen. Orthopäde Säugling zum Beispiel verwendet das Hilfsmittel bei manchen Betroffenen als Vorbereitung auf eine Operation – um zu testen, ob der Eingriff wirklich helfen wird. Manche seiner Patienten kämen dann mit der Schiene sogar so gut klar, dass sie wieder ohne Beschwerden Tennis spielen könnten.

Einige Orthopäden und Sportmediziner haben zudem Spritzen mit Hyaluronsäure im Angebot oder die Eigenbluttherapie. Dabei werden für Heilungsprozesse hilfreiche Bestandteile aus dem Blut gewonnen und injiziert. Wer das ausprobieren will, muss wissen: Die Kassen übernehmen die Kosten dafür nicht. Auch wenn kleinere Studien darauf hinweisen, dass vor allem eigene Blutbestandteile zu spritzen Schmerzen verringern kann.

Starkes Gewicht vermeiden, Training anpassen

Und was können Menschen tun, die X- oder O-Beine haben – aber bisher keine Knieprobleme? Vor allem sollten sie versuchen, nicht zu viel auf die Waage zu bringen. Bereits bei Normalgewichtigen sind die Kräfte enorm, die aufs Kniegelenk wirken. "Da kommt ein Mehrfaches des Körpergewichts an", sagt Heller. Sind die Gelenke durch die Beinfehlstellung ohnehin bereits vorbelastet, kann Übergewicht den Verschleiß zusätzlich fördern.

Was jungen Profi-Fußballern in spe helfen soll, um O-Beinen von vornherein entgegenzuwirken, diskutieren Experten derzeit. Ein Ansatz: Die Kinder und Jugendlichen könnten die äußeren Oberschenkelmuskeln mehr trainieren und die inneren mehr dehnen. Letztere sind bei Fußballspielern besonders stark ausgeprägt. Das führt zu einem Ungleichgewicht in den Beinen.

Die Autoren im Deutschen Ärzteblatt empfehlen angepasstes Schuhwerk und eine angepasste Trainingsintensität. Sprich: weniger kicken als sechs Stunden pro Woche. Für kleine Fußballfans vielleicht unerfreulich, aber für ihre Beine wohl gesünder. Vor allem für ihre Knie.

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Auszeit im Advent



Sie haben genug von Weihnachtsmärkten, -liedern und Geschenkewahnsinn? Drei Ziele im Norden, Osten und Süden Deutschlands, wo Sie jetzt zur Ruhe kommen können

Berge, Wälder, Burgen: Es gibt viele Möglichkeiten, dem Weihnachtstrubel zu entfliehen. Hier die Basteibrücke in der Sächsischen Schweiz

Mystische Einsamkeit im Elbsandsteingebirge: Die Sächsische Schweiz mit ihren Tafelbergen, Vulkankegeln und Schluchten ist ein Paradies fur Wintertrubel-Flüchter. Unwirklich und wunderbar einsam ist es dann im Grand Canyon des wilden Ostens. Während die Naturschönheiten zwischen Nebelschwaden oder unter Puderzucker-Schnee schlafen, hat man Wanderwege und Aussichtspunkte oft ganz für sich allein.

Also Thermoskanne in den Rucksack, warm einpacken und raus auf die Winterwanderwege. Wie Balsam legt sich dabei die Stille aufs Gemüt, etwa beim leichten Auf und Ab bei Hohnstein durch viel Wald zur Brandaussicht.

Glühwein vom Gaskocher

Nach etwa drei Kilometern öffnet sich das Panorama, der Blick schweift über skurrile Steinformationen, die Festung Königstein und viele sanfte Hügel, die mit dem Horizont verschmelzen. Noch spektakulärer, aber etwas länger ist die geführte Tour des Aktiv-Zentrums Sächsische Schweiz Bad Schandau: Immer samstags um 10 Uhr geht es in vier bis fünf Stunden zu wildromantischen Ausblicken – samt frischem Glühwein vom Gaskocher.

Mehr los ist im Dorf Schmilka mit restaurierten Fachwerkhäusern, Öko-Mühle, Bio-Brauerei und Elektroautos. Zudem kann der Besucher wählen zwischen wagenradgroßen Kuchen am Kaminfeuer, Klangschalenmeditation, Saunaritualen oder einem Bad in Holzbottichen. Überhaupt bietet die Region jede Menge Wellness-Oasen, zum Beispiel in Pirna, Bad Schandau oder Neustadt. Anti-Stress-Salzgrotten gibt es unter anderem in Berggießhübel, Königstein oder Bad Schandau.

Von Rapunzel inspiriert

Wem das für ein Auszeit-Wochenende zu viel ist, der fühlt sich in Rathen vielleicht wohler. Der Ort liegt am Fuß der Bastei, einer Felsformation mit toller Aussicht, wo es im Winter deutlich ruhiger zugeht als in den warmen Monaten. Jetzt steht Rathen im Zeichen der Märchen. Führungen erwecken Brunnenfiguren zum Leben, Restaurants kochen von Suppenkaspar und Rapunzel inspirierte Gerichte, freitags glüht der Feuerkorb direkt an der Elbe.

Flucht auf die Mini-Insel: Hallig Hooge

Schon der letzte Teil der Anreise zur Hallig Hooge verspricht Ruhe, Einsamkeit und Meer. In Schlüttsiel, rund 40 Kilometer nördlich von Husum, geht es auf die Fähre. Diese pflügt sich dann rund 75 meditative Minuten durchs Wasser. Eine heiße Schokolade oder ein Teepunsch wärmen von innen, die windund wasserdichte Kleidung ist bereit für ihren Einsatz.

Am besten geht es dick eingepackt erst mal rund um die Hallig. Zwölf Kilometer kann man auf dem Deich zwischen Himmel-Nordsee-Gemisch entlangspazieren, begleitet von Möwen und dem Geruch des Salzwassers. Hier spüren Besucher das Lebensgefühl der Hallig. Von einer Insel unterscheidet sie sich dadurch, dass sie bei einer Sturmflut überschwemmt werden kann – und das passiert im Winter durchaus mehrmals. Die Bewohner leben zum Schutz auf aufgeschütteten Hügeln, sogenannten Warften.

Wer mehr wissen will zu Wind, Wetter, Meer und Gezeiten: Auch in der kalten Jahreszeit führt die Schutzstation Wattenmeer Touristen über die Hallig oder durch das Watt zur zwei Kilometer entfernten Sandinsel Japsand. Auch die Nationalpark-Ausstellung samt Gezeitenaquarien gibt Einblicke in die Entstehung des Wattenmeers.

Gemütliche Friesenstube

Ingesamt haben jetzt aber nur wenige Sehenswürdigkeiten geöffnet. Das Königspesel etwa, eine vornehme Friesenstube aus dem 18. Jahrhundert mit Holland- Fliesen, Kunstschätzen, Deckenund Türenmalereien. Im Sommer kommen viele Tagesausflügler vom Festland, im Winter gesellen sich meist nur ein paar Stammgäste zu den rund 100 Einheimischen. Viele Restaurants haben geschlossen.

Also: Beim Hallig-Kaufmann die Zutaten für Friesenschnitte (Blätterteig, Sahne, Pflaumenmus) oder Porrenpann (Krabben-Kartoffel-Pfanne) kaufen. Dann gemütlich kochen, essen, Friesentee trinken.

Abschalten geht auch hier

  • Albstadt: Schwäbische Alb zwischen Stuttgart und Bodensee. Tipp: Wanderung zum Panoramablick vom Zeller Horn auf die Burg Hohenzollern
  • Baiersbronn: Städtchen mit nahen, ganzjährig geöffneten Wanderhütten im Nationalpark Schwarzwald und tollem Essen, von regionalen Spezialitäten bis Dreisterneküche (höchste Sternedichte Deutschlands)
  • Goslar im Harz: Die mittelalterliche Altstadt ist Unesco-Weltkulturerbe. Daneben reizvolles Mittelgebirge, eine historische Schmalspurbahn und Hundeschlittentouren

Winterwaldwunder Ostbayern

Dicke weiße Flocken schon im frühen Dezember, das kann im Bayerischen Wald durchaus passieren. Dann ist das Mittelgebirge im Osten Bayerns an der Grenze zu Tschechien herrlich überzuckert – und Besuchern strömt die Winterluft klar und frisch in die Nase. Beispielsweise bei einer Wanderung auf den Berg Lusen. Der Winterweg ab dem Dorf Waldhäuser führt zunächst leicht bergauf. Nach rund eineinhalb Stunden und einem am Ende steileren Stück ist die karge Kuppe mit Kreuz auf einem Meer aus Granitbrocken erreicht.

Natur bleibt Natur

Vorher geht es an vielen dürren, kahlen Nadelbaumstämmen vorbei. Was dem Besucher zunächst unwirklich erscheinen mag, ist echter als viele andere Wälder. Im Nationalpark Bayerischer Wald geht es darum, die Natur Natur sein zu lassen. Als sich hier in den Neunzigern der Borkenkäfer satt fraß, wurde nichts dagegen unternommen und auch danach kein Totholz abtransportiert.

Die Belohnung nach rund 440 Metern Anstieg: ein gigantischer Weitblick, die sanften Hügel des Bayerwalds bis nach Tschechien – und die Einkehr in das gemütliche Lusen-schutzhaus (in den Weihnachtsferien jeden Tag, im restlichen Winter am Wochenende geöffnet).

Wer es ruhiger angehen möchte, besucht die Aussichtskanzel des Rothirschgeheges Scheuereck bei Zwiesel. Unter den Füßen breitet sich ein neun Hektar großes Freigelände aus, Heimat von rund zehn imposanten Hirschen. Klassischen Winterzauber verströmt die Miniatur Rokokokirche von 1698 mit ihrem Zwiebelhäubchen in Lohberg bei Bayerisch Eisenstein. Das Innere überrascht mit wohltuender Wärme und einer Glashütte samt Werkstatt, Ofen und einem Schauraum mit Vasen, Skulpturen und Tiergestalten.

Sanfte Töne gibt es im Wallfahrtsmuseum Neukirchen beim Heiligen Blut: ein Gong aus China, eine Klangmühle aus Indien, Trommeln, Xylofone. Verschiedene Tafeln erklären die therapeutische, physikalische und medizinische Wirkung des Klangs. Direkt nebenan: die Wallfahrtskirche Mariä Geburt. Sie ist gerade im Dunkeln wegen der festlichen Votivkerzen himmlisch beschaulich.

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Wie Erwachsene mit Herzfehlern leben



Die Zahl der Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler steigt. Viele werden nicht richtig betreut

Nachsorge: Jedes halbe Jahr wird bei Steffen W. der Blutfluss im Herzen per Ultraschall überprüft

Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Das mit den Haaren." Steffen W. verzieht das Gesicht und sagt "Autsch!", während Ambulanzleiterin Christina Knichwitz eine Elektrode nach der anderen von seiner Brust zupft. Belastungs-EKG. "Das macht sie wieder besonders gerne", meint W. "Steffen, da musste durch", antwortet Knichwitz. Beide lachen.

Man kennt sich, hier in der Klinik für Angeborene Herzfehler und Klappenerkrankungen am Uniklinikum in Münster (UKM). Schließlich kommt der Fachwirt für Versicherungen und ­Finanzen (30) seit zehn Jahren zur Kontrolle. Fast genauso lange, wie es die Klinik gibt.  Ein Foto von ihm auf dem Ergometer hängt im Kaffeezimmer der Station. Zu jedem Untersuchungstermin bringt er Kekse mit. Die Mitarbeiter der EMAH- Station bezeichnet er als zweite Familie. Die kümmert sich um sein Herz. Bei allem Geschäker eine existenzielle Angelegenheit – und eine hochemotionale.

EMAH ist die Abkürzung für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler. ­Etwa 300 000 leben laut Schätzung der Patientenorganisation Deutsche Herzstiftung in Deutschland. Und ihre Zahl steigt: Pro Jahr kommen rund 6500 Kinder mit Herzfehler auf die Welt, einer von hundert Neugeborenen ist be­troffen. Ihre Überlebenschancen sind heute so gut wie nie zuvor.

Dank moderner Kardiologie, Chirurgie und Intensivmedizin können Ärzte viele Herzfehler bereits vor der Geburt diagnostizieren und im frühen Säuglingsalter korrigieren. Über 90 Prozent der betroffenen Babys erreichen das Erwachsenenalter.

Repariert, nicht geheilt

"Insgesamt ist die Lebenserwartung eingeschränkt", sagt Professor Helmut Baumgartner, der das EMAH-Zentrum am UKM leitet. Werden die Patienten – wie Steffen W. – kontinuierlich spezialisiert betreut, sei ein guter Langzeitverlauf zu erwarten. Doch genau daran hapert es häufig.

Steffen W., flottes Mundwerk,  blonder Dreitagebart, spitzbübisches Grinsen, wurde mit Fallotscher Tetralogie geboren. Ein vierfacher Herzfehler, bei dem unter anderem die Klappe der Lungenschlagader und die darunter liegende Muskulatur zu eng und die Scheidewand zwischen den Herzkammern undicht ist.

Anders als bei Gesunden mischen sich sauerstoffarmes und sauerstoffreiches Blut. Als W. drei Jahre alt war, erfolgte eine aufwendige Herz-OP.

Fünfzehn Jahre später verlor er morgens auf dem Weg zur Ausbildung das Bewusstsein und die Kontrolle über sein Auto. Der Unfall ging glimpflich aus, verdeutlichte Steffen W. aber drastisch, was für alle Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler gilt: Dein Herz ist repariert, aber nicht geheilt.

Für den Kinderkardiologen aber war Steffen inzwischen zu alt. "Und normale Kardiologen sind oft nur auf erworbene Herzerkrankungen eingerichtet", sagt Dr. Ulrike Bauer, die den Forschungsverbund Kompetenznetz Angeborene Herzfehler leitet.

Normales Leben

Steffen hatte Glück. Gerade war das EMAH-Zentrum in Münster eröffnet worden. Seit der zweiten Operation geht es ihm gut. Die Blutwerte stimmen. Er macht Fitnesstraining, fliegt in den Urlaub, gerade waren er und seine Frau Nadine in der Türkei. Er nimmt keine Medikamente, braucht keine spezielle Diät. "Ich lebe ganz normal mein Leben." Manchmal braucht er eine Pause, die macht er dann auch.

Das Herz? Im Alltag kaum ein Thema, wenn ihn nicht gerade jemand am Strand auf die große Narbe anspreche. Trotzdem muss sein Gesundheitszustand regelmäßig gecheckt werden, wie bei fast allen Erwachsenen mit einem angeborenen Herzfehler.

EKG, Ultraschall und MRT zeigen: Arbeiten die Klappen richtig? Gibt es Gerinnsel? Stimmen Blutstromrichtung und -volumen, reicht die Sauerstoffsättigung? "Nur so können wir abschätzen, ob und vor allem wann ein weiterer Eingriff notwendig ist", sagt Experte Baumgartner.

Spezielle Behandlung

Werde zu früh operiert, könne später ein weiterer Eingriff vorzeitig notwendig sein. Warte man zu lange, drohten vielleicht irreparable Schäden.

Am besten gelingen Behandlungen und Nachsorge laut einer kanadischen Studie in spezialisierten EMAH-Einrichtungen. Im Vergleich zu nicht spezialisierten traten weniger Komplikationen auf, die Patienten lebten länger.

In Deutschland ist die Versorgung in einem dreistufigen Modell organisiert. Basis sind die Hausärzte, die mit den Patienten ihre Behandlung besprechen sowie planen und sie an regionale zertifizierte EMAH-Schwerpunktpraxen oder -kliniken verweisen. Für weitergehende Untersuchungen gibt es überregionale EMAH-Zentren mit Maximalversorgung wie zum Beispiel am UKM.

Alltagsleben neu planen

Doch das Medizinische ist nur eine Seite. Viele Patienten brauchen eine Rundumberatung: Welche Sportarten sind okay? Welche Jobs kommen in­­frage? Was ist mit Autofahren? Können bei einer Schwangerschaft Probleme auftreten? Worauf sollten sie bei Versicherungen achten?

Einrichtungen wie die am UKM bieten deshalb neben Kardiologen auch Psychologen und Sozialarbeiter, die Betroffene individuell beraten. "Leider wird nach wie vor nicht einmal die Hälfte aller Erwachsenen spezialisiert betreut", bedauert Baumgartner. Nach der Volljährigkeit fallen viele in eine Versorgungslücke.

Das liegt laut Ulrike Bauer nicht nur an fehlender Information seitens der Hausärzte oder Kinderkardiologen. Sondern auch daran, dass nicht alle so bewusst und diszipliniert mit ihrer chronischen Erkrankung umgehen wie Steffen W.

Die Psyche nicht vergessen

"Wir vergessen allzu oft die psychologische Komponente", so Bauer. Erwachsene, die als Kinder manchmal fünf OPs und Monate im Krankenhaus und auf Reha hinter sich hätten, wollten irgendwann nichts mehr damit zu tun haben."Sie wollen schlicht nicht mehr krank sein, verdrängen das, denken: Mir geht es doch ganz gut", berichtet Bauer.

Schuld daran sei auch der Zeitgeist, der Menschen mit Herzfehler vermittle, weniger leistungsfähig zu sein. Schlimmstenfalls kämen diese deshalb nicht mehr zur Vorsorge – sondern irgendwann mit lebensbedrohlichen Komplikationen in die Notaufnahme.  

Noch nicht lange werden so viele Kinder mit angeborenem Herzfehler  erwachsen. In den 1930er-Jahren verstarben 80 Prozent im ersten Lebensjahr. Seit 1990 hat sich die Gesamt- Sterblichkeit um über 60 Prozent reduziert. Eine Erfolgsgeschichte.

Fast wäre Steffen kein Teil von ihr geworden. Der Strahlemann von heute war einst ein echtes Sorgenkind. Hatte kaum Kraft zu trinken. Durfte nicht schreien. Musste getragen werden, weil er beim Krabbeln blau anlief.

Seine Eltern Bernd und Martina W. erinnern sich: "Tun Sie sich einen Gefallen, gewöhnen Sie sich erst gar nicht an dieses Kind", hatten die Ärzte ihnen geraten.

Viele Schläuche, kaum Kind

Die Fallotsche Tetralogie wird heute bei Babys unter einem Jahr operiert. Damals ging das noch nicht. Steffens Eltern waren in ständiger Sorge: "Was, wenn Steffen morgen nicht mehr aufsteht?" Das Schlimmste war die Hilflosigkeit, sagt Vater Bernd. Das ein­zige Ziel der Familie: den Sohn schonen, aufpäppeln.

Irgendwann wurde die OP unabdingbar – und für die Eltern ein traumatisches Ereignis. 16 Stunden Warten, danach überall Schläuche, das Kind kaum zu sehen. Die Albträume kommen noch immer. Doch dass ­Steffen heute hier sei, gesund und glücklich, mache all die bösen Erinnerungen wett.

Hilfe für Betroffene

Erwachsene mit angeborenem Herzfehler finden im Internet Informationen unter:

www.emah-check.de (Deutsche Herzstiftung)

www.kompetenznetz-ahf.de

Das Kompetenznetz betreibt auch das Nationale Register für Angeborene Herzfehler und sammelt Daten, um die Gesundheit der Patienten zu erforschen.

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So beugen Sie einem Schlaganfall vor



Verstopft ein Gerinnsel ein Gefäß im Gehirn, hat das oft schwere Folgen für den Patienten. Doch die Risiken für einen Schlaganfall lassen sich beeinflussen. Welche Rolle Blutdruck, Ernährung und Bewegung spielen

Sport kann Risikofaktoren für den Schlaganfall günstig beeinflussen, zum Beispiel Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes vorbeugen

Es regnet. Statt der Alpen sind im oberbayerischen Aschau ringsum heute nur Wolkenberge zu sehen. Eigentlich kein Wetter für einen Spaziergang. Therese Schmid (66) macht sich trotzdem auf den Weg. "Es kann ja nicht immer die Sonne scheinen", sagt sie. Zweimal pro Woche gehen sie und ihr Mann die Strecke von ihrem Haus in Richtung Schule. Nicht um zu lernen, sondern weil sie an einer Studie teilnehmen.

"Druck runter, Aktivität rauf!" heißt das Präventionsprojekt, bei dem ältere Bürger aus dem Ort Kinder auf ihrem Schulweg begleiten. "Uns interessiert vor allem, ob sich damit etwas gegen hohen Blutdruck tun lässt – den wichtigsten Risikofaktor für Herz-Kreislauf-­Erkrankungen wie den Schlaganfall", sagt die Präventionsforscherin Dr. Birgit Böhm von der Technischen Universität München, die das Projekt betreut.

Der Lebensstil spielt eine wichtige Rolle

Der Schlaganfall stellt in Deutschland ­eine der größten Gefahren für die Gesundheit dar. Jedes Jahr trifft er rund 270 000 Menschen. Zu der Durchblutungsstörung des Gehirns kommt es meist, wenn ein Gefäß im Kopf verengt oder verschlossen ist. Seltener steckt eine Hirnblutung dahinter. Für die Betroffenen sind die Konsequenzen oft dramatisch. Kein anderes Ereignis ist für so viele Fälle von Behinderung verantwortlich. Die Akutbehandlung des Schlaganfalls hat zwar in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Wichtiger ist dennoch die Vorbeugung.

"Die Studien zeigen deutlich, dass sich durch den individuellen Lebensstil viele Risikofaktoren gut beeinflussen lassen", sagt Professor Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie und Prävention. Welche Faktoren das sind, untersuchten Forscher anhand der Daten von über 13 000 Schlaganfallpatienten aus 32 Ländern. Ergebnis dieser sogenannten Interstroke-Analyse: Neun von zehn Attacken hängen direkt oder indirekt mit dem Lebensstil zusammen. Die meisten wären also vermeidbar.

Prävention klärt über die Risikofaktoren eines Schlaganfalls auf

Auf Platz eins der Risiko-Rangliste steht der Bluthochdruck. Den Betrof­fenen ist das nicht immer bewusst. Experte Krämer erklärt Patienten den Zusammenhang damit, dass Bluthochdruck die Gefäße im ganzen Körper schädigen kann – auch die im Gehirn. Geht man jedoch gegen ihn vor, sinkt ­ die Schlaganfall-Gefahr. "Idealerweise können Patienten mit Bewegung, Gewichtsreduktion und einer kochsalz­armen Diät eine deutliche Verbesserung bewirken", sagt Krämer. Häufig gehören jedoch blutdrucksenkende Arzneien ebenfalls zur Vorsorge. 

Bei der Entstehung eines Schlaganfalls sind verschiedene Risikofaktoren eng miteinander verknüpft. Bewegungsmangel zum Beispiel trägt zusätzlich zu Übergewicht bei. Beides fördert wiederum Diabetes und schlechte Blutfettwerte – weitere Risikofaktoren für eine Attacke. Um diese Zusammenhänge geht es auch im Aschauer Präventionsprojekt. Wissenschaftlerin Böhm arbeitet dabei eng mit einer Apotheke vor Ort zusammen. "Wir beraten hier täglich Menschen, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Gesunder Lebensstil und Vorsorge sind uns deshalb ein großes Anliegen", sagt die Apothekerin Claudia Zangerl.

Gemeinsam mit Böhm veranstaltete sie zwei Aktionstage rund um das Thema Herz- und Gefäßgesundheit. Dabei konnten die meisten Studienteilnehmer gefunden werden. "Die Bereitschaft, über die eigene Gesundheit zu sprechen, ist in der Apotheke sehr hoch. Deshalb ist das Thema Prävention dort gut aufgehoben", erklärt Böhm. Viermal im Lauf der eineinhalb Jahre werden die Studienteilnehmer untersucht, und ihr Blutdruck wird gemessen. Alle bekommen einen Aktivitäts-Tracker, der jeden Schritt zählt und die Herzfrequenz überwacht. Mindestens 10 000 Schritte sollten die Probanden pro Tag gehen. Ob sich dadurch die Werte – wie erhofft – senken lassen, soll die Auswertung im kommenden Jahr zeigen.

Diese Maßnahmen reduzieren das Schlaganfallrisiko


Senken Sie Ihren Blutdruck

Für Experten der wichtigste Schritt. Gute Werte können das Risiko um bis zu 40 Prozent verringern.

Hören Sie auf zu rauchen

Etwas jede fünfte Attacke könnte vermieden werden, wenn Patienten ihre Nikotinsucht überwinden. 

Ernähren Sie sich gesund und ausgewogen

Viel Gemüse, Obst und Fisch, wenig Salz – das schützt die Gefäße. Weiterer Tipp: wenig oder keinen Alkohol trinken 

Bewegen Sie sich ausreichend

Davon profitiert das Herz-Kreislauf-System. Zudem sinkt das Risiko für Bluthochdruck, Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen.

Risikofaktor Vorhofflimmern: Auf den Herzschlag hören

Aber nicht alle Risikofaktoren lassen sich so gut beeinflussen wie der Blut­­hochdruck. So steigert zum Beispiel auch Vorhofflimmern die Gefahr. Diese verbreitete Herzrhythmusstörung wird jedoch vielfach nicht entdeckt. "Kardio­logen sehen solche Patienten oft erst dann, wenn diese bereits den ersten Schlaganfall hatten", sagt Dr. Phi­lipp Sommer vom Herzzentrum Leipzig. Beim Vorhofflimmern gerät das Herz aus dem Takt, es schlägt unrhythmisch und häufig deutlich zu schnell. Etwa 15 Prozent aller Attacken werden dadurch verursacht.

"Durch die unregelmäßige Pumptätigkeit bilden sich Blutgerinnsel im Herzen, die wiederum Gefäße im Gehirn verstopfen können", erklärt Experte Sommer. Für eine frühere Diagnose wäre es wichtig, dass Menschen über 65 öfter "auf ihr Herz hören". Denn viele Betroffene spüren das Vorhofflimmern als etwas unregelmäßigen, schnelleren Herzschlag. "Sie können dann auch den Puls selbst am Handgelenk ertasten und eventuelle Unregelmäßigkeiten abklären lassen", erläutert Sommer. Blutdruckmessgeräte helfen mitunter ebenfalls, Rhythmusprobleme zu erkennen. "Wenn dabei das Signal der Arrhythmie-Erkennung öfter leuchtet, sollte man das ernst nehmen und zum Arzt gehen", betont der Kardiologe.

Prävention: Für Bewegung und gesunde Ernährung ist es nie zu spät

Dieser veranlasst bei einem Verdacht ein EKG oder Langzeit-EKG. Nach der Diagnose bekommen Pa­tienten Medikamente, die die Blutgerinnung hemmen. Diese sogenannte Antikoagulation bietet in vielen Fällen einen guten Schutz vor Gerinnseln im Herzen. Selbst wenn jemand bereits Arzneien nehmen muss, ist es für Prävention nicht zu spät, betont Sommer. Das Risikofaktoren-Modell sei nicht statisch, sondern dynamisch. "Man hat es auch mit einem oder mehreren Risikofaktoren ­selber in der Hand, das Risiko günstig zu beeinflussen – und bleibt seines eigenen Glückes Schmied!" 

Studienteilnehmerin Therese Schmid hat das verinnerlicht. Der Aktivitäts-Tracker am Handgelenk ist trotzdem eine Motivation. "Man kann genau erkennen, wie viel oder wenig man sich bewegt." Sieht sie abends auf dem Display, dass es eben noch nicht reicht mit den Schritten, geht sie mit ihrem Mann eine Extrarunde. "Wir sind schon fast ein bisschen ehrgeizig geworden."

Diese drei Werte zählen fürs Schlaganfallrisiko:

  • Blutdruck: Meist gelten Werte von unter 140/90 mmHg als ideal.
  • Blutfett: Ohne weitere Risikofaktoren sollte das Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl liegen, das LDL unter 160 mg/dl.
  • Blutzucker: Diabetiker müssen ihre individuellen Zielwerte mit dem Arzt absprechen.

Mit dieser Notfallregel erkennen auch Laien einen Schlaganfall

Kommt es zu einem Schlaganfall, läuft für den Betroffenen die Zeit. "Time is brain, zu Deutsch Zeit ist Hirn – das ist bei der Akutversorgung die allerwichtigste Regel", sagt Professor Heinrich Audebert vom Centrum für Schlaganfallforschung der Charité Berlin. Sobald das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, setzt bei den Nervenzellen ein Massensterben ein. Millionen von ihnen können unwiederbringlich verloren gehen, Nervenverknüpfungen nicht mehr funktionieren. 

Je schneller der Patient ins Krankenhaus kommt, desto besser kann der Schaden begrenzt werden. Seit Jahren arbeiten Experten daran, die Zeit zwischen dem Schlaganfall und der Kli­nik­einlie­ferung zu verkürzen. "Viele Betroffene suchen zunächst ihren Hausarzt auf, anstatt gleich den Notarzt zu rufen", sagt Professor Darius Nabavi von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Dadurch gehe wertvolle Zeit verloren. 

Der sogenannte FAST-Test kann dabei helfen, die wichtigsten Symptome richtig zu deuten. Es gibt jedoch noch weitere Anzeichen, die der Test nicht erfasst. Zum Beispiel plötzlich auftretende Gleichgewichtsstörungen, einseitiges Taubheitsgefühl, Schwindel, Bewusstlosigkeit oder schlagartig einsetzende extreme Kopfschmerzen. Sehstörungen können ebenfalls vorkommen, bis hin zur vorübergehenden Erblindung.

Bei solchen Symptomen ebenfalls den Notarzt rufen – auch wenn die Beschwerden wieder verschwinden oder nachlassen. Sie können Vorboten eines Schlaganfalls sein. Mittlerweile erkennen offenbar mehr Menschen die Symptome – und rufen direkt den Notarzt. Zahlen aus Baden-Württemberg zeigen, dass noch im Jahr 2006 ein Drittel der Schlaganfall-Patienten die Klinik über den Hausarzt erreichte. Zehn Jahre später hat sich dieser Anteil halbiert.

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Hautpflege bei Neurodermitis



Pflege und Behandlung orientieren sich am jeweiligen Hautzustand. Ein Apotheker und ein Arzt geben Tipps

Die Haut will gepflegt werden – vor allem bei der Therapie von Neurodermitis sind regelmäßige Reinigungsrituale unverzichtbar

So unterschiedlich die Krankheit auch verläuft – eines haben alle Neurodermitiker gemein: "Ihre Hautbarriere ist durchlässiger als normal", sagt Michael Springer, der sich in seiner Apotheke im mittelfränkischen Oberasbach auf Erkrankungen der Haut spezialisiert hat. Dadurch reagiere diese empfindlicher auf äußere Reize, trockne aus und beginne zu jucken.

Gute Pflege

Eine intensive Hautpflege bildet daher in allen Krankheitsstadien die Basis der Therapie – selbst wenn der Patient gerade beschwerdefrei ist. Denn sie unterstützt die Hautbarriere und kann Juckreiz lindern. Springer ist überzeugt: "Wer seine Haut gut kennt und sorgfältig pflegt, hat seltener entzündliche Schübe."

Doch wie finden Patienten bei der Vielzahl der erhältlichen Pflege­produkte das passende? Springer sieht es pragmatisch: "Ausprobieren." ­Viele Hersteller bieten bei Unver­träglichkeiten ein Umtauschrecht an oder stellen Probepackungen zur ­Verfügung. Dann könne man testen, ob man die Grundlage mag.

Nur wenn das Produkt schnell einziehe, wende der Patient es regelmäßig an. Springer: "Niemand mag eine ­dicke Fettschicht auf der Haut, unter der man schwitzt und noch mehr Feuchtigkeit verliert." Zwar braucht die Haut bei Neuro­dermitis Fett und Feuchtigkeit, sie kommt aber je nach Jahreszeit und Lebensalter auch mit weniger fett­haltigen Produkten aus.

Apotheker können helfen

"Im Sommer und bei jüngeren Menschen genügt oft eine leichte Pflegelotion mit Feuchthaltefaktoren wie zum Beispiel Harnstoff oder Glycerin", sagt Springer. Spezielle Pflegeserien für Neurodermitiker sind zudem frei von Duft- und Konservierungsstoffen. Wichtig ist dem Apotheker zufolge vor allem, dass der Patient das Produkt gut verträgt.

Im Idealfall stellt die Suche nach der optimalen Basispflege einen Prozess dar, den der Betroffene gemeinsam mit seiner Apotheke durchläuft. "Manchmal braucht es mehrere ­Gespräche, bis wir eine individuelle Lösung gefunden haben", sagt Springer. Schließlich hätten die Menschen oft einen langen Leidensweg hinter sich. Das müsse man berücksichtigen und könne sie nicht mit einer schnellen Empfehlung erschlagen.

Durchlässige Schutzschicht

Die Hautbarriere besteht aus der äußersten Hautschicht, der sogenannten Hornschicht. Im gesunden Zustand bilden Hornzellen und Fette einen stabilen Verbund, der die Haut wie eine Mauer vor äußeren Einflüssen und Feuchtigkeitsverlust schützt. Bei Neurodermitis fehlen der Hornschicht Fette und Feuchthaltefaktoren. Das erhöht ihre Durchlässigkeit.

Vergleich von gesunder Haut und Haut mit Neurodermitis

Gesunde Haut ist dicht: Eine intakte Barriere schützt vor Umwelteinflüssen und Feuchtigkeitsverlust

Haut mit Neurodermitis ist undicht: Die Haut reagiert empfindlich auf äußere Einflüsse, ist trocken und juckt

Sanfter Weg zur Sauberkeit

Zur Basispflege gehört neben dem zweimal täglichen Eincremen die Reinigung. "Anstelle von Seifen sollten Menschen mit Neurodermitis leicht saure Syndets mit hautneutralem pH-Wert zwischen 5,5 und 6,0 verwenden", rät Apotheker Springer.

Problematischer als möglicherweise enthaltene Konservierungsmittel und Duftstoffe sei die Wassertempe­ratur, die nicht zu hoch sein sollte. Am besten duschen und baden Betroffene mit lauwarmem Wasser, zudem nicht lange und nicht zu oft. Springer: "Wer jeden Tag duscht oder badet, zerstört seine Hautbarriere. Der Körper kommt mit der Produktion der notwendigen Stoffe nicht nach."

Entspannung beim Baden

Zum Abtrocknen tupft man die Haut am besten mit einem weichen Hand­­tuch ab oder lässt sie an der Luft trocknen. Nach dem Reinigen die Haut eincremen – ohne sie zu überpflegen. "Schließlich soll sie sich im Idealfall selbst regenerieren", sagt Springer.

Der Apotheker ermuntert seine Kunden zudem, medizinische Badezusätze auszuprobieren. Die einen empfinden rückfettende Ölbäder als angenehm, andere ein Bad mit Totem- Meer-Salz.

Viele profitieren in beschwerdefreiem Zustand von einem Besuch in einem Solebad oder einem Urlaub an der Nordsee. "Neben Sonne, Salzwasser und allergenfreier Luft wirkt sich auch die Entspannung positiv aus", erklärt Springer. Man dürfe die Psyche nicht außer Acht lassen.

Hilfe für Betroffene

Neurodermitis-Schulungen fördern den eigenverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung und geben weitere Hilfestellungen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten. Informationen unter www.neurodermitisschulung.de

Kommt es trotz sorgfältiger Hautpflege zu einem akuten Schub, steht die entzündungshemmende ­Therapie im Vordergrund. "Unter­drücken wir die entzündlichen Ek­zeme effektiv, kann sich die zerstörte Hautbarriere regenerieren", erklärt Professor Thomas Werfel von der Hautklinik der Medizinischen Hochschule Hannover. Das beuge zugleich neuen Verschlimmerungen vor.

Keine Angst vor Kortison

Zunächst kommen in der Regel örtlich wirksame Glucocorticoide zum Einsatz. Doch viele Patienten wenden Kortisonpräparate nur unregelmäßig an – aus Angst vor Nebenwirkungen. Doch diese ist unbegründet, wie ­Werfel erläutert: "Moderne mittelstark wirksame Wirkstoffe werden in der Haut abgebaut und gelangen nicht in den Blutkreislauf."

Der Experte rät, Glucocorticoide so lange einzusetzen, bis die Haut nur noch schwach gerötet ist. Wenn das Ekzem abgeheilt ist, sollte man die betroffenen Stellen noch eine Zeit lang zweimal wöchentlich nachbehandeln. So lassen sich auch Restentzündungen erfassen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. "Durch diese proaktive Therapie sparen wir letztlich Corticoide ein", betont Werfel.

Seit einigen Jahren stehen örtlich wirksame Alternativen zur Verfügung
(Calcineurin-Antagonisten). Sie hemmen ebenfalls die Entzündung, machen die Haut aber nicht dünner. "Die Mittel eignen sich deshalb für sensible Bereiche wie das Gesicht oder den Genital- und Analbereich", erklärt Werfel. Zudem lindert eine Phototherapie äußerlich akute Schübe und stillt den Juckreiz.

Lieber feucht oder fettig?

Auch bei einem entzündlichen Schub muss die Haut gepflegt werden. "Während sie zwischen den Schüben von einer rückfettenden Pflege profitiert, sind im akuten Schub Präparate mit höherem Wasseranteil gefragt", erklärt Michael Springer. Vorsicht bei harnstoffhaltigen Produkten, die Feuchtigkeit spenden: offene Stellen nicht damit behandeln.

Gegen quälenden Juckreiz empfiehlt der Apotheker feuchte Verbände, Kühlung und Entspannungstechniken. Polidocanolhaltige Zubereitungen betäuben örtlich und können Schmer­zen sowie Juckreiz nehmen. Auch durch gerbstoff- oder kortisonhaltige Präparate oder Zugsalben mit Ammoniumbituminosulfonaten lässt sich akuter Juckreiz lindern. Manchmal helfen auch bestimmte Allergietabletten.

"Am wichtigsten ist aber, nicht zu kratzen", betont Springer. Es
verstärke den Juckreiz und erhöhe die Gefahr von Infektionen. Er rät

bei offenen Stellen, zusätzlich eine antiseptische Salbe zu verwenden.

Therapie für mehr Lebensqualität

Bei Neurodermitis neigt das Immunsystem der Haut dazu, überempfindlich zu reagieren: Stress, Allergene, Schadstoffe oder Erreger stimulieren bestimmte Immunzellen, die dann vermehrt Entzündungsbotenstoffe freisetzen (siehe Infografik unten). Bei großflächigen akuten Schüben kann deshalb eine systemische Behandlung erforderlich werden, die an verschiedenen Stellen des Immunsystems angreift.

Allerdings müssen Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander ­abgewogen werden. "Eine kurzzeitige Einnahme von Kortisonpräparaten kommt wegen möglicher Nebenwirkungen in der Regel nur bei Erwachsenen mit schwerer Neurodermitis infrage", sagt Werfel.

Neues Immuntherapeutikum

Standardarznei für die innere Therapie war stattdessen bis 2017 Ciclosporin. Werfel begrüßt es, dass für schwere Fälle seit Kurzem ein weiteres Immuntherapeutikum verfügbar ist. Der monoklonale Antikörper Dupilumab greift direkt an der Ursache an. "Bei jedem zweiten Patienten kann mit dieser Therapie eine fast voll­ständige Abheilung erreicht werden", sagt Werfel.

Das biologische Arzneimittel ist allerdings sehr teuer und muss gespritzt werden. Trotzdem setzen zunehmend auch niedergelassene Hautärzte das neuartige Mittel ein. Für Werfel stellt das einen ­großen Fortschritt dar: "Eine gute ­Behandlung der Krankheit ver­bessert die Lebensqualität der ­Betroffenen und reduziert psychi­sche Probleme."

Übereifrige Immunzellen

  • Ist die Hautbarriere gestört, können Umweltfaktoren wie Allergene, Schadstoffe oder ­Krankheitserreger in die Haut eindringen und ­eine Reaktion des Immunsystems auslösen.
  • Die Fremdstoffe regen bestimmte Immun­zellen dazu an, verstärkt entzündungsfördernde Botenstoffe zu bilden.
  • Die freigesetzten Botenstoffe führen zu entzündlichen Hautveränderungen und Juckreiz.
  • Durch Kratzen wird die Haut zusätzlich verletzt, was die Entzündung noch verstärkt. Dieser Teufelskreis lässt sich mit entzündungshemmenden Immuntherapeutika durchbrechen.

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So vermeiden Sie eine Sommergrippe



Auch im Sommer und bei Hitze kann man sich erkälten. Lesen Sie hier, wo überall Erkältungsviren lauern und mit welchen Maßnahmen Sie einer Sommergrippe vorbeugen können

Kleine Erfrischung gefällig? Doch aufgepasst: Aus einer Unterkühlung kann auch mal eine Erkältung werden!

Wer denkt bei 30 Grad im Schatten schon an eine Erkältung? Schließlich hat das ja was mit Kälte zu tun. Trotzdem treten 20 Prozent aller Fälle nicht im Herbst oder Winter, sondern in der warmen Jahreszeit auf.

"Auch bei der sogenannten Sommergrippe handelt es sich um eine Infektion mit Viren, die durch Tröpfchen beim Niesen, Husten oder Sprechen übertragen werden", sagt Professor Matthias Stoll, Immunologe an der Medi­­zinischen Hochschule Hannover. "Und da bei Kontakt mit erkälteten Personen Ansteckungsgefahr besteht, gelten im Sommer die gleichen Hygieneregeln wie im Winter."

Bei hohen Temperaturen haben diese Krankheitserreger zwar schlechtere Ver­brei­tungschancen. Wenn jedoch Klimaanlagen, Zugluft, Nässe oder eisige Getränke die Temperatur der Schleimhäute senken, werden diese schlechter durchblutet, was die unspezifische Immunabwehr schwächen kann. "Mikroben dringen dann leichter in die Schleimhaut­zellen ein", erklärt Stoll.

Das subjektive Empfinden könne in diesem Zusammenhang täuschen: "Frösteln und kalte Füße sind nicht die Ursache der Erkältung, sondern das erste Symptom einer bereits stattgefundenen Infektion." Wer aber weiß, wo die typischen Kältefallen lauern, verbessert seine Chancen auf einen unbeschwerten Sommer.

Mit diesen Tipps beugen Sie einer Sommergrippe vor


Schutz vor Klimaanlagen: Viel trinken und eine leichte Jacke

Die Geräte sind nicht nur wegen der Kälte problematisch: Sie entziehen der Luft Feuchtigkeit, trocknen die Nasenschleimhäute aus und machen sie so anfälliger für Krankheits­erreger. "Außerdem funktionieren sie nur bei geschlossenen Fenstern. Es findet also kein Luftaustausch statt", erklärt Immunologe Stoll. "So können sich Erkältungs­viren leicht verbreiten."

Außerdem bereiten größere Unterschiede zwischen Innen- und Außentemperatur dem Körper erhebliche Anpassungsschwierigkeiten. Vor allem bei schweißnasser Haut kühlt er schnell aus. Einen gewissen Schutz vor dem Kälteschock in Supermärkten oder öffentlichen Gebäuden bieten leichte Jacken oder Pullis. Wegen der trockenen Luft sollten Gesunde in klimatisierten Räumen zwei bis drei Liter am Tag trinken.

Unterkühlung durch Zugluft möglichst vermeiden

Einen leichten Luftzug durch offene Fenster und Türen, Ventilatoren oder das Gebläse im Auto empfinden wir bei hohen Temperaturen als angenehm. Doch durch anhaltende Zugluft wird der Körper schnell unterkühlt. Dann sinkt auch die Temperatur in der Rachenschleimhaut. Sie trocknet aus und büßt ihre Abwehrfunktion ein. Bereits aufgenommene Viren haben dann leichtes Spiel.

"Bei lokalem Luftzug auf die Muskulatur können zudem schmerzhafte Verspannungen auftreten", sagt Experte Stoll. Deshalb sollte man auch Ventilatoren nur kurze Zeit laufen lassen und in ausreichend großem Abstand aufstellen. Was Sie im Auto nicht tun sollten: schwitzend bei offenem Fenster fahren oder die Klimaanlage voll aufdrehen und sich von der Lüftung anblasen lassen. 

Verschwitzte Kleidung so bald wie möglich wechseln

Im Sommer werden selbst leichte körper­liche Aktivitäten schnell zu einer schweiß­treibenden Angelegenheit. Schwitzen ist zwar gesund und reguliert die Körper­temperatur. Doch in der feuchten Kleidung kühlt man schnell aus. Deshalb die Sachen so bald wie möglich wechseln und beim Sport immer etwas zum Um­ziehen mit­nehmen.

­Funktionskleidung aus Poly­ester oder ­Poly­propylen ­eignet sich bei Hitze übrigens besser als ­Baumwolle: Die Synthetikfasern transpor­tieren den Schweiß von der Haut weg, sodass er auf der Außenseite des Kleidungsstücks ver­dunsten kann. Baumwolle ­speichert dagegen die Feuchtigkeit, klebt wie eine kalte Schicht auf dem Körper und senkt dadurch die Haut­temperatur. 

Nach dem Baden gleich abtrocknen und umziehen

Ein Sprung in kaltes Wasser bringt die beste Abkühlung. Die Erfrischung sollte aber nicht zu lange dauern: Zittern und blaue Lippen sind erste Anzeichen einer ­­Unterkühlung, die Erkältungsviren Tür und Tor öffnet. Nach dem Schwimmen oder Planschen gleich abtrocknen und umziehen. "Nasse Bade­kleidung erhöht zudem die ­Gefahr von Harnwegs­infekten", warnt Stoll, "vor allem weil sich die auslösenden Bakte­rien bei Feuchtigkeit sehr wohlfühlen."

Kalte Getränke schwächen die Abwehrkraft der Mundschleimhaut

Eisgekühlte Getränke verheißen eine wohltuende Erfrischung. "Wer auch noch gerne Eiswürfel lutscht, kann die Mundschleimhaut so stark herunterkühlen, dass sie ihre Abwehrkraft gegen Krankheitserreger verliert", sagt Stoll. Er rät deshalb, auf Eiswürfel zu verzichten und nur leicht Gekühltes zu trinken – am besten nur schluckweise. Eiskalte Getränke regen außerdem die Durch­­blutung an, sodass einem erst recht heiß wird. 

Jacke, Pulli, Socken: Auf Temperatursturz vorbereitet sein

Vor allem im Frühsommer oder Herbst kann die Temperatur erheblich schwanken. Nach einem Gewitter oder nach Sonnen­untergang wird es mitunter schnell ungemütlich kalt. Deshalb bei Ausflügen, Grillpartys oder im Biergarten immer einen Pulli und warme Socken dabeihaben.  

Wenn einen die Sommergrippe doch erwischt hat

Kratzen im Hals, Kribbeln in der Nase, Frösteln, Kopf- und Gliederschmerzen: Die Symptome einer Sommergrippe unterscheiden sich nicht von denen einer Erkältung im Winter. Damit das Immunsystem die Viren bekämpfen kann, ist vor allem Ruhe angesagt.

Wenn keine schwere Herz- oder Nierenerkrankung dagegenspricht, sollten Sie täglich zwei bis drei Liter Wasser oder Kräutertee trinken. Das befeuchtet die Schleimhäute und gleicht Flüssig­keits­verluste aus. Erkältungsmittel aus der Apotheke lindern die lästigen Symptome. Lassen Sie sich beraten!

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Schulterprobleme: Alternativen zur OP



Patienten mit chronischen Schulterbeschwerden wird oft zu einer Operation geraten. Doch Experten empfehlen mittlerweile, es zunächst mit konservativen Therapien zu versuchen

Beweglich bleiben: Durch gezieltes Training lassen sich Schulterschmerzen oft lindern – ohne Operation

Entzündete Sehnen und andere Weichteile sind sehr häufig die Ursache für hartnäckige Schulterschmerzen. Orthopäden empfehlen dann oft eine Operation gegen das sogenannte Schulterengpass-Syndrom. An dem Gelenk wird ein Stück Knochen entfernt, um unter dem Schulterdach mehr Platz zu schaffen. 

Solche Dekompressions-Operationen erfolgen häufig. Doch eine britische Studie zeigte vor Kurzem: Der chirurgische Eingriff bringt den meisten Betroffenen nicht viel. Für Dr. Ben Ockert war dieses Ergebnis wenig überraschend.

"Viele Schulterexperten stellen die alleinige Dekompression schon seit Längerem infrage, denn nur wenige Patienten werden dadurch wirklich beschwerdefrei", sagt der leitende Arzt der Sektion Schulter- und Ellenbogenchirurgie an der Universitätsklinik München.

Schulteengpass-Syndrom: Viele Ursachen möglich

Denn es gibt vielerlei Krankheiten, die ein Schulterengpass-Syndrom verursachen können. Zum Beispiel Kalkablagerungen oder kleine Risse in einer Sehne und Verklebungen in der Gelenkkapsel. Auch Muskelverspannungen und Fehlhaltungen können ein Engpass-Syndrom hervorrufen. 

In all diesen Fällen hilft ein Mix aus Physiotherapie, Bewegung und Medikamenten häufig am besten. Experte Ockert: "Die konservativen Maßnahmen sollte man zunächst ausschöpfen. Oft wird die Schulter dadurch wieder gut."

Regelmäßige Physiotherapie fördert die Selbstheilung

"Kurzfristige Termine bei einem Physiotherapeuten sind mittlerweile schwer zu bekommen", sagt Chirurg Ockert. Dennoch wären anfangs drei Einheiten pro Woche am besten. "Pa­tienten, die sofort intensiv in die Behandlung ­­eingebunden werden, haben einen Startvorteil."

Verschiedene Techniken machen das Gelenk beweglicher, lindern Schmerzen und Entzündungen. Bei Bedarf kommen auch Wärme und Strom zum Einsatz. "Diese Maßnahmen sollen den Körper dabei unterstützen, die Selbstheilung anzuregen", sagt Professor Thomas Horstmann. Der Chefarzt am Medical Park in Bad Wiessee ­leitet an der Technischen Universität München eine Forschergruppe für Konservative und Rehabilitative Orthopädie. 

Doch der Patient muss aktiv mitarbeiten. "Wichtig ist, dass er in der Physiotherapie die Anleitung bekommt, um selbst seine Schulter zu trainieren", sagt Horstmann. Er muss die Übungen unter professioneller Aufsicht durchführen, bis er sie beherrscht. 

Besserung durch tägliches Trainieren

"Die meisten Menschen vernachlässigen die Muskeln hinten am Rücken", sagt Horstmann. Etwa beim Autofahren oder am Schreibtisch: Immer arbeiten nur die Gegenspieler, die die Schulter nach vorne ziehen. Auch das Schultergelenk leidet unter diesen andauernden, ein­seitigen Belastungen

Doch Muskeln lassen sich trainieren, im besten Fall verschwinden Gelenkprobleme in der Folge. Etwa ein Engpass-Syndrom, bei dem Sehnen oder Weichteilgewebe im Gelenk eingeklemmt werden. Häufige Ursache des Übels: Der Oberarmkopf sitzt zu weit oben am Schulterblatt. Gezielte Übungen bringen ihn zurück in seine zentrale Position, das Gelenk kann wieder reibungslos arbeiten.

Ausdauertraining lindert die Beschwerden bei einer Kalkschulter

Für eine diagnostizierte steife Schulter oder Kalkschulter gibt es andere Programme. "Ein paar Daten zeigen, dass eine Kalkschulter besser wird, wenn die Patienten auch ihre Ausdauer trainieren, sodass der Körper stärker durchblutet ist", erläutert Horstmann.

Allerdings erfordert es einiges an Durchhaltevermögen, bis eine Linderung eintritt. Chirurg Ockert: "Das ist wie beim Klavierspielen. Darin wird man auch nicht gut, wenn man nur einmal in der Woche beim Unterricht übt." Der Experte empfiehlt für die Schulter täglich zweimal 20 Minuten Training über mehrere Wochen hinweg.  

Schmerzmittel und Kortikoide bei starken Beschwerden

Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac und Paracetamol helfen über Phasen mit starken ­Beschwerden hinweg. Ärzte und Apotheker beraten, welcher Wirkstoff sich am besten eignet. "Aber die Medikamente nicht länger als zwei bis drei Wochen in Eigenregie einnehmen", sagt Ockert.

Denn diese haben Nebenwirkungen und behandeln auch nicht die Ursache. Bessert sich der Zustand der Schulter nicht, sollte ein Orthopäde das Gelenk untersuchen.

Manchmal spritzt der Arzt auch ein entzündungshemmendes Kortikoid, ein örtliches Betäubungsmittel oder einen Mix aus beidem in die Schmerzzone. Damit sollte man es jedoch nicht übertreiben, denn Kortikoide können die Sehnen schädigen.

Ockert zum Beispiel injiziert frühestens nach drei Monaten ein zweites und nach einem Jahr ein drittes Mal. "Wenn dann die ­Beschwerden bleiben und andere konservative Maßnahmen nicht greifen, hilft oft nur noch eine Operation."

Vor der Operation kann Zweitmeinung sinnvoll sein

Einige Schulterprobleme erfordern eine Operation. Zum Beispiel Knochenbrüche, größere Risse in einem Rotatormuskel oder Gelenkschäden nach einer ­Verrenkung. Doch oft ist der Befund nicht so  eindeutig. Dann sollte man bei einer OP-Empfehlung in jedem Fall eine zweite Expertenmeinung einholen.

"Auch die Einschätzung eines nicht operierenden Orthopäden kann ­dabei helfen, eine gute Entscheidung zu treffen", sagt Horstmann. Dieser hat viel Erfahrung mit konservativen Therapien, kennt ­­deren Grenzen und hat kein Eigeninteresse an einer Operation.

Bevor ein Eingriff erfolgt, müssen die Ursachen des Gelenkleidens bekannt sein. Oft trägt das bild­gebende Verfahren der Magnetresonanz-Tomografie zu einer ­verlässlichen Diagnose bei. Erst wenn diese steht, kann die richtige Operation erfolgen – mit guten Aussichten, den Patienten von ­seinem Leiden zu befreien. Doch das gelingt nur selten, wenn man lediglich ein Stück Knochen entfernt und nicht auch die Problem­verursacher in der Schulter repariert.

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Soll die Pille für Bedürftige kostenfrei sein?



Viele Frauen in Deutschland können sich Verhütungsmittel finanziell nicht leisten. Die Bundesregierung zögert, den Betroffenen zu helfen. Jetzt gibt es ein Modellprojekt

Reicht das Geld noch für die Verhütung? Laut Studie der BZgA für Empfänger von Sozialleistungen öfter nicht

Schmerzmittel oder eine Packung Antibabypillen? Frauen mit wenig Geld müssen solche Entscheidungen treffen. Und viele scheinen das Schmerzmittel zu wählen. So zeigt eine Studie der Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), dass ein Viertel der Frauen, die Sozialleistungen beziehen, schon einmal aus Kostengründen auf Pille oder Spirale verzichtet hat.

Grundrecht Familienplanung

Um diesen Zustand zu beenden, hat der Bundesrat Ende 2017 auf Initiative mehrerer Bundesländer die Regierung aufgefordert, die Kosten für ärztlich verschriebene Verhütungsmittel für einkommensschwache Frauen unbürokratisch zu übernehmen. Schließlich ist der freie Zugang zu Verhütungsmitteln ein Grundrecht. Das wurde bereits vor 40 Jahren auf der ersten UN-Menschenrechtskonferenz beschlossen.

Auch die Bundesregierung bekräftigt das auf einer Internetseite des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort lässt sich nachlesen, dass jeder Mensch das Recht auf sexuelle und reproduk­tive Selbstbestimmung hat – und dass dazu der freie Zugang zu Verhütungsmitteln gehört, unabhängig von Geschlecht, Alter und Familienstand. In diesem Sinne fördert Deutschland entsprechende Programme im Ausland. Allerdings sieht die Situation hierzu­lande anders aus.

16 Euro im Monat für Arbeitslose zur Gesundheitspflege

Seit 2004 haben Frauen mit wenig Geld – dazu zählen auch Studentinnen und Auszubildende – keinen Anspruch mehr auf kostenfreie Verhütungsmittel. Mit den damals eingeführten Hartz-IV-Gesetzen ist sichere Verhütung eine Frage der finanziellen Situation geworden. Das Arbeitslosengeld II sieht für Gesundheitspflege eine Pauschale von rund 16 Euro monatlich vor.

Davon auch Verhütungsmittel zu bezahlen ist kaum möglich. Eine Packung der Antibabypille kostet laut pro familia bis zu 21 Euro, je nach Hersteller und ­Packungsgröße. Wer sich eine Kupferspirale für etwa fünf Jahre einsetzen lässt, zahlt bis zu 300 Euro. Das entspricht einer monatlichen Belastung von rund fünf Euro. Doch können viele Frauen nicht in Vorleistung gehen.

Regionale Unterschiede in der Kostenübernahme

Das Land Berlin und auch einige ­Kommunen, etwa Flensburg, München, Münster, Oldenburg und Paderborn, übernehmen die Kosten für einkommensschwache Frauen. "Wir brauchen aber eine bundeseinheitliche Lösung", fordert Professorin Cornelia Helfferich, Soziologin an der Evangelischen Hochschule in Freiburg. Sie hat für die BZgA die Studie zur Familienplanung geleitet. "Sonst gibt es einen schwer durchschaubaren Flickenteppich unterschiedlicher Lösungen, die jederzeit wieder gekürzt werden können."

Modellprojekt von pro familia

Dass der Bedarf groß ist, zeigt ein Modellprojekt, das derzeit an sieben Standorten in Deutschland läuft. Im Rahmen von "biko" können Frauen, die ein geringes Einkommen oder Sozialleistungen beziehen, sichere und gut verträgliche Verhütungsmittel relativ unbürokratisch erhalten. Pro familia führt das Projekt durch, das Bundes­familienministerium fördert es. Die erhobenen Daten sollen der Regierung als Grundlage dienen, um zu ermitteln, wie viele Frauen Unterstützung brauchen. Biko läuft noch bis Juni 2019.

Biko: So läuft das Projekt ab

Teilnehmen können Frauen in Erfurt, Halle an der Saale, Ludwigsfelde (Kreis Teltow- Fläming), Lübeck, Recklinghausen, Saarbrücken und Wilhelmshaven. Sie müssen nachweisen, dass sie nicht genug Geld für Verhütungsmittel haben, und brauchen zudem ein Rezept von der Gynäkologin. Wer möchte, kann sich in einem Gespräch noch einmal beraten lassen. Mehr Informationen finden Sie auf www.biko-verhuetung.de oder beim pro familia Bundesverband (Telefon: 0 69/26 95 77 90).

Großer Bedarf

Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Initiative dringend benötigt wird. "Die Frauen nehmen das Angebot sehr gut an. Wir haben an allen Standorten eine hohe Nachfrage", berichtet die biko-Leiterin Alexandra Ommert. Das bestätigt auch Brandenburgs Sozialministerin Diana Golze (Die Linke): "Ich kenne biko in Ludwigsfelde. Dort ist der Bedarf enorm." Es bleibt unklar, warum der Bedarf für ein bereits eingeräumtes Grundrecht überhaupt wiederholt geprüft werden muss. Untersuchungen der BZgA ergaben bereits 2015, dass ­eine sichere Verhütung häufig am Geld scheitert.

Abtreibungen, weil Verhütung zu teuer war

Hinzu kommt: Wird eine Frau mit wenig Geld ungewollt schwanger und entscheidet sich für eine Abtreibung, übernehmen die Länder die Kosten. "Das ist zynisch und inkonsequent", sagt Politikerin Golze. Zumal eine Auswertung der Soziologin Helfferich zeigte: Frauen mit wenig Geld, die eine Schwangerschaft abbrachen, hatten zu einem erhöhten Prozentsatz nicht verhütet. Es war zu teuer, gaben sie als Grund an. Helfferich: "Da haben wir noch mal den direkten Zusammenhang."

Ein weiterer Punkt, der mitunter für Irritationen sorgt: Um ein verschreibungspflichtiges Verhütungsmittel zu bekommen, müssen Frauen vorher ein Gespräch mit ihrem Arzt führen. "Die Kosten für diese Konsultation begleicht die Krankenkasse", sagt Carola Bury, Referentin für Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer in Bremen. "Die Pille zu kaufen ist dann plötzlich Privatsache." Das Bundesgesundheitsministerium argumentiert, dass Verhütung eine versicherungsfremde Leistung sei, die nicht in den Katalog der Kassen fällt. Der Wunsch zu verhüten sei kein krankhafter Zustand.

Erst nach dem Modellprojekt fällt eine Entscheidung

Aktuell ist eine Entscheidung, ob ­sichere Verhütungsmittel für Geringverdienerinnen kostenfrei bereitgestellt werden, nicht absehbar. Im Koalitionsvertrag wurde zu diesem Thema nichts vereinbart. "Im Moment liegt der Ball in Berlin", sagt Diana Golze. Eine Sprecherin des Bundesministeriums für Gesundheit bestätigt: Man könne die Lage erst dann vollständig bewerten, wenn die endgültigen Ergebnisse von biko vorliegen.

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Sport mit künstlichen Gelenken

Helmut Reckmann spielt Beachvolleyball. Mindestens einmal die Woche. Er hat sich dazu sogar ein eigenes Feld gebaut. Dort trainiert er mit seinen Mannschaftskameraden vom Lehndorfer TSV oder mit seinen Kollegen von der Arbeit.

Das wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte der 77-Jährige nicht ein künstliches Knie. 2015 war die Operation. Seitdem befindet sich in seinem linken Bein eine ­sogenannte Totalendoprothese (TEP): ein komplett künstliches Kniegelenk, bestehend aus Metall und Kunststoff.

Stürze und ruckhafte Bewegungen sind kritisch

Dass Reckmann Volleyball spielt, findet selbst sein Operateur Professor Karl-Dieter Heller, Chef der Orthopädischen Klinik im Herzogin-Elisabeth- Hospital in Braunschweig, etwas bedenklich. Schließlich gehört die Sportart aus gutem Grund nicht zu den Disziplinen, die Ärzte Patienten mit Gelenkersatz empfehlen. Das Sturz­risiko und die Kräfte, die bei den häufig ruckhaften Stoßbewegungen auf die Gelenke wirken, sind groß. Generell raten Mediziner aber, sich auch – oder gerade – mit einer Gelenkprothese zu bewegen. Training kräftigt Muskeln und Bänder, die wiederum dazu beitragen, dass das Kunstgelenk gut geführt wird und stabil bleibt.

"Je besser der Muskelmantel, desto besser kann man Sport treiben", sagt Dr. Sonja Herzberg, Chefärztin der Klinik für Orthopädie am Rehazentrum Bad Bocklet in Bayern. Wenn man die Prothese nämlich zu stark belastet, ohne dass Bänder und Muskeln sie schützen und stabilisieren, kommt es schneller zu Verschleiß: Die Materialien reiben stärker aneinander, nutzen sich ab, die Prothese lockert sich.

Darauf sollten Betroffene achten:

  • Erst nach drei bis sechs Monaten ist das Kunstgelenk voll einsetzbar und die Prothese an den Knochen angewachsen. "Das gilt vor allem für Hüftprothesen, die zementfrei angebracht werden", sagt Orthopäde ­Heller. Danach kann man wieder nahezu uneingeschränkt Sport treiben. Davor gilt es, sich locker zu bewegen.
  • Vermeiden Sie High-Impact-Sportarten, bei denen stoßartige Bewegungswechsel stattfinden oder man schnell stürzen kann.
  • "Drei Mal pro Woche 45 Minuten bis eine Stunde Bewegung sind optimal", sagt Heller. Dazu zählt auch schnelles Gehen.
  • "Je sportlicher der Patient vor dem Eingriff war, desto besser und schneller kann er nach der OP wieder mobil werden", sagt Orthopädin Sonja Herzberg. Hat man vorher eine ­Sportart gut beherrscht, kann man in der Regel danach wieder einsteigen.
  • Überfordern Sie sich nicht. Auch mit kleinen sportlichen Maßnahmen tun Sie viel für Ihre Beweglichkeit und Gesundheit. "Spazieren gehen, Rad fahren, das ist wunderbar", sagt Mediziner Karl-Dieter Heller.

Günstige Sportarten

Wird die Prothese zu instabil, muss sie ausgetauscht werden. Geht alles gut, bleiben Knie- und Hüftprothesen aber 15 bis 25 Jahre im Körper.

Mit Sport und Bewegung können Patienten mit künstlichen Gelenken Komplikationen entgegenwirken. Bei Knieprothesen raten Ärzte zu Sportarten wie Walking, Radfahren, Aquafitness, Schwimmen, Krafttraining, Bergwandern mit Stöcken oder auch Tanzen.

"Fließende Bewegungen mit möglichst wenig stoßhaften Belastungen sind gut", sagt Karl-­Dieter Heller. Bei künstlichen Hüften kommt noch Rudern hinzu oder Aerobic ohne Sprünge. Alles, was als High-Impact-Sport gilt, also Kontakt- und Mannschaftssportarten wie Fußball, Basketball, Kampfsport oder eben auch Volleyball, erhöht das Risiko, der Prothese zu schaden.

Sportkanone trotz Prothese

Wie Helmut Reckmann zeigt, heißt das aber nicht automatisch, dass es nicht machbar ist. Der 77-Jährige hat sein gesamtes Leben lang Sport getrieben. In seiner Jugend turnte er. "Mit der Zeit verletzte ich mich immer häufiger. Da war klar, bald ist hier Schluss", sagt Reckmann. Als er zu studieren begann, hörte er auf. Bereits damals stellten die Ärzte bei ihm Knieschäden fest.

Dennoch: Reckmann will nicht leben, ohne sich ständig zu bewegen. "Ohne Sport fehlt mir etwas", sagt er. Er beobachtete als Rettungsschwimmer bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) viele Jahre die Küste der Ostseeinsel Fehmarn, baute sein Haus komplett selbst, fing später doch wieder mit dem Turnen an, dann mit Volleyball. Heute macht er mindestens zweimal die Woche Krafttraining, einmal Wirbelsäulentraining und einmal Seniorenfitness. Ob er manchmal auch keine Lust hat, zum Training zu gehen? Nein. Wenn seine Kollegen an­rufen, auch spontan, schnappt er sich seine Sporttasche und macht sich auf den Weg.

So konnte ihn auch die Knie-Operation nicht verdrießen – zumal es nicht die erste an seinen Gelenken war. Auch an den Fußgelenken und am anderen Knie wurde er schon operiert. Bereits in der Reha erklomm er auf Krücken den nächstgelegenen Berg.

Wandern mit zwei künstlichen Hüften

Auch Lars Rehmann geht wieder wandern, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Er hat inzwischen zwei künstliche Hüften. Der erste Eingriff vor zwei Jahren war nicht leicht für Rehmann. "Danach war mein gesamtes Herz-Kreislauf- System am Boden", erinnert er sich. Noch am Tag des Eingriffs aufstehen, so wie es empfohlen und unterstützt wird – daran war nicht zu denken.

Aber es wurde von Woche zu Woche besser, und der Ehrgeiz, wieder beweglich zu werden, packte den heute 42-Jährigen. Nach acht Wochen war er wieder im Büro. Heute ist Rehmann sehr glücklich, dass er die Kunstgelenke hat einsetzen lassen. "Der Schmerz war einfach unerträglich geworden", sagt er. "Als ich einmal mit meiner Tochter in einem Einkaufszentrum 200 Meter zu einem Geschäft gehen wollte und vor Schmerz geheult habe, da reichte es mir."

Ohne Tennis geht es nicht

Auch Rehmann hält sich fit. Mit Krafttraining, dem Ergometer und Stabilitätsübungen. Mindestens zweimal die Woche. Für ihn ist das so gut wie nichts. Lars Rehmann kommt aus dem Leistungssport. In den 90er-Jahren zählte er zu Deutschlands Top-Nachwuchs­talenten im Tennis, sein Name fiel im Zusammenhang mit Nicolas Kiefer, Tommy Haas oder Rainer Schüttler.

Doch eine Hüftdysplasie und wohl auch durch den Leistungssport früh beginnende Arthrose stoppten Rehmann auf seinem Weg in die deutsche Tennis-Elite. Heute hilft ihm die Selbstverständlichkeit, mit der er jahrelang täglich mehrere Stunden trainierte.

Im Gegensatz zu Helmut Reckmann weiß Rehmann durchaus etwas mit dem Begriff "innerer Schweinehund" anzufangen. "Von Spaß am Bewegen konnte damals teilweise wirklich nicht die Rede sein", sagt er. Heute genießt er den Sport wieder. Ihm ist aber auch klar geworden: "Keine Schmerzen zu haben ist ein Geschenk."

Lars Rehmann spielt mittlerweile wieder regelmäßig Tennis. Ganz ohne geht es eben nicht. Am liebsten zusammen mit seinen Kindern. Die sind nämlich kaum zu bremsen. Ähnlich wie Helmut Reckmann. Für ihn ist sogar Beachvolleyball mit künstlichem Gelenk selbstverständlich. Genauso wie sein künstliches Knie.

Bandage gegen Kälte

Nur einmal spürte er im Winter beim Fahrradfahren, dass sich ­etwas Fremdes in seinem Bein befindet. Der Fahrtwind hatte das Metall wohl sehr auskühlen lassen. "Ich schnitt mir aus einem alten Neo­prenanzug, den ich noch vom Rettungsschwimmen hatte, ein Stück vom Knie heraus." Diese Bandage streift er jetzt bei Kälte über. Alles gut.

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