Tee optimal zubereiten und genießen



Die Deutschen trinken so viel davon wie nie zuvor. Mitunter wird schon die Zubereitung zu einem entspannenden Ritual

Handarbeir Pflücker bei der Ernte in einem Teegarten bei Hangzhou (China)

Kaffee oder Tee? "Diese Frage hat sich für mich nie gestellt", sagt Otto Ratka. Zwar trinkt der Bamberger ab und zu auch einmal eine Tasse Kaffee. Seine Leidenschaft aber gilt dem Tee. Zum Frühstück genießt der Teehändler einen weißen Paimutan, am Vormittag schlürft er dann grünen Tee, "weil der schön anregt", und nachmittags einen schwarzen. Sein Wissen über die geschmackliche Vielfalt der Sorten und deren Zubereitungsart ­vermittelt Otto Ratka an der Industrie- und Handelskammer Oberfranken – als Ausbilder zum Tee-Sommelier.

Kandiszucker und Sahnewolke

Tee ist gleich nach Wasser das zweit­beliebteste Getränk weltweit. Anhänger hat er nicht nur im fernen Asien, sondern auch in Europa. Die Briten zelebrieren ihre legendäre Teatime um fünf Uhr nachmittags. In Deutschland sind die Ostfriesen die größten Teetrinker – was vielleicht auch mit dem rauen ­Klima an der Nordsee zu tun hat.

27,5 Liter Tee im Jahr

Sie genießen das Heißgetränk traditionell schwarz und kräftig oder mit großem Kandiszuckerstück (Kluntje) und "Sahnewölkchen". Ostfriesen trinken mehr als zehnmal so viel Tee wie der Landesdurchschnitt – nach Angaben des Deutschen Teeverbands 27,5 Liter Schwarz- und Grüntee pro Jahr – mehr als je zuvor.

Kräuter-, Früchte- und Arzneitees sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Experten wie Otto Ratka nennen diese "teeähnliche Erzeugnisse". Als Tee im eigentlichen Sinn gilt nur ein Aufguss aus den Blättern der Teepflanze Camellia sinensis, die zum Beispiel im Hochland von Japan, China, Sri Lanka und Taiwan wächst.

Tee richtig aufgießen

Nach der Ernte werden die Blätter fermentiert und zu weißem, grünem, schwarzem oder zu Oolong-Tee – einer traditionellen chinesischen Sorte – verarbeitet. Für einen Liter gießt man etwa zehn Gramm Tee mit heißem Wasser auf. "Das entspricht je nach Volumen der Tees ungefähr zwei bis drei Esslöffeln", sagt Ratka. Für ein Glas mit 200 Millilitern nimmt man dementsprechend zwei Gramm Teeblätter.

Wer eine neue Sorte probieren will oder das Heißgetränk erst für sich ­­entdeckt hat, sollte laut Ratka etwas niedriger dosieren und kürzer ziehen lassen als angegeben.

Billig schmeckt schneller bitter

Je höher die Dosierung und je länger die Ziehzeit, umso mehr lösen sich Gerb- und Bitterstoffe aus den Blättern. Ratka: "Wenn Sie einen Tee beim ersten Mal zu stark machen und er schmeckt dann bitter, trinken Sie ihn nie mehr." Je kostbarer die Sorte, desto ge­ringer das Risiko, dass sich der Geschmack verändert.

Dafür werden nur die Triebspitzen der Pflanze verwendet, die besonders feine Aromen haben. "Je hochwertiger ein Tee ist, umso länger können Sie ihn ziehen lassen, ohne dass er bitter wird", erklärt Ratka. Chinesen und Taiwanesen lassen die Blätter oft einfach in der Tasse und gießen mehrfach auf. Bis zu fünfmal Teegenuss ist auf diese Art möglich. Da rechnet sich der ­höhere Preis.

Pyramiden statt Beutel

In Deutschland greifen die meisten Menschen indes zum Teebeutel. "Das ist einfach, praktisch und geht schnell", meint Tee-Sommelier Ratka. In der Regel enthalten die Beutel fein vermahlene Stängel und Blattreste. Wer auf die Papiersäckchen am Schnürchen nicht verzichten möchten, sollte einmal die etwas voluminöseren Pyramidenbeutel ausprobieren. "Darin kann man auch qualitativ hochwer­tigere Grobschnitte abfüllen", erklärt der Experte.

Damit die Aromen sich optimal entfalten können, empfiehlt Ratka, das Getränk mit kalkarmem Mineralwasser aus der Flasche zuzubereiten.  Für teeähnliche Erzeugnisse und Schwarztee darf das Wasser sprudelnd kochend verwendet werden. Für weißen, grünen und Oolong-Tee lässt man es vor dem Aufguss etwa fünf bis zehn Minuten abkühlen.
Für viele Menschen ist Teetrinken ein Ritual, das entspannt und den Alltag kurz anhält. Bei manchen gehört besonders schönes Porzellan dazu – bei anderen Kandiszucker, der so schön knistert in der Tasse.

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Transfusionsmedizin: Blutspenden besser vergüten?



Der Bedarf an Blutkonserven ist groß, doch die Spendenbereitschaft der Deutschen sinkt. Könnte eine Bezahlung daran etwas ändern?

Die Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sammeln 70 Prozent der Blutspenden für Krankenhäuser, Praxen und Pharmafirmen

Fünf bis sechs Liter Blut zirkulieren im Kreislauf eines erwachsenen Menschen. "Diese Menge ist etwa 5000 Euro wert", sagt Professor Marcell Heim, langjähriger Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin an der Universitätsklinik Magdeburg. Der hohe Preis zeigt, wie wertvoll Blut ist – und wie knapp.

Obwohl weit über 90 Prozent der Deutschen das Spenden für wichtig halten, lassen sich nur 3,5 Prozent tatsächlich Blut abzapfen. Die Vorräte werden schon heute manchmal knapp. Und auch langfristig sind Engpässe zu erwarten.

Weniger Blutspenden

Laut Paul-Ehrlich-Institut kamen 2011 auf 1000 Einwohner 95 Spenden, 2017 nur noch 83. Langjährige Spender scheiden altersbedingt aus, jüngere Freiwillige sind rar. "Mit Blick in die Zukunft ist der Trend auf jeden Fall besorgnis­erregend", sagt Patric Nohe vom Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes.

Denn Blut wird nach wie vor an vielen Stellen gebraucht: nicht nur bei akutem Blutverlust wie nach Unfällen oder bei Operationen, sondern auch für Krebstherapien, die Behandlung von Blutkrankheiten sowie zur Herstellung von Medikamenten und Impfstoffen.

"Ob direkt auf dem OP-Tisch oder als tägliches Medikament, Blut rettet tatsächlich Leben", so Mediziner Heim. Rund 15 000 Spenden werden in Deutschland jeden Tag benötigt.

Blutspendedienste

Der wichtigste Lieferant für Kliniken, Praxen und Pharmafirmen sind dabei die Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Sie sammeln ­­etwa 70 Prozent der Spenden, bereiten sie auf, verkaufen sie weiter.

Den Rest des Markts teilen sich universitäre, kommunale und private Einrichtungen, die für den Aderlass meist eine Aufwandsentschädigung zwischen 20 und 25 Euro bezahlen. Dass ausgerechnet beim Branchenriesen DRK zwar Blut, aber kein Geld fließt, finden viele ­Experten problematisch.

Anreize zum Blutspenden

Allen voran Georg Marckmann. Der Leiter des Instituts für Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist überzeugt: "Ein finanzieller Anreiz könnte mehr Menschen zum Blutspenden bewegen." Es sei ungerecht, nur auf die Selbstlosigkeit der Spender zu setzen.

"Der springende Punkt ist, dass Blut eine wertvolle Ressource ist, mit der andere Menschen Geld verdienen. Da muss die Frage erlaubt sein, wieso Spender es umsonst hergeben sollen."

Kaffee und Käsebrot genügen aus Marckmanns Sicht nicht, lieber würde er über Beträge zwischen 25 und 50 Euro reden – je nach zeitlichem und logistischem Aufwand des Spenders. Im zweiten Schritt wäre zu prüfen, ob sich Bezahlungen positiv auf die Spen­denbereitschaft auswirken. "Ich weiß nicht, ob es funktioniert. Einen Versuch wäre es auf jeden Fall wert."

Blut gegen Geld?

Der DRK-Blutspendedienst hält von dem Vorschlag hingegen wenig. Dass kein Geld bezahlt werde, habe schließlich nichts damit zu tun, dass man den Spendern etwas vorenthalten wolle.

"Wir erzielen mit dem Blut ja keine Gewinne, sondern decken mit dem Verkaufspreis nur unsere Kosten", betont Nohe – und zählt auf, wohin das Geld unter anderem fließt: Logistik, Aufbereitung, Sicherheitschecks, Personal, Räume, Maschinen.

Diese Darstellung wird allerdings in Zweifel gezogen – unter anderem von anderen Blutspende-Unternehmen. In der Tat weist das DRK für sein Blutspende-Segment in den Bilanzen keine Gewinne aus – wohl aber angehäuftes Vermögen.

Furcht vor Missbrauch

Das DRK führt noch ein weiteres Argument gegen die Entlohnung an: Für die Sicherheit der Blutprodukte und den Schutz der meist schwerkranken Empfänger sei es wichtig, auf eine vertrauensvolle Beziehung zum Spender zu setzen – statt auf Bezahlung, sagt Nohe.

Dahinter steckt die Sorge, dass Geld die Motive der Freiwilligen ungünstig beeinflussen könnte. "Damit steigt das Risiko, dass jemand falsche Angaben zum eigenen Gesundheits­zustand macht", befürchtet Nohe.

Ganz unbegründet ist der Verdacht nicht, wie ein Blick in die USA nahelegt. Dort haben sich zumindest Plasmaspenden in eine bedenkliche Richtung entwickelt. Plasma ist ein Blutbestandteil, der vor allem zur Herstellung von Medikamenten verwendet wird.

Doch viele US-Bürger spenden mehr, als ihnen guttut, schummeln in Sachen Gesundheit oder geben offen zu, mit dem Geld ihren Drogenkonsum zu finanzieren. In der städtischen Unterschicht ­haben sich Plasmaspenden längst als ­Geschäftsmodell etabliert.

Strenge Regulierung

Aber lässt sich das auf Deutschland übertragen? Könnte darunter die Qualität der Spenden leiden? Das Expertengremium Arbeitskreis Blut erklärt dazu: "Es ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass eine Aufwandsentschädigung für Blut- und Plasmaspender in Deutschland die Sicherheit der Blut- und Plasmaprodukte beeinträchtigt."

Auch Transfusionsmediziner Marcell Heim bewertet das Risiko als überschaubar. Er verweist auf lückenlose Tests zur Vorbeugung von Infektionen durch Blutpräparate. Die Auflagen seien extrem streng.

Plasma zum Beispiel wird grundsätzlich für eine bestimmte Zeit überhaupt nicht genutzt. Erst wenn der Spender ein zweites Mal kommt und alle seine Werte in Ordnung sind, darf es verwendet werden.

Auch Vollblutspenden durchlaufen in Deutschland strenge Kontrollen und werden genauestens auf Infektionen wie HIV, Hepatitis oder Ringelröteln hin untersucht. Davon profitieren auch die Spender: Sie bekommen einen kostenlosen Gesundheitscheck auf bestimmte Krankheiten.

Spender auf anderen Wegen gewinnen

Dennoch will das DRK seinen Kurs beibehalten. "Wir befürworten das unentgeltliche Modell und setzen darauf, das Thema zielgruppengerecht in die Öffentlichkeit zu bringen, Menschen von der dringenden Notwendigkeit einer Blutspende zu überzeugen und sie zu motivieren", sagt Nohe.

Außerdem wolle man das Spenden so einfach wie möglich machen – zum Beispiel, indem man den Papierkram und die Terminvergabe digitalisiere.

Das DRK hofft, Spender auf anderem Weg zu gewinnen. Nohe: "Statistisch gesehen ist jeder Dritte im Laufe seines Lebens einmal auf eine Spende angewiesen. Dies zu bedenken, könnte die Entscheidung erleichtern."

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Muskelverspannungen loswerden



Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen sind oft stressbedingt und sollten daher ganzheitlich behandelt werden

In Balance: Ein gutes Körpergefühl vermeidet Beschwerden

Die Erfolge sind bisweilen verblüffend: Anfangs völlig verspannte Kursteilnehmer sind schon nach wenigen Unterrichtseinheiten deutlich beweglicher. "Manche können zunächst nicht mit ausgestreckten Beinen flach auf dem Rücken liegen", erzählt der Würzburger Feldenkrais-Lehrer Klaus-Dieter Moritz. "Am Ende der Übungseinheit geht das oft ohne Probleme." Anderen sei es nicht möglich, den Arm seitlich über Schulterhöhe anzuheben – und danach können sie sich wieder die Haare kämmen. "Indem sie die Selbstwahrnehmung schulen, können Betroffene ihre Beweglichkeit und Körperhaltung grundlegend verbessern", erklärt Moritz. Davon profitieren vor allem Patienten, deren Schmerzen auf Funktionsstörungen des Bewegungsapparats zurückgehen.

Die von dem israelischen Physiker Moshe Feldenkrais begründete Methode ist eine von verschiedenen Behandlungsformen, mit denen sich bei schmerzhaften Muskelverspannungen gute Erfolge erzielen lassen. Insbesondere bei Nacken- und Rückenschmerzen haben sich die achtsam und unter Anleitung durchgeführten Bewegungen bewährt. "Viele Teilnehmer berichten, dass vor allem Verspannungen im Bereich der Lendenwirbelsäule deutlich nachlassen", sagt Moritz.

Keine Frage des Alters

Schmerzhafte Muskelverspannungen  im Schulter-, Rücken- und Nackenbereich gehören zu den häufigsten Beschwerden und betreffen keineswegs nur ältere Menschen: Laut Barmer Ersatzkasse leiden bereits in der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen 16 Prozent der Frauen und fast 12 Prozent der Männer an Rückenschmerzen. Die Ursachen sind Bewegungsmangel und einseitige Körperhaltungen, aber auch Stress und psychische Belastungen. Angsterkrankungen und Depressionen gehen ebenfalls oft mit Verspannungen und Verkrampfungen in der Nacken-, Schulter- und Rückenregion einher.

"Bei Stress und innerer Anspannung ziehen viele Menschen unbewusst die Schultern hoch oder beißen die Zähne zusammen", erklärt Professorin Heike Rittner, Leiterin der Würzburger Schmerztagesklinik am Zentrum für Interdisziplinäre Schmerzmedizin der Universitätsklinik Würzburg. "Und wenn die Muskeln dauerhaft angespannt sind, kommt es irgendwann zu Schmerzen und Verhärtungen."

Dass sich die Muskulatur bei Stress anspannt, ist eine physiologisch durchaus sinnvolle Reaktion: Unseren Vorfahren ermöglichte dieses reflexhafte Verhalten, bei Gefahr zu kämpfen oder zu flüchten. "Heute stehen viele Menschen unter Dauerstress und sind permanent angespannt", sagt Ute Merz vom Deutschen Verband für Physiotherapie. "Sie können nicht mehr abschalten, und ihre Muskelspannung ist ständig erhöht. Das merken sie aber oft erst, wenn es anfängt wehzutun."

Das Körpergefühl geht verloren

Um den Schmerz zu vermeiden, nehmen die Betroffenen Schonhaltungen ein, die wiederum zu neuen Verspannungen führen – und somit erneut zu Schmerzen. So entsteht ein Teufelskreis, aus dem die Patienten alleine nicht mehr herauskommen: Der Schmerz wird chronisch. "Schmerzpatienten haben oft kein Körpergefühl mehr und spüren gar nicht, wie angespannt ihre Muskeln sind", sagt Physiotherapeutin Merz. Das erste Therapieziel sei deshalb, ihnen die Verspannungen bewusst zu machen.

Schmerztherapeutin Rittner arbeitet zu diesem Zweck mit Biofeedback: Die Muskelspannung wird elektronisch gemessen und auf einem Computerbildschirm sichtbar gemacht. Durch Entspannungstechniken und Visualisierungen versuchen die Patienten, ihre Muskeln bewusst zu entspannen, und bekommen mit der Zeit ein besseres Körpergefühl.


Verspannung bewusst machen

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Klaus-Dieter Moritz, kommt dabei aber ganz ohne Technik aus. "Im Lauf des Lebens prägen sich ungünstige Bewegungsmuster und Fehlhaltungen ein, die der Körper immer wieder automatisch abruft", erklärt der lizenzierte Feldenkrais-Lehrer. Sie schränken die Beweglichkeit zunehmend ein. Mit der Zeit entstehen chronische Verspannungen und haltungsbedingte Verschleißerscheinungen an den Gelenken und der Wirbelsäule. "Durch achtsame Bewegungen machen sich die Patienten ihre eingefahrenen Muster bewusst und entdecken gesündere, kraftsparende Alternativen", sagt Moritz. Nicht nur die körperliche Beweglichkeit soll verbessert werden, auch die geistige Lernfähigkeit und Kreativität. "Für Moshe Feldenkrais war ein bewegliches Gehirn wichtiger als ein beweglicher Körper", weiß Moritz.

Allerdings müssen die Übungen durch einen qualifizierten Lehrer angeleitet werden und sind recht zeitintensiv. Um schnelle Erfolge zu erreichen, empfiehlt Schmerztherapeutin Rittner daher zunächst die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, die Patienten in kurzer Zeit lernen und selbstständig zu Hause üben können. Durch bewusstes An- und Entspannen einzelner Muskelgruppen schulen sie ihre Körperwahrnehmung. Auch Physiotherapeuten arbeiten gezielt mit solchen Entspannungstechniken. "Die Kunst besteht darin, die Balance zwischen Anspannung und Entspannung wiederherzustellen", sagt Ute Merz.

Wenig Medikamente verfügbar

Dies ist umso wichtiger, weil die Verspannungen kaum medikamentös behandelt werden können: Mehrere muskelentspannende Wirkstoffe wie Tetrazepam oder Flupirtin wurden inzwischen wegen massiver Nebenwirkungen vom Markt genommen. Und Entzündungshemmer wie Diclofenac sollten nur kurzfristig und unter Beachtung möglicher Gegenanzeigen eingenommen werden. "Deshalb gehen wir das Problem in der multimodalen Schmerztherapie von verschiedenen Seiten an", erläutert Rittner.

Wer jedoch angenehme Wohlfühl-Massagen erwartet, wird enttäuscht: Statt "behandelt" zu werden, müssen die Patienten selbst etwas tun. Rittner betont: "Das ist zwar eine Herausforderung, zeigt aber langfristig gute Erfolge." Auch für Physiotherapeutin Merz ist bei Muskelverspannungen Bewegung das Mittel der Wahl: "Körperliche Aktivität gleicht einseitige Haltungen aus, macht den Kopf frei und sorgt für die nötige Entspannung", sagt sie. Ob die Leute walken, radeln oder schwimmen, sei nicht so wichtig. "Hauptsache, es macht ihnen Spaß und sie bleiben dran." Bei schmerzhaften Verspannungen stellen Physiotherapeuten zudem individuelle Übungen zusammen, welche die Muskeln gezielt dehnen und schlaffe, vernachlässigte Partien stärken sollen.

Hilfe aus der Apotheke

 

  • Rezeptfreie Schmerzmittel helfen kurzfristig bei akuten Beschwerden. Ohne ärztlichen Rat nicht länger als drei Tage einnehmen.
  • Schmerzsalben wirken ­entzündungshemmend. Das ­Risiko für Nebenwirkungen ist deutlich geringer als bei Schmerztabletten.
  • Wer pflanzliche Mittel bevorzugt, kann es mit Beinwellwurzel-Extrakt oder arnikahaltigen Salben versuchen.
  • Wärmeauflagen mit Tiefenwirkung lockern die Muskeln und lindern den Schmerz. Es gibt sie in verschiedenen Größen und Formen.
  • Magnesium ist für eine normale Muskelfunktion unentbehrlich. Ein Mangel kann Verspannungen und Krämpfe hervorrufen.

Die Haltung beeinflusst auch die Psyche

Dabei achtet Ute Merz auch auf die Körperhaltung ihrer Patienten: "Eine gebeugte, einseitige Schonhaltung verstärkt nicht nur die Beschwerden, sondern wirkt sich negativ auf die psychische Verfassung aus." Durch regelmäßige Bewegung lasse sich die Haltung in der Regel bessern – und mit ihr die Stimmung. Auch Klaus-Dieter Moritz versucht, seine Kursteilnehmer innerlich und äußerlich aufzurichten. Zunächst lässt er sie bewusst Fehlhaltungen übertreiben. "Das Ziel ist eine stabile und gleichzeitig flexible Körperhaltung, die sich wiederum günstig auf die Psyche und das Selbstwertgefühl auswirkt."

Expertin Rittner betont die Bedeutung der Psyche: "Damit sich der Körper entspannen kann, muss sich zunächst die Seele entspannen." Stehen psychosoziale Probleme im Vordergrund, profitieren Patienten oft von einer begleitenden Psychotherapie oder einem Stressbewältigungstraining. "Allerdings müssen sie die Bereitschaft mitbringen, etwas in ihrem Leben zu verändern – etwa den Stress zu reduzieren und sich mehr zu bewegen." Wie sie das machen, sei eine Frage der persönlichen Vorlieben: "Für den einen ist ein gutes Fitness-Studio das Richtige, andere entspannen sich lieber beim Yoga oder schulen ihre Körperwahrnehmung in einem Feldenkrais-Kurs."

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Schuld sind die Wechseljahre – oder?



Hitzewallungen, Schlaflosigkeit, Unruhe: Die Wechseljahre werden für viele Beschwerden verantwortlich gemacht. Doch manche Symptome können auch auf eine Erkrankung hinweisen

Karten mit zwei Gesichtern: Kommen diese Symptome von den Wechseljahren oder einer Krankheit?

Wieder einmal nachts stundenlang wach gelegen und dem Klopfen des eigenen Herzens gelauscht? Schweißgebadet aufgewacht und das Programm des nächsten Tages lustlos und unkonzentriert abgespult? Für Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren ist die Sache dann meistens schnell klar: "Die Wechseljahre." Symptome, die auf körper­liche oder seelische Erkrankungen hinweisen könnten, ­werden häufig ­ignoriert.

"Ab Mitte 40 müssen Frauen verstärkt auf ihre Gesundheit achten", sagt die Kieler Gynäkologin Dr. Dorothee Struck. Es sei gefährlich, alles auf die Wechseljahre zu schieben: "Organische Erkrankungen können dann ebenso übersehen werden wie eine behandlungsbedürftige Depression." Sie überweist ihre Patientinnen im Zweifelsfall an einen Internisten oder Hormonexperten: "Frauen mit anhaltenden, stark belastenden Beschwerden sollten sich gründlich durchchecken lassen."

Hormonelle Störungen als Ursache von Hitzewallungen

Sofort an die Wechseljahre denken die meisten Frauen zum Beispiel bei Hitzewallungen und Schweißausbrüchen. Etwa jede zweite Frau ist in den mittleren Lebensjahren mehr oder weniger stark davon betroffen. Doch der Mainzer Hormonspezialist Professor Matthias Weber warnt davor, diese Beschwerden pauschal dem Klimakterium zuzuordnen. "Dahinter können auch andere hormonelle Störungen stecken, etwa eine Überproduktion von Stresshormonen im Nebennierenmark", sagt der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

Auch Tumore, die bestimmte Hormone bilden, führen in seltenen Fällen zu Beschwerden, die an Hitzewallungen erinnern. Ein schlecht eingestellter oder unerkannter Typ-2-Diabetes kann mit Müdigkeit und Leistungsabfall einhergehen. Und bestimmte Arzneien rufen mitunter ebenfalls ähnliche Symptome hervor wie die Wechseljahre – etwa Kortisonpräparate, die beispielsweise bei Rheuma verordnet werden. 

Schweißausbrüche: Oft ist die Schilddrüse schuld

Am häufigsten steckt hinter fliegender Hitze jedoch die Schilddrüse. "Eine Überfunktion kann neben erhöhter Wärmeempfindlichkeit zudem Herzrasen, Nervosität und Schlafstörungen verursachen", sagt Weber. Dementsprechend häufig verwechseln Frauen die Symptome mit Beschwerden der Wechseljahre.

Dasselbe gilt für eine Unterfunktion des ­Organs. Typische Anzeichen: Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit und Gewichtszunahme. Bei derartigen Beschwerden rät Endokrinologe Weber, die Schilddrüsen­werte überprüfen zu lassen: "Das gehört beim Hausarzt mittlerweile zur Routine." Allerdings werde bei grenz­wertigen Befunden oft über­reagiert. Im Zweifelsfall sollten die Patientinnen einen Facharzt aufsuchen. 

Gynäkologin Struck kennt allerdings auch den umgekehrten Fall: dass Frauen typische Erscheinungen wie Herzrasen und nervöse Herzbeschwerden nicht mit der Hormonumstellung in Verbindung bringen. Weil Frauen nach der Menopause weniger herzschützende Östrogene produzieren, steigt ihr Risiko für Probleme mit Herz oder Kreislauf auf das Niveau der Männer an. Auffälligkeiten müssen deshalb grundsätzlich kardiologisch abgeklärt werden. Die Angst vor einer Herzerkrankung sei aber in den meisten Fällen unbegründet, betont Struck.

Viele Beschwerden haben nichts mit den Wechseljahren zu tun

Doch welche Symp­tome sind tatsächlich spezifisch für die Zeit des Klimakteriums? Das hat Professorin Kerstin Weidner am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden untersucht. Für ihre Studie fragte die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik rund 1400 Frauen und 1200 Männer, was sie für wechseljahrestypische Symptome halten. 

Das Fazit: "Körper­liche Beschwerden und Schlafstörungen nehmen bei Frauen und Männern mit steigendem Alter zu." Doch nur Hitzewallungen und Schweißausbrüche stellten sich als spezifisch für die Wechseljahre der Frau heraus. Psychische Beschwerden wie Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Ängstlichkeit und Erschöpfung kommen dagegen in jedem Alter vor.

"Obwohl unter anderem Depressionen in dieser Lebensphase nicht häufiger auftreten, wird den Wechseljahren oft zu Unrecht ein Krankheitswert zugeschrieben", bedauert Weidner. Auch Endokrinologe Matthias Weber hält nichts davon, alle Frauen nach der Menopause pauschal zu Patientinnen zu machen: "Wir brauchen einen gesunden Mittelweg zwischen der Übertherapie harmloser Beschwerden und der Bagatellisierung ernster Symptome." 

Einfache Gegenmaßnahme: Ein gesunder Lebensstil

Zumal die Wechseljahre durchaus auch positive Seiten haben. Laut Gynäkologin Struck bietet diese Lebensphase die große Chance, Weichen neu zu stellen und Freiräume zu nutzen: "Statt Hormone zu schlucken, sollten Frauen überlegen, in was sie ihre Energie stecken wollen."

Da eine Hormontherapie auch Risiken birgt, sind Nutzen und eventuelle Nebenwirkungen gründlich abzuwägen. Zudem verschwinden die Hitzewallungen meist innerhalb weniger Jahre wieder. Oft helfen bereits einfache Maßnahmen: "Ab Mitte 40 fallen Lebensstilsünden stärker ins Gewicht", sagt Struck. Wer regelmäßig Alkohol, Nikotin und Kaffee konsumiere, müsse sich über Hitzewallungen nicht wundern.

Bei Gewichts­problemen rät die Ärztin zu gesunder Ernährung und viel Bewegung. Frauen ab Mitte 40 empfiehlt die Expertin zudem, sich alle zwei Jahre beim Hausarzt gründlich untersuchen zu lassen und einmal im Jahr die gynäko­­logische Krebsvorsorge zu nutzen. So werden mögliche Erkrankungen früh erkannt.

Pflanzliche Präparate als Alternative zur Hormonersatztherapie

Sie wollen keine Hormonpräparate einnehmen? Nach ärztlicher Rücksprache können Sie es mit pflanzlichen Alter­nativen versuchen.  

  • Hitzewallungen bessern sich durch Präparate mit Traubensilberkerze oder Sibirischem Rhabarber. Positive Effekte sind aber erst nach mehreren Wochen zu erwarten. 
  • Nervosität und Schlafstörungen sprechen oft gut auf pflanzliche Mittel mit Baldrian, Melisse, Passionsblume oder Lavendelöl an. 
  • Depressive Verstimmungen und Antriebslosigkeit lassen sich mit hoch dosierten Johanniskraut-Präparaten in den Griff kriegen. Ein Arzt sollte aber abklären, ob eine Depression dahintersteckt.

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Neue Medikamente gegen Tuberkulose



Die Tuberkulose kommt in Deutschland nur noch selten vor. Weltweit ist die Schwindsucht aber immer noch eine tödliche Bedrohung. Neue Arzneimittel sollen helfen

Das Röntgen der Lunge ist eine wichtige Untersuchung bei Tuberkuloseverdacht

Die Aufnahme auf dem Bildschirm zeigt eine Lunge. Irgendwo im oberen Bereich zeichnen sich helle Stellen ab, zarte Wolken im Schwarz-­Weiß-Grau des Röntgenbildes. Dr. Ulrich Krämer tippt mit dem Finger darauf. "Die da, die gehören da nicht hin." Helle Schatten, dunkle Flächen oder kleine weiße Punkte, die dem Berliner Radiologen verraten, dass es sich um Tuberkulose (TB) handelt. 

Die Infektionskrankheit ist ein alter Feind. Als Schwindsucht oder Weiße Pest gefürchtet, raffte die Volksseuche Millionen dahin – oft im Schlepptau von Kriegen oder Hungersnöten. Geschwächte Abwehrkräfte leisten dem Ausbruch Vorschub. Unbehandelt kann das Leiden Betroffene auszehren, bis es zu töd­lichen Lungen- oder anderen Organschädigungen kommt.

Tuberkulose in Deutschland: Selten, aber nicht verschwunden

Ende des 19. Jahrhunderts war die Schwindsucht die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Aber auch heute noch bekommen Mediziner, wie hier im Berliner Helios-Klinikum Emil von Beh­ring, Tuberkulosepatienten zu sehen. 5915 Erkrankungen registrierte das Robert-Koch-­In­sti­tut 2016 in Deutschland, in Berlin waren es 375. Das sind nicht viele. Nach den Kriterien der Welt­gesundheits­organisation WHO leben wir in einem "Niedrig-Inzidenzland".

"Tuberkulose ist bei uns eine seltene Erkrankung, die sich gut therapieren lässt", sagt Professor Torsten Bauer, Chefarzt der Lungen­klinik. Hier gibt es alles, was Ärzte für die Diagnose und Behandlung brauchen: eine Röntgenabteilung und ein modernes Labor, um den Erreger nachzuweisen. Die Medikamente für die Therapie. Doch Bauer, auch Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose, weiß, dass damit nicht alle Probleme gelöst sind: "Besiegt ist die Tuberkulose nicht, sie war nie ganz verschwunden."

Auch wenn das zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten war. Auf der Station 52, untergebracht in einem separaten ­Gebäude, hängen Schwarz-Weiß-Fotos der ­alten Lungenklinik Heckeshorn: Kinder bei der Liegekur, Schwestern mit Häubchen, große Gebäude und Holzbaracken mit Hunderten Betten. Der Bedarf war in den Fünfzigerjahren groß. Etwa 50 000 Tuberkulosekranke gab es allein in Berlin.

Die multiresistente Tuberkulose ist eine neue Herausforderung

Heute lässt sich die Herausforderung nicht mehr an Fallzahlen festmachen. Eher an Tablettenboxen im Stationszimmer. Da sind solche, auf die die Pfleger nur bis zu vier verschiedene Medikamente verteilen. Und Patienten, deren Tagesdosis aus bis zu 20 Tabletten und einer Spritze besteht.

Diejenigen, die nur vier Tabletten bekommen, haben die medikamentensensible Form der Tuberkulose: Der Erreger spricht auf einen Cocktail aus vier verschiedenen Antibiotika an. Sie bekämpfen die Bakterien in unterschiedlichen Entwicklungsstufen, damit sie sich nicht weiter vermehren können. "Das ist eine seit Langem etablierte Therapie, die in den meisten Fällen relativ gut vertragen wird", sagt Oberarzt Dr. David Krieger. 

Ist der Erreger jedoch gegen die beiden wichtigsten Medikamente resistent, sprechen Experten von einer multiresistenten Tuberkulose oder MDR-TB. In Deutsch­land gibt es nicht viele TB-Patienten, die daran erkrankt sind – rund 2,7 Prozent. Sie werden in spezialisierten Zentren wie dem Berliner Helios-Klinikum behandelt, denn die Therapie bedeutet für Patienten und Ärzte eine Herausforderung. "Man muss sich mit den Nebenwirkungen auskennen, die Medikamente immer wieder anpassen und die Patienten über lange Zeit motivieren", sagt Krieger.

Es fehlen neue Medikamente

Was in Deutschland kompliziert, aber machbar ist, lässt sich anderswo schwer realisieren – etwa in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Teilen Asiens oder Afrikas, wo mittlerweile mehr als ein Drittel der Patienten an MDR-TB leidet. "Da hilft ihnen die schöne alte Standardtherapie leider nicht mehr", sagt Dr. Sebastian Dietrich. Er leitet bei "Ärzte ohne Grenzen" in Berlin Tuberkuloseprojekte in Ländern, die besonders betroffen sind.

Dass die Behandlung bis zu zwei Jahre dauert und quälend ist, trifft Menschen dort mit großer Härte: "Die Therapie stehen viele nur sehr schwer durch", sagt Dietrich. Was fehlt, sind neue Medikamente. Doch die Pharmafirmen hatten ihre Forschung auf dem Gebiet weitestgehend eingestellt. Die wichtigsten Mittel von heute sind deshalb eigentlich von gestern: Pyrazinamid, Isoniazid, Ethambutol und Rifampicin sind seit einem halben Jahrhundert im Einsatz.

Ist der Erreger gegen sie resistent, müssen andere Arzneien genutzt werden – weil es keine Alternativen gibt auch solche, die wegen ihrer Nebenwirkungen eigentlich längst in der Mottenkiste der Medizin gelandet waren, wie Dietrich sagt. Antibiotika, die Nieren oder Leber schädigen können. Wirkstoffe, die bei manchen Patienten Psychosen, Depressionen oder Schwerhörigkeit hervor­rufen. Trotzdem sind sie für die Behandlung unverzichtbar. Noch.

Pretomanid gilt als neue Hoffnung gegen die MDR-Tuberkulose

Erst 2014 wurden die Wirkstoffe ­Delamanid und Bedaquilin für die TB-Behandlung zugelassen. "Aber zwei Medikamente reichen leider nicht", sagt Dietrich. Neue Hoffnung verspricht PA-824, auch Pretomanid genannt. Es schädigt über den Stoffwechsel das Erbgut des Bakteriums. Die Rechte an dem Präparat kaufte vor einigen Jahren die TB Alliance, eine Art virtuelles und nicht profitorientiertes Pharmaunternehmen. Die Gelder kommen unter anderem von der Bill- und-Melinda-Gates-Stiftung, der EU, den USA und Spenden. Universitäten, Pharma- und andere Forschungseinrichtungen sind Teil des Netzwerks.

Pretomanid ist das erste Medikament, das die TB Alliance bis zu Zulassungs­studien gebracht hat. "Eine kürzere, einfachere und günstigere Therapie der multiresistenten TB, das wäre in diesen Ländern ein wichtiges Ziel", sagt Dr. Bern-Thomas Nyang’wa von "Ärzte ohne Grenzen". Er koordiniert von London aus die "TB-Practecal-Study", eine der größten Patientenstudien mit dem noch nicht zugelassenen Medikament.

Auch eine bessere medizinische Versorgung ist nötig

Dass sich die Hilfsorganisation an der TB-Alliance-Studie beteiligt, war ein ungewöhnlicher Schritt. Man sei schließlich kein Pharmaunternehmen, sagt Nyang’wa. "Leider gibt es niemand anderen, der solche Studien durchführt, deshalb machen wir es jetzt." 630 Patienten aus Usbekistan, Weißrussland und Südafrika sollen daran teilnehmen. Ein Teil davon wird sechs Monate lang mit einer Kombination der beiden neuen Antibiotika Bedaquilin und Pretomanid und drei bereits erprobten Medikamenten behandelt. Eine Kontrollgruppe erhält die bisherige Therapie, wie die WHO sie empfiehlt.

Ergebnisse werden erst für 2021 erwartet; die bisherigen Erfahrungen lassen jedoch Hoffnung aufkommen, dass das neue Behandlungsschema funktionieren könnte. Es wäre ein Zwischenziel. Händeringend gesucht werden auch ein neuer Impfstoff und Tests, um Resistenzen schneller zu ­­erkennen, etwa bei Kindern.

Doch selbst solche Forschungserfolge würden ohne bessere medizinische Versorgung wenig nützen. Tuberkulose ist überall auf der Welt die Krankheit, an der sich zeigt, wie Gesellschaften mit den Schwächsten umgehen, sagt Nyang’wa. "Da haben wir noch ­einen langen Weg vor uns."

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Wo pflegende Angehörige Hilfe finden



Die meisten kranken oder alten Menschen werden von Angehörigen versorgt. Woher nehmen sie die Kraft? Beispiele und Tipps

Pflege zu Hause: Michael unterstützt seine Frau Julia. Ihre Lieblingsbeschäftigungen sind Zeichnen und Fußball (als Fan)

Wenn Julia U. (41) die Wohnung verlassen will, muss jemand sie die Treppen hinuntertragen. Aus dem dritten Stock. Und später wieder hinauf. Ganz langsam, ganz vorsichtig. Julia sitzt fast schon ihr Leben lang im Rollstuhl, sie leidet an einer seltenen Form von Rheuma. In den letzten Jahren kam noch Osteo­porose hinzu, sie hat sehr brüchige Knochen. Julia ist darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmert. Das übernimmt ihr Mann Michael (44), seitdem sie sich kennengelernt haben. Mittlerweile 14 Jahre.

2,9 Millionen Deutsche brauchen Pflege

Meist erfolgt die Pflege in den eigenen vier Wänden. Still, unbemerkt, selbstverständlich. Von knapp 2,9 Mil­lionen Menschen, die in Deutschland auf Pflege angewiesen sind, lebt nur ein Viertel in einem Heim. Die Mehrheit wird zu Hause versorgt: von der Familie, vom Partner, von Bekannten oder Nach­barn. Und die Zahlen steigen. Bis zum Jahr 2030 sollen bereits 3,5 Millionen Menschen hierzulande Pflege benötigen, sagt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Doch schon jetzt sind die Wartelisten in vielen Pflegeheimen endlos lang, die Mitarbeiter maßlos überfordert, oft ausgebrannt.

Viele pflegende Angehörige können das nachempfinden. Bei ihnen kommt erschwerend hinzu: Sie haben nie gelernt, einen kranken oder alten Menschen zu versorgen. Ihn zu wickeln, aus dem Bett zu heben, zu füttern. Meist bringen sie sich das alles selbst bei, irgendwie. So wie auch Michael.

Ohne Schmerzen hochheben

Er arbeitet in der Nähe von Stuttgart als Maschinenführer, 40 Stunden die Woche. Das bedeutet, dass er seine Frau jeden Tag achteinhalb Stunden alleine lassen muss. Damit es ihr in dieser Zeit an nichts fehlt, steht Michael um 5.30 Uhr auf, um alles vorzubereiten. Er schmiert Brote und kocht Tee, deckt den Tisch, hilft seiner Frau aus dem Bett und auf die Toilette, bereitet ihr etwas zum Mittagessen vor. Am späten Nachmittag ist er wieder bei ihr. Er hebt sie in die Dusche, drückt das Duschgel aus der Tube, schäumt ihr die Haare ein.

Pflegestützpunkte und Krankenkassen bieten Kurse an, die Laien bei der Pflege helfen sollen. Michael versucht schon länger, ein passendes Angebot zu finden. Er hat im Internet gesucht, bei Pflegestützpunkten angerufen. Keiner konnte ihm weiterhelfen. Bisher hat er sich alles selbst beigebracht, viel gelesen, mit seiner Frau gesprochen und einfach ausprobiert. Zum Beispiel, wie er seine Partnerin am besten aus dem Rollstuhl hebt, ohne ihr wehzutun.

Hilfe aus dem Netz

Die besten Tipps bekommt er von anderen Betroffenen im Internet. Michael ist in verschiedenen Facebook-Gruppen angemeldet, liest, postet, liked die Geschichten anderer. Die Gemeinschaft hilft ihm. "Sie ist für mich da und spricht einem Mut zu", sagt er. Das gebe ihm Halt und das ­Gefühl, nicht allein zu sein. Und alleingelassen fühlt er sich oft.

Zeit für Freunde hat Michael nicht. Nach der Arbeit geht er einkaufen, kocht Essen, wischt die Wohnung. "Und dann kommt ja noch ein ganz schöner Papierkrieg bei der Pflege hinzu." Anträge stellen, Begriffe aus Arztbriefen googeln, sich über die Rechte informieren. Das alles macht er nachts.

Starke Belastung für Pflegende

Wer sich dafür entscheidet, einen Angehörigen zu pflegen, stößt schnell an die eigenen Grenzen. Viele fühlen sich von der Aufgabe stark belastet, das zeigt unter anderem eine Studie der DAK von 2015. Demnach leiden 55 Prozent an psychischen Erkrankungen, in der Vergleichsgruppe sind es 39 Prozent. Auch Skelett- oder Muskelerkrankungen treten bei Pflegenden häufiger auf. Tages-, Kurzzeit- oder die Verhinderungspflege sollen die Betroffenen zumindest für eine Weile entlasten – doch nicht alle nehmen diese Möglichkeiten in Anspruch.

Kleine Verschnaufpausen

Pro Jahr hat ein Pflegebedürftiger Anspruch auf 42 Tage Verhinderungs- und 56 Tage Kurzzeitpflege. Es ist auch möglich, stundenweise Verhinderungspflege zu nutzen. Pflegekassen bezuschussen diese Maßnahmen mit jeweils bis zu 1612 Euro jährlich.

Der Hilfsbedürftige muss mindestens Pflegegrad zwei vorweisen und kann erst einen Antrag auf Verhinderungspflege stellen, wenn er bereits sechs Monate pflegebedürftig ist. Experte Stefan Wilderotter rät: "Am besten im Vorhinein mit der Pflegekasse klären, welche Leistung im Einzelfall die optimale ist."

Soll der Pflegebedürftige in gewohnter Umgebung betreut werden, kann ein Pflegedienst dies übernehmen (Verhinderungspflege). Will man den Angehörigen rund um die Uhr versorgt wissen, kann man ihn in ­einer stationären Pflegeeinrichtung unterbringen. Viele Heime bieten Kurzzeitpflege an. Kosten für die Betreuung übernimmt die Pflegekasse, Unterbringung und Essen muss der Hilfsbedürftige selbst zahlen. "Ist der Kurzzeitpflegebetrag ausgeschöpft, müssen auch die Kosten für pflege­­bedingte Aufwendungen bezahlt werden", so Wilderotter. Erkundigen Sie sich so früh wie möglich, ob zum ­gewünschten Datum ein Platz frei ist, und klären Sie die Kostenfragen.

Springt ein Nachbar oder ein entfernter Verwandter ein und kümmert sich, zahlt das die Pflegekasse im Rahmen der Verhinderungspflege bis zum jährlichen Höchstbetrag. Wird die Verhinderungspflege jedoch von nahen Familienangehörigen wie Geschwistern oder der Schwiegertochter erbracht, gelten andere ­finanzielle Regeln. Wilderotter rät auch in diesem Fall, das Vorgehen mit der Pflegekasse abzustimmen.

Fliehen ins Mittelalter

Für Michael etwa kam das bisher nicht infrage. Hat er einmal keine Zeit oder ist krank, unterstützt ihn Julias ­Familie. Wenn seine Schwiegermutter da ist, geht er ab und zu eine Runde schwimmen oder liest ein Buch – am liebsten historische Romane, die im Mittelalter spielen. Noch lieber orga­­nisiert er für sich und seine Frau kleine Fluchten aus dem Alltag. Fast jedes ­­Wochenende sind sie bei einem Fußballspiel des VfB Stuttgart. "Es tut uns beiden immer gut rauszukommen."

Hin und wieder verreisen die beiden auch. Dann packt Michael die Koffer, nimmt den Plastikstuhl mit, den seine Frau zum Duschen braucht, überprüft die Menge der eingepackten Tabletten. Auf die Frage, woher er die Kraft nimmt, wie er das alles schafft, antwortet er: "Ich liebe Julia, sonst hätte ich sie doch gar nicht geheiratet."

Als die beiden sich ineinander verliebten, saß Julia bereits im Rollstuhl. Manchmal verändert sich aber auch ­alles ganz plötzlich, etwa durch einen Unfall oder eine schlimme Diagnose.

Plötzlich Pflegefall

Elke Feit (46) wird diese eine Nacht, die das Leben ihrer Familie auf den Kopf stellte, nie mehr vergessen. Ihre Mutter war mit Verdacht auf Schlag­anfall ins Krankenhaus gekommen. Sie sei zur Beobachtung dort geblieben und dann über acht Stunden mit Gurten am Bett fixiert worden, erzählt Elke Feit.

Als sie am nächsten Morgen in die Klinik kam, war die Mutter ein anderer Mensch, für die Tochter nicht wiederzuerkennen. Die Augen ängstlich und verweint, bei jeder Kleinigkeit fuhr sie erschrocken zusammen. Elke Feits Mutter, die Jahre zuvor nach einem Schlaganfall gelernt hatte, wieder einigermaßen selbstständig zu leben, war nun ein permanenter Pflegefall. Sie litt unter Panikattacken, konnte keine Sekunde mehr alleine sein.

Bedingungslose Liebe schenken

"Nach der Entlassung waren wir erst einmal hilflos und im Schock", erinnert sich Elke Feit. Aber die Familie aus der Nähe von Frankfurt reagierte schnell, sie baute das Bad und das Schlafzimmer um, organisierte, wer sich zu welcher Tageszeit kümmert. Seitdem kommen Elke Feit und ihre Geschwister jeden Tag in ihr Elternhaus. Der Bruder mittags, Elke Feit nach der Arbeit.

Dann spricht sie viel mit ihrer Mutter und hilft ihr beim Waschen. Anfangs war das für Mutter und Tochter nicht leicht. "Es kostete uns beide Über­­windung", erzählt Elke Feit. Doch mit der Zeit hat die Tochter die neuen He­­rausforderungen angenommen, sogar schätzen gelernt: "Erst durch die Pflege meiner Mutter habe ich erkannt, was es bedeutet, jemandem bedingungslose Liebe zu schenken."

Das und der Zusammenhalt innerhalb der Familie geben ihr die Kraft, auch die schlechten Tage durchzu­stehen. An einem guten Tag lacht die Mutter viel, an einem schlechten weint sie viel. Dann sei es sehr schwer, überhaupt an sie heranzukommen.

Ehrenamt gibt Kraft

Elke Feit will etwas verändern in der Pflege, sie ist aktiv im Pflege-Selbsthilfe­­verband Deutschland, will es möglich machen, dass Menschen in Würde altern können, dass Gesetze ergänzt und eingehalten werden. Sie will, dass auch Menschen, die noch nicht mit dem Thema in Berührung gekommen sind, auf die Probleme in der Pflege aufmerksam werden. Oft arbeitet sie nachts für den Verein, schreibt Politikern, prangert Unzulänglichkeiten an.

Jede Geschichte, die sie von einem ­Betroffenen erfährt, treibt sie an, weiterzumachen. "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man nicht allein ist. Das gibt mir Kraft", sagt Elke Feit. Sie will nicht, dass das, was ihrer Mutter passiert ist, anderen passiert: festgeschnallt sein am Bett, die ganze Nacht. Elke Feit kämpft für liebevolle Pflege – egal ob zu Hause, in der Klinik oder im Heim.

Keine Zeit mehr für Hobbys

Seitdem ihre Mutter auf die Hilfe der Familie angewiesen ist, hat Elke Feit ihr Leben umgekrempelt. Früher hat sie gerne gemalt oder sich der Bildhauerei gewidmet. Dafür bleibt heute keine Zeit. Elke Feit ist glücklich, wenn sie samstags mal zwei Stunden auf der Couch verbringen und ein bisschen Schlaf nachholen kann.

Während der Woche arbeitet sie im Vertrieb einer Firma für Anlagenbau. Einige Kollegen wissen, dass sie ihre Mutter pflegt. Der Arbeitgeber zeigt sich kooperativ, das ist keine Selbstverständlichkeit. Elke Feit kann morgens früh anfangen und nachmittags meist zeitig das Büro verlassen.

Abrutschen in die Altersarmut

"Zum Glück bin ich da sehr flexibel, sonst würde ich das alles gar nicht unter einen Hut bekommen." Elke Feit macht ihr Job Spaß, sie will weiter arbeiten. Falls es ihrer Mutter schlechter ginge, müsse man überlegen, welche Hilfe man in Anspruch nimmt.  

Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt und deswegen die Arbeitszeit reduziert oder ganz aus dem Beruf aussteigt, erwirbt seit der Pflegereform im Januar 2017 Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Betroffene bekommen zudem meist höhere Ansprüche an die gesetzliche Rentenkasse gutgeschrieben. Voraussetzung: Die zu pflegende Person hat Pflegegrad zwei oder höher und wird mehr als zehn Stunden pro Woche versorgt, an mindestens zwei ­Tagen. Doch reicht das wirklich aus, um später nicht in die Altersarmut abzurutschen?

Wissenschaftler sehen das skeptisch. Die Rentenansprüche seien zwar verbessert worden, aber immer noch würden zu wenige Menschen Angebote wie eine Freistellung in der Arbeit oder das Pflegeunterstützungsgeld nutzen. So das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Die Autoren der Untersuchung vermuten, dass viele Betroffene die Angebote nicht nutzen, weil sie nichts davon wissen. Sie fordern mehr Aufklärung über die Möglichkeiten, Beruf und Pflege zu vereinbaren.

Finanzielle Entlastung

Zuschüsse zum Umbau: Breitere Türen, damit der Rollstuhl durchpasst, Dusche statt Badewanne. Um Pflege zu Hause möglich zu machen, muss oft einiges umgebaut werden. "Wohnumfeldverbesserungen bezuschussen Pflegekassen mit bis zu 4000 Euro", sagt Stefan Wilderotter, Referatsleiter Pflege vom Verband der Ersatzkassen.
Wichtig: Die Pflegebedürftigkeit muss vorher vom Medizinischen Dienst festgestellt sein, die Pflegekasse muss einen Pflegegrad bescheinigen.

Fehltage im Job: Angehörige dürfen zehn Arbeitstage der Arbeit fernbleiben, wenn sie Zeit brauchen, um akut die Pflege eines Angehörigen zu organisieren. Für
diese Zeit ist eine Lohnersatzleistung, das Pflegeunterstützungsgeld, vor­­gesehen. "Das können Betroffene bei der Pflegeversicherung ihres Angehörigen beantragen", sagt Wilderotter. Die zehn Tage können auf mehrere pflegende Angehörige verteilt werden.

Längere berufliche Auszeit: "Arbeitnehmer haben die Möglichkeit, in Absprache mit ihrem Arbeitgeber bis zu sechs Monate teilweise oder ganz auszusteigen, und erhalten eine unbezahlte, aber sozialversicherte Freistellung", sagt Wilderotter. Voraussetzung: In der Firma müssen mindestens 15 Menschen beschäftigt sein, und der Angehörige muss ­Pflegegrad zwei oder höher haben.

Zinsloses Darlehen: In dieser sogenannten Pflegezeit ­verdienen Angehörige nichts. Sie ­können aber bis zu sechs Monate aus dem Job aussteigen und ein ­­zinsIoses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beantragen. Die monat­lichen Raten müssen erst mit Ende der Pflegezeit zurückgezahlt werden.

Es muss sich etwas ändern

Auch Elke Feit hofft, dass pflegende Angehörige in Zukunft mehr Unterstützung bekommen – nicht nur finanziell. Unter anderem wünscht sie sich etwa, dass sich Pflegekräfte und Angehörige mehr austauschen. Es solle ­möglich werden, dass jeder Mensch, der auf Hilfe angewiesen ist, sie auf wertschätzende Art bekommt.

Elke Feit weiß, was sie will. Sie wirkt kämpferisch – fast, als hätte sie vor nichts Angst. Doch ganz so ist es nicht: "Wenn sich die Pflege­situation nicht ändert, habe ich Angst davor, selbst alt zu werden."

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