Transfusionsmedizin: Blutspenden besser vergüten?



Der Bedarf an Blutkonserven ist groß, doch die Spendenbereitschaft der Deutschen sinkt. Könnte eine Bezahlung daran etwas ändern?

Die Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sammeln 70 Prozent der Blutspenden für Krankenhäuser, Praxen und Pharmafirmen

Fünf bis sechs Liter Blut zirkulieren im Kreislauf eines erwachsenen Menschen. "Diese Menge ist etwa 5000 Euro wert", sagt Professor Marcell Heim, langjähriger Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin an der Universitätsklinik Magdeburg. Der hohe Preis zeigt, wie wertvoll Blut ist – und wie knapp.

Obwohl weit über 90 Prozent der Deutschen das Spenden für wichtig halten, lassen sich nur 3,5 Prozent tatsächlich Blut abzapfen. Die Vorräte werden schon heute manchmal knapp. Und auch langfristig sind Engpässe zu erwarten.

Weniger Blutspenden

Laut Paul-Ehrlich-Institut kamen 2011 auf 1000 Einwohner 95 Spenden, 2017 nur noch 83. Langjährige Spender scheiden altersbedingt aus, jüngere Freiwillige sind rar. "Mit Blick in die Zukunft ist der Trend auf jeden Fall besorgnis­erregend", sagt Patric Nohe vom Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes.

Denn Blut wird nach wie vor an vielen Stellen gebraucht: nicht nur bei akutem Blutverlust wie nach Unfällen oder bei Operationen, sondern auch für Krebstherapien, die Behandlung von Blutkrankheiten sowie zur Herstellung von Medikamenten und Impfstoffen.

"Ob direkt auf dem OP-Tisch oder als tägliches Medikament, Blut rettet tatsächlich Leben", so Mediziner Heim. Rund 15 000 Spenden werden in Deutschland jeden Tag benötigt.

Blutspendedienste

Der wichtigste Lieferant für Kliniken, Praxen und Pharmafirmen sind dabei die Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Sie sammeln ­­etwa 70 Prozent der Spenden, bereiten sie auf, verkaufen sie weiter.

Den Rest des Markts teilen sich universitäre, kommunale und private Einrichtungen, die für den Aderlass meist eine Aufwandsentschädigung zwischen 20 und 25 Euro bezahlen. Dass ausgerechnet beim Branchenriesen DRK zwar Blut, aber kein Geld fließt, finden viele ­Experten problematisch.

Anreize zum Blutspenden

Allen voran Georg Marckmann. Der Leiter des Instituts für Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist überzeugt: "Ein finanzieller Anreiz könnte mehr Menschen zum Blutspenden bewegen." Es sei ungerecht, nur auf die Selbstlosigkeit der Spender zu setzen.

"Der springende Punkt ist, dass Blut eine wertvolle Ressource ist, mit der andere Menschen Geld verdienen. Da muss die Frage erlaubt sein, wieso Spender es umsonst hergeben sollen."

Kaffee und Käsebrot genügen aus Marckmanns Sicht nicht, lieber würde er über Beträge zwischen 25 und 50 Euro reden – je nach zeitlichem und logistischem Aufwand des Spenders. Im zweiten Schritt wäre zu prüfen, ob sich Bezahlungen positiv auf die Spen­denbereitschaft auswirken. "Ich weiß nicht, ob es funktioniert. Einen Versuch wäre es auf jeden Fall wert."

Blut gegen Geld?

Der DRK-Blutspendedienst hält von dem Vorschlag hingegen wenig. Dass kein Geld bezahlt werde, habe schließlich nichts damit zu tun, dass man den Spendern etwas vorenthalten wolle.

"Wir erzielen mit dem Blut ja keine Gewinne, sondern decken mit dem Verkaufspreis nur unsere Kosten", betont Nohe – und zählt auf, wohin das Geld unter anderem fließt: Logistik, Aufbereitung, Sicherheitschecks, Personal, Räume, Maschinen.

Diese Darstellung wird allerdings in Zweifel gezogen – unter anderem von anderen Blutspende-Unternehmen. In der Tat weist das DRK für sein Blutspende-Segment in den Bilanzen keine Gewinne aus – wohl aber angehäuftes Vermögen.

Furcht vor Missbrauch

Das DRK führt noch ein weiteres Argument gegen die Entlohnung an: Für die Sicherheit der Blutprodukte und den Schutz der meist schwerkranken Empfänger sei es wichtig, auf eine vertrauensvolle Beziehung zum Spender zu setzen – statt auf Bezahlung, sagt Nohe.

Dahinter steckt die Sorge, dass Geld die Motive der Freiwilligen ungünstig beeinflussen könnte. "Damit steigt das Risiko, dass jemand falsche Angaben zum eigenen Gesundheits­zustand macht", befürchtet Nohe.

Ganz unbegründet ist der Verdacht nicht, wie ein Blick in die USA nahelegt. Dort haben sich zumindest Plasmaspenden in eine bedenkliche Richtung entwickelt. Plasma ist ein Blutbestandteil, der vor allem zur Herstellung von Medikamenten verwendet wird.

Doch viele US-Bürger spenden mehr, als ihnen guttut, schummeln in Sachen Gesundheit oder geben offen zu, mit dem Geld ihren Drogenkonsum zu finanzieren. In der städtischen Unterschicht ­haben sich Plasmaspenden längst als ­Geschäftsmodell etabliert.

Strenge Regulierung

Aber lässt sich das auf Deutschland übertragen? Könnte darunter die Qualität der Spenden leiden? Das Expertengremium Arbeitskreis Blut erklärt dazu: "Es ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass eine Aufwandsentschädigung für Blut- und Plasmaspender in Deutschland die Sicherheit der Blut- und Plasmaprodukte beeinträchtigt."

Auch Transfusionsmediziner Marcell Heim bewertet das Risiko als überschaubar. Er verweist auf lückenlose Tests zur Vorbeugung von Infektionen durch Blutpräparate. Die Auflagen seien extrem streng.

Plasma zum Beispiel wird grundsätzlich für eine bestimmte Zeit überhaupt nicht genutzt. Erst wenn der Spender ein zweites Mal kommt und alle seine Werte in Ordnung sind, darf es verwendet werden.

Auch Vollblutspenden durchlaufen in Deutschland strenge Kontrollen und werden genauestens auf Infektionen wie HIV, Hepatitis oder Ringelröteln hin untersucht. Davon profitieren auch die Spender: Sie bekommen einen kostenlosen Gesundheitscheck auf bestimmte Krankheiten.

Spender auf anderen Wegen gewinnen

Dennoch will das DRK seinen Kurs beibehalten. "Wir befürworten das unentgeltliche Modell und setzen darauf, das Thema zielgruppengerecht in die Öffentlichkeit zu bringen, Menschen von der dringenden Notwendigkeit einer Blutspende zu überzeugen und sie zu motivieren", sagt Nohe.

Außerdem wolle man das Spenden so einfach wie möglich machen – zum Beispiel, indem man den Papierkram und die Terminvergabe digitalisiere.

Das DRK hofft, Spender auf anderem Weg zu gewinnen. Nohe: "Statistisch gesehen ist jeder Dritte im Laufe seines Lebens einmal auf eine Spende angewiesen. Dies zu bedenken, könnte die Entscheidung erleichtern."

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