Sex in Deutschland: Wissenschaftler blicken ins Schlafzimmer

Sex in Deutschland: Wissenschaftler blicken ins Schlafzimmer

2020-09-23

Schlafen junge Menschen wirklich häufiger miteinander als ältere? Haben langjährige Paare nur noch selten Sex? Wie beeinflusst die Gesundheit das Sexualleben, wie zufrieden macht es die Menschen – und wie häufig treten Probleme auf?

Daten zur Sexualität, so heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ (Gesid), seien „bislang lediglich als Teil einer Mehrthemenbefragung“ und bei „spezifischen Bevölkerungsgruppen“ erhoben worden. Will heißen: Nix Genaues weiß man nicht, die Menschen lassen sich hierzulande nicht gern in die Schlafzimmer schauen.

Einen kleinen Einblick liefert nun die Gesid-Studie, die Sexualforscher um Peer Briken vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt und am Mittwoch in Hamburg vorgestellt haben. Wie zufrieden Menschen in Deutschland mit ihrer Sexualität sind, hängt der Untersuchung zufolge vor allem von zwei Faktoren ab: von dem Beziehungsstatus und der Gesundheit. Sexuell aktive Singles sind demnach mit ihrer Sexualität deutlich unzufriedener als Befragte in einer festen Partnerschaft. Das Alter jedoch hatte keinen Einfluss auf die Zufriedenheit der Studienteilnehmer.

Befriedigende Sexualität – mehr Lebensqualität

Für die Analyse waren 4955 repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland ausgewählte Männer und Frauen im Alter von 18 bis 75 Jahren in einem zweistufigen Verfahren befragt worden.

Ziel der Studie ist, Zusammenhänge zwischen Sexualität und Gesundheit zu erfassen – und Ärzte für das Thema zu sensibilisieren. Denn im ärztlichen Praxisalltag sprechen sie das Thema offenbar nur selten an, schreibt Sabine Kliesch in einem Editorial im „Deutschen Ärzteblatt“, in dem die Forscher um Briken ihre Teilergebnisse am Freitag veröffentlichen. Eine als befriedigend erlebte Sexualität aber nehme einen wesentlichen positiven Einfluss auf die Lebensqualität.

Die Studie wurde durchgeführt vom Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Die Befragten machten Angaben dazu, ob sie in den vergangenen vier Wochen sexuellen Verkehr hatten und wie zufrieden sie in den vergangenen zwölf Monaten mit ihrem Sexualleben waren. Die Befragungen fanden noch vor Beginn der Coronakrise zwischen Oktober 2018 und September 2019 statt. Die Ergebnisse im Überblick:

Sex in den vergangenen vier Wochen

– Männer zwischen 36 und 45 Jahren und Frauen zwischen 26 und 35 Jahren waren im Vergleich zu anderen Altersgruppen am aktivsten (80 Prozent aktive Männer und 81 Prozent aktive Frauen).

– Mit zunehmendem Alter nahm die sexuelle Aktivität deutlich ab: Nur noch 26 Prozent der Frauen zwischen 66 und 75 Jahren waren sexuell aktiv und 51 Prozent der Männer.

– 34 bzw. 15 Prozent der männlichen und weiblichen Singles waren sexuell aktiv im Vergleich zu 92 und 91 Prozent derjenigen, die in einer weniger als zwei Jahre dauernden Beziehung lebten.

– Von den Männern und Frauen, die in einer mehr als fünf Jahre anhaltenden Beziehung lebten, hatten 81 bzw. 74 Prozent in den letzten vier Wochen Sex gehabt.

Sex und Gesundheit

– Je besser die Befragten ihren Gesundheitszustand bewerteten, umso höher war die Wahrscheinlichkeit für sexuelle Aktivität in den vergangenen vier Wochen.

– Die Hälfte der befragten Männer und Frauen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen erleben diese als beeinträchtigend für die eigene Sexualität.

– Befragte, die unter mehr als einer spezifischen Erkrankung litten, waren deutlich seltener sexuell aktiv als Gesunde (Männer: 55 Prozent/76 Prozent, Frauen 55 Prozent/67 Prozent). Zu spezifischen Krankheiten zählten etwa Krebs, Depressionen, Bauchoperationen oder anderes.

– Frauen mit einem Body-Mass-Index von mehr als 30 waren sexuell weniger aktiv als normalgewichtige Frauen.

Sexuelle Zufriedenheit

In den Untersuchungsabschnitt zur sexuellen Zufriedenheit wurden nur jene Teilnehmer einbezogen, die in den vergangenen zwölf Monaten Sex gehabt hatten – weil die meisten Menschen, die keinen Sex haben, mit dieser Tatsache unzufrieden sind.

Die Ergebnisse:

– Weder bei Frauen noch bei Männern gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Alter und der Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität.

– Sexuell aktive Singles sind wesentlich häufiger unzufriedener mit ihrem Sexleben als Menschen in Partnerschaften.

– Mit zunehmender Beziehungsdauer sinkt die sexuelle Zufriedenheit.

– Je schlechter die Befragten ihren Gesundheitszustand bewerten, umso unzufriedener waren sie mit ihrem Sexleben.

– Befragte mit riskantem Alkoholkonsum waren unzufriedener mit ihrem Sexualleben.




Wie häufig sind sexuelle Probleme?  

In einem weiteren Ergebnisteil schätzen die Forscher anhand der von ihnen gewonnenen Daten ab, wie häufig sexuelle Probleme bei Männern und Frauen in Deutschland vorkommen. Dazu gaben die Befragten in einem Fragenkatalog, der in Zusammenarbeit mit der WHO entstanden war, Auskunft über sexuelle Funktionsstörungen.

33 Prozent der befragten Männer hatten demnach in den zwölf Monaten vor der Befragung eines oder mehrere sexuelle Probleme, bei den Frauen waren es 46 Prozent. Stark beeinträchtigt im Sinne einer sogenannten sexuellen Dysfunktion sahen sich 13 Prozent der sexuell aktiven Männer durch Erektionsprobleme oder eine verfrühte Ejakulation. Erektionsprobleme betrafen die Männer mit zunehmendem Alter häufiger, auch das Problem, einen Orgasmus zu bekommen, nahm mit dem Alter zu.

Auftreten sexueller Probleme bei Männern nach Altersgruppen in den vergangenen zwölf Monaten (Angaben in Prozent)

Alter

Erektionsprobleme

verfrühte Ejakulation

Orgasmusprobleme

18-25

7

16

9

26-35

7

17

8

36-45

10

10

9

46-55

9

11

9

56-65

21

9

10

66-75

34

7

16

Von den Frauen beschrieben sich insgesamt 18 Prozent als stark beeinträchtigt beim Sex. Sie berichteten vor allem von vermindertem Verlangen nach Sex, Schmerzen dabei und Orgasmusstörungen. Am höchsten lag die Quote der Frauen, die ein reduziertes Verlangen nach Sex hatten, mit 33 Prozent bei den 26-35-Jährigen. Verspannungen oder Schmerzen beim Sex betrafen vor allem junge Frauen zwischen 18 und 25 (16 Prozent).

Auftreten sexueller Probleme bei Frauen nach Altersgruppen in den vergangenen zwölf Monaten (Angaben in Prozent)

Alter

reduziertes Verlangen

Orgasmusprobleme

Schmerzen beim Sex

18-25

19

27

16

26-35

33

26

12

36-45

28

21

8

46-55

31

28

12

56-65

29

21

11

66-75

18

12

7

Wie häufig sexuelle Dysfunktionen in Deutschland vorkommen, ist umstritten. In den Neunzigerjahren wurden die Zahlen vermutlich deutlich zu hoch geschätzt auf 43 Prozent betroffene Frauen und 31 Prozent betroffene Männer. Pharmafirmen brachten verschiedene Lustpillen für die Frau auf den Markt, für den Mann gab es vor allem Viagra. Aktuellere, strengere Kriterien hingegen unterschätzen das Problem womöglich, argumentieren die Forscher im Ärzteblatt.






Mit ihrem Fragenkatalog wollen die Forscher Ärzten für ihre Praxis ein Instrument an die Hand geben, mit dem diese schnell Informationen über eventuelle sexuelle Probleme ihrer Patienten bekommen können. Denn oft beeinträchtigt eine gestörte Sexualität nicht nur das Wohlbefinden, sie ist mitunter auch Vorbote für andere Erkrankungen, etwa des Herz-Kreislauf-Systems.

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