"Bis dahin war ich voller Angst": Wunsch nach Wasser wird zur stundenlangen Tortur

"Bis dahin war ich voller Angst": Wunsch nach Wasser wird zur stundenlangen Tortur

2021-01-13

Ein Darm-Keim hatte mich erwischt: Campylobacter-Bakterien, inzwischen sorgen sie häufiger für schwere Infekte als Salmonellen. Und wüten genauso fies. Nach zehn Tagen mit schweren Krämpfen landete ich erschöpft und dehydriert in der Notaufnahme. Bis ich gegen Mitternacht auf Station kam, vergingen 11 Stunden. Immerhin hatte es bis dahin Getränke gegeben. Nachts auf der Inneren nicht mehr. Und ich verlor weiter viel Flüssigkeit.

Die Nachtschwester sagte, für Verpflegung sei das Service-Personal zuständig, es fange aber erst am Morgen wieder an. Und Ärzte, die mir den Zugang für die in der Notaufnahme angeordnete Infusion legen könnten, seien auch erst am nächsten Tag wieder da. "Wir sind hoffnungslos unterbesetzt."

stern-Aktion – für eine Pflege in Würde!

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 So klingelte ich nach einer schwierigen Nacht gegen acht Uhr wieder nach dem Pflegepersonal. Erst nach dem dritten Mal – und einer halben Stunde – steckte eine Krankenschwester mit hochrotem Kopf den Kopf durch die Tür: "Was ist denn?"

 "Ich habe seit gestern Abend kein Wasser mehr."

 "Da kann ich jetzt auch nicht helfen, Sie merken ja was hier los ist! Die Leute vom Service kommen, Sie hören Sie doch schon!"

Ja, ich hörte sie mit dem Frühstück klappern. Zwei Stunden lang hörte ich sie, aber niemand kam. Ich hatte das hinterste Zimmer auf dem Gang. Und klingelte wieder. 

"Haben Sie es noch immer nicht verstanden? Wir sind für Ihr Wasser nicht zuständig!"

 "Aber ich kann nicht mehr. Mir ist so schwindelig, ich kann nicht mehr aufstehen."

"Heute ist die Hölle los! Ich kann auch nichts dafür!"

 "Ich aber doch auch nicht!"

Ich kämpfte nach den vielen Tagen mit dem Infekt nun wirklich mit den Tränen. Und dachte: Was machen die Menschen, die keine Kraft mehr haben, auf sich aufmerksam zu machen? Sich notfalls zu streiten? Oder Angehörige um Unterstützung zu bitten? Erst um 11 hatte ich zwei Flaschen Wasser und um 13 Uhr dann den Zugang für die Kochsalzlösung im Arm. Bis dahin war ich voller Angst, Schmerz, Schwäche, Hilflosigkeit – und vor allem: damit allein.

Acht Tage blieb ich auf der Station. Und musste weiter gut selbst auf mich aufpassen. Denn nachdem ich gegen ein Antibiotikum so heftig allergisch reagiert hatte, dass es mir sofort hektisch aus dem Zugang gerissen wurde, musste ich zwei Tage später verhindern, dass mir genau dieses Mittel wieder verabreicht wurde. Und: Jeden Tag an die Thrombose-Spritze erinnern, nachdem sie wieder bis abends nicht bedacht worden war. Seither denke ich voller Sorge an alle Patienten, Pflegekräfte, Serviceleute, Ärzte, die diesem kaputtgesparten Apparat ausgeliefert sind.

*Name geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition ab dem 14.1.2020, 9 Uhr, online mitzeichnen.

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