Ernährung: Ist die Einnahme von Ergänzungsmitteln sinnvoll? – Heilpraxis

Ernährung: Ist die Einnahme von Ergänzungsmitteln sinnvoll? – Heilpraxis

2020-11-01

Einnahme von Vitaminpräparaten oft sinnlos?

In Deutschland nehmen rund 30 Prozent aller Erwachsenen Nahrungsergänzungsmittel ein. In Amerika greift bereits jede zweite Person zu Vitaminpillen. Aber können die Präparate wirklich eine schlechte Ernährung ausgleichen? Ernährungsfachleute geben einen Überblick.

Dr. Anna Taylor ist Ernährungsforscherin an der renommierten Cleveland Clinic in den USA. In einem aktuellen Beitrag der Klinik klärt die Ernährungsexpertin zusammen mit dem Internisten Dr. Raul Seballos über Nahrungsergänzungsmittel wie Multivitamintabletten auf.

Falsche Sicherheit

„So viele meiner Patienten sagen mir, dass sie wissen, dass ihre Ernährung nicht toll ist, ich mir aber keine Sorgen machen muss, weil sie ‘zumindest’ ein Multivitaminpräparat einnehmen“, berichtet Taylor. Nahrungsergänzungsmittel seien aber kein sicherer Weg, um dem Körper die Nährstoffe zuzuführen, die er braucht.

Große Studien lassen an der Wirksamkeit zweifeln

Ernährungsexpertinnen und -experten streiten über die Wirksamkeit von Vitaminpräparaten. Für die einen ist es eine sinnvolle Ergänzung, für die anderen eine teure Krücke und für die Hersteller solcher Produkte ein Riesengeschäft. Zwei der größten Studien zu dem Thema lassen jedoch an der Wirksamkeit zweifeln.

In der sogenannten Physicians’ Health Study II wurde der Multivitaminkonsum bei 14.500 männlichen Ärzten im Alter ab 50 Jahren über einen Zeitraum von 11 Jahren verfolgt. Und bei der Iowa Women’s Health Studie wurde der Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln bei 38.772 Frauen im Durchschnittsalter von 61 Jahren über einen Zeitraum von 18 Jahren dokumentiert. Dr. Seballos fasst die Ergebnisse der Studien zusammen:

  • Multivitamine verhinderten weder Herzinfarkte noch Schlaganfälle.
  • Es gibt keine ausreichenden Belege für einen Nutzen einer Vitamin- und Mineralstoffsupplementierung für die Prävention von Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Krebserkrankungen traten genauso häufig unter Männern auf, die Multivitamine einnahmen.
  • Männer über 65 Jahren, die Multivitamine einnahmen, hatten keine kognitiven Vorteile gegenüber Männern, die keine Präparate einnahmen.
  • Bei Frauen führte die Einnahme von Präparaten nicht zu einer höheren Lebenserwartung.

Multivitamine sind kein Ausgleich für ungesunde Lebensstile

„Die Einnahme von Multivitaminen ist kein Ersatz für gesunde Lebensgewohnheiten, wie Sport und eine ausgewogene Ernährung“, betont Dr. Seballos. Wenn es um die essentiellen Nährstoffe gehe, sei es am besten, das zu nehmen, was die Natur zur Verfügung stellt. Die meisten Vitamine, Mineralien und Phytochemikalien, die man aus einer Vollwertnahrung erhält, seien denen aus Pillen überlegen, ergänzt Taylor. Die Ernährungswissenschaftlerin nennt zwei Beispiele:

  • Brokkoli und anderes Kreuzblütengemüse enthalten äußerst gesunde Bestandteile. Sie helfen, bestimmte Krebsarten vorzubeugen und Entzündungen zu verringern. Eine Studie aus dem Jahr 2011, die im „Journal of Agricultural and Food Chemistry“ publiziert wurde, zeigte, dass die Bestandteile schlechter vom Körper verarbeitet werden können, wenn sie in Form von Präparaten aufgenommen werden.
  • Kalzium: Taylor verweist auf eine Studie, die gezeigt hat, das Präparate mit Kalzium das Risiko für einen Herzinfarkt sogar erhöhen können. Sie empfiehlt, den Mineralstoff möglichst über die Ernährung abzudecken.

Wann ist eine Einnahme sinnvoll?

Taylor und Seballos weisen auch darauf hin, dass nicht alle Präparate mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind. Ergänzungsmittel seien besonders dann sinnvoll, wenn ein entsprechender Mangel festgestellt wurde und die Einnahme in Rücksprache mit einer Ärztin beziehungsweise mit einem Arzt erfolgt. Einige Vitamine und Nährstoffe können sogar besser in Pillenform aufgenommen werden. Dazu gehören:

  • Folsäure: Für schwangere Frauen und Frauen im gebärfähigen Alter wird synthetisches Folat empfohlen, um Geburtsfehler zu vermeiden.
  • Vitamin D in Präparaten kann vorteilhaft sein, weil es die Art von Vitamin D enthält, die der Körper gewöhnlich mithilfe des Sonnenlichts produziert.

Wer sollte Vitaminpräparate einnehmen?

Jede Person, die unterernährt ist oder einen Nährstoffmangel hat, sollte eine Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ärztlich abklären lassen, rät Dr. Seballos. Alle anderen Personen sollten sich zunächst fragen, was sie tun können, um ihre Gesundheit zu verbessern, außer Tabletten zu schlucken. „Eine kluge Wahl des Lebensstils ist eine bessere Garantie für Ihre zukünftige Gesundheit“, unterstreicht der Internist.

So holen Sie das Beste aus der Ernährung heraus

Dr. Taylor hat einige Tipps parat, wie abgesichert werden kann, dass man ausreichend Nährstoffe aus der Ernährung erhält, sodass keine zusätzlichen Präparate benötigt werden:

  • Gemüse dämpfen: Das leichte Dämpfen von Brokkoli und Spinat ist der beste Weg, um die Nährstoffe in der Pflanze zu erhalten.
  • Manche Nahrungsmittelkombinationen verbessern die Nährstoffaufnahme. Eisen wird zum Beispiel am besten zusammen mit Vitamin C aufgenommen. „Essen Sie also Vitamin-C-reiche Früchte oder Gemüse, wie Mandarinen, Erdbeeren oder Paprika, wenn Sie eisenreiche Nahrung wie Rindfleisch essen“, empfiehlt Taylor. Lesen Sie auch: Ernährung: So erhält der Körper genug Eisen.
  • Stellen Sie immer sichtbar eine Glasschale mit Obst und Gemüse auf, um zwischendurch davon zu essen. Eine Studie zeigte, dass so der Konsum erhöht werden kann.
  • Konzentrieren Sie sich beim Kochen auf Vollwertkost: In verarbeiteten Lebensmitteln stecken weniger Nährstoffe. Nutzen sie frische oder gefrorene unverarbeitete Lebensmittel wie Gemüse, Vollkorn, Bohnen und Nüsse.

Diese Maßnahmen wirken besser als Präparate

Zuletzt empfehlen die Ernährungsfachleute noch fünf Dinge, die jeder tun kann, um seine Gesundheit nachweislich zu verbessern. Gleichzeitig stellen diese Interventionen eine effektive Prävention vor Krebs und Herzkrankheiten dar:

(vb)

Autoren- und Quelleninformationen

Quelle: Den ganzen Artikel lesen