Schützt ein Tuberkulose-Lebendimpfstoff vor COVID-19?

Schützt ein Tuberkulose-Lebendimpfstoff vor COVID-19?

2020-04-03

In den 1980er-Jahren wurden Forscher auf ein Phänomen aufmerksam, das sich nach Masernimpfungen bei Kindern in Westafrika zeigte: Die Kinder hatten auch in Jahren ohne Masernepidemien ein geringeres Sterberisiko, waren also auch gegenüber anderen äußeren Einflüssen scheinbar besser aufgestellt als ungeimpfte Kinder. Ähnliche Zusammenhänge auf die Gesamtmortalität wurden bei der Verab­reichung eines anderen Lebendimpfstoffs, der Bacille-Calmette-Guérin(BCG)-Impfung gegen Tuberkulose, gesehen.

Aus diesen Beobachtungen und wei­teren Erkenntnissen leitete man ab, dass eine Impfung – neben den spezifischen Wirkungen gegen den jeweiligen Krankheitserreger – auch unspezifische Effekte auf andere Infektionskrankheiten entfalten kann. Mög­liche Mechanismen werden in der Aktivierung von T-Lymphozyten mit kreuzreaktivem Potenzial und in einer Art Trainingseffekt des unspezifischen Abwehrsystems (Makrophagen und natürliche Killerzellen) gesehen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigte 2014 in einer Übersichts­arbeit, dass eine BCG-Impfung in Regionen mit hoher Kindersterblichkeit zu einer Reduktion der Gesamtmortalität in den ersten sechs bis zwölf Lebensmonaten beiträgt, die nicht durch Verhinderung von Tuberkulosefällen begründet ist. Kritiker argumentierten, dass der Impfstatus bei Kindern in Entwicklungsländern Ausdruck einer allgemein besseren medizinischen Versorgung sei. Kränkere oder besonders benachteiligte Kinder würden meist gar nicht geimpft. 

Das Wissenschaftsmagazin „Science“ berichtete nun von Forschungsvor­haben aus mehreren Ländern, die auf diesem sogenannten heterologen Effekt einer BCG-Impfung in der aktuellen Corona-Epidemie aufbauen möchten. 

Das „Pandemie Spezial“ in der DAZ

Dieser Artikel ist ursprünglich in DAZ 14/2020 erschienen. Schon in DAZ 10/2020 war ein „DAZ-Spezial COVID-19“ als gesonderte Rubrik zum Thema Coronavirus erschienen. In DAZ 12/2020 können Sie in einem „Pandemie Spezial“ das Geschehen rund um das neuartige Coronavirus verfolgen. Dort finden Sie viele Hintergrundberichte.

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Wie will man jedoch nachweisen, ob die Morbidität und Mortalität von COVID-19 durch eine mögliche Stimulation des Immunsystems nach einer BCG-Impfung gesenkt werden kann? 

Niederländische Wissenschaftler wollen beispielsweise in einer placebokontrollierten Studie 1000 Krankenhausmitarbeiter rekrutieren und untersuchen, wie sich die Impfung auf krankheitsbedingte Fehlzeiten während der SARS-CoV-2-Epidemie auswirkt. Aus Kostengründen könne nicht eng durch eigene diagnostische Tests nachverfolgt werden, wer konkret an COVID-19 erkranke, daher die Analyse der Arbeitsausfälle. So könne man aber auch gleichzeitig einen möglichen Effekt der BCG-Impfung auf die Widerstandskraft gegenüber anderen Infektionen, wie beispielsweise Influenza, untersuchen. Die vergleichsweise geringe Studiengröße und der unspezifische Endpunkt lassen die Aussagekraft der Untersuchung allerdings schon von vornherein zweifelhaft dastehen. Die Studie findet in anderen Ländern Nachahmer, in Australien sollen ebenfalls Beschäftigte des Gesundheitswesens untersucht werden, in England ältere Menschen.

Werden Studien im Eilverfahren eine Antwort liefern?

Wissenschaftler des Berliner Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie entwickelten bereits vor Jahren einen Lebendimpfstoff-Kandidaten gegen Tuberkulose (VPM1002), der momentan in klinischen Studien getestet wird. Er stellt eine Weiterentwicklung des BCG-Impfstoffs dar und kann durch eine genetische Modifikation besser von Immunzellen erkannt werden. In einer Phase-III-Studie wollen Forscher nun bei Älteren und bei Gesundheitspersonal an mehreren Kliniken in Deutschland testen, ob VPM1002 einen erhofften Immunschub einleitet, der vor schweren Verläufen von COVID-19 oder Todesfällen schützt. Ob Studien dieser Art nun im Eilverfahren genehmigt und durchgeführt werden können, wird sich zeigen.

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