Sonderfolge zum Coronavirus: Wie bereitet sich die Berliner Charité auf die nächsten Wochen vor?

Sonderfolge zum Coronavirus: Wie bereitet sich die Berliner Charité auf die nächsten Wochen vor?

2020-03-14

Im stern-Podcast „Die Diagnose“ sprechen Mediziner über spannende und besonders knifflige Krankheitsfälle ihrer Patienten. Doch nicht so in dieser Folge. Angesichts der aktuellen Lage hat sich die Redaktion dazu entschieden, Professor Ulrich Frei zu Wort kommen zu lassen. Er ist im Vorstand der Berliner Charité und dort zuständig für die Krankenversorgung. 

Die Berliner Charité ist die größte deutsche Universitätsklinik mit 3000 Betten, verteilt auf drei Standorte. Inklusive der Forschungsabteilungen hat sie etwa 18.000 Mitarbeiter, davon rund 4500 Pflegekräfte und 2000 Ärzte. Wie bereitet sich die Klinik auf die weitere Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 vor?

Das Gespräch in voller Länge hören Sie oben im Player. Auszüge des Interviews können Sie hier nachlesen:

Wann erwarten Sie, dass mehr Patienten mit Corona in die Charité aufgenommen werden müssen?

Im Moment ist das noch Spekulation. Dass da viele kommen werden, ist klar. Ich verfolge die Fallzahlen deutschlandweit. Aus der Dynamik muss man schon annehmen, dass die Fälle in dieser und in der nächsten Woche in einer erheblichen Größenordnung ansteigen, und man Ende nächster Woche in Deutschland bei 5000 und in Berlin bei etwa 350 angekommen sein wird. Die Zahlen haben eine Dynamik, die einem Angst macht. Die ganze Situation entwickelt sich von Tag zu Tag. Wir versuchen im Moment vor der Welle der Entwicklung zu sein.

Was tun Sie an der Charité, um sich vorzubereiten?

Wir arbeiten hier an der Charité schon seit Mitte Januar an dem Thema. Wir haben ja den derzeit deutschlandweit berühmtesten Virologen, Professor Christian Drosten. Er hat es sehr früh geschafft, einen Test für Corona zu etablieren, der dann hier auch gleich angewandt wurde. Und wir haben relativ früh den Vorschlag gemacht, spezielle Untersuchungsstellen für Corona-Diagnostik aufzubauen, um unsere zentralen Notaufnahmen zu entlasten. Dort werden jetzt täglich um die 170 Bürger untersucht, die in eine der Kontakt-Kategorien geraten. Die also in einem Risikogebiet waren, Kontakt mit einer infizierten Person hatten oder die eine klinische Symptomatik haben plus einen Verdacht auf einen Kontakt. Dort sind in den letzten zehn Tagen mehr als 1000 Patienten untersucht worden. Darunter waren etwa 30 Positive.

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Wie bündeln Sie Ihre Kräfte noch?

Wir haben den Pandemieplan aus dem Jahr 2009 von der Schweinegrippe auf Corona adaptiert. Und einen Pandemie-Stab installiert, ein Gremium mit Vertretern der klinischen Bereiche, aus den Notaufnahmen, den Pflegeabteilungen, der Unternehmenskommunikation und der Logistik. Sie stimmen täglich ab, was in den nächsten 24 Stunden notwendig ist. Eine Pandemiearbeitsgruppe tagt wöchentlich, von der Apotheke bis zum Labor. Und wir haben unsere Ressourcen überprüft und letzte Woche eine Bestellung für weitere 100 Beatmungsgeräte aufgegeben.

Wieviel Intensivbetten haben Sie?

Im Moment haben wir 364 Intensivbetten, in denen die Patienten beatmet werden können. Jedes dieser Betten ist aber natürlich im Moment belegt, mit Patienten, die wegen anderer Erkrankungen versorgt werden.

Wie können Sie zusätzliche Kapazitäten gewinnen?

Durch zwei Möglichkeiten. Man kann zum einen das elektive OP-Programm, also planbare Operationen, absagen oder verschieben, um Betten frei zu bekommen. Damit haben wir noch nicht begonnen. Die andere Möglichkeit ist, dass man Räumlichkeiten findet, wo man zusätzliche Betten und Beatmungsgeräte aufstellen kann.

Welche Optionen gibt es dafür?

Zum einen eine alte Isolierstation, die dem Katastrophenschutz dient. Die technisch so ausgerüstet ist, dass man dort auch Ebola oder Ähnliches versorgen kann. Dann einen Altbau auf dem Gelände, getrennt von den anderen Abteilungen, die Klinik für Infektiologie, mit 50 Betten. Drittens gibt es die sogenannte Campus-Klinik, das ist ein aus Containern gebautes Krankenhaus, das errichtet wurde, als unser Hochhaus renoviert wurde. Da sind im Moment Büros drin, aber das kann man innerhalb einer Woche in ein Krankenhaus zurückverwandeln. Das werden wir ab nächste Woche in Angriff nehmen. Und dann gibt es noch eine Containerklinik am Campus Benjamin Franklin im Süden der Stadt, die in sechs, acht Wochen betriebsfertig ist. Die haben wir dort aufgestellt, weil wir dort eigentlich Stationen auslagern wollen, um das Haus zu sanieren. So schön das alles klingt, mit diesen möglichen zusätzlichen Betten in der Größenordnung von theoretisch fast 500 – das funktioniert nur, wenn man das Personal dafür hat.

Wie könnte man das Personalproblem lösen?

Das ist in dieser Größenordnung nicht so einfach. Dafür muss man sehr viel von den geplanten normalen Fällen und Operationen absagen und in Bereichen wie Diagnostik oder Herzkatheter Stationen schließen und das Personal umverteilen.

In Italien gibt es Aufrufe, dass Mediziner und Pflegekräfte aus dem Ruhestand zurückkehren sollten, um mitzuhelfen. Stocken Sie auch so Personal auf?

Wir haben völlig ähnliche Überlegungen wie die Kollegen in Italien. Unsere Pflegeleitung versucht, Personal, das früher in Ruhestand gegangen ist, wieder zurückzugewinnen für den Intensivbereich. Für die ärztliche Besetzung wird man die geplanten Operationen absetzen und versuchen alle Personalreserven zu generieren.

Wie steht es um die Schutzausrüstung für Ärzte und Pflegekräfte?

Im Moment sind wir gut ausgestattet. Die Frage ist vor allem, wie man dem Personal die Angst nimmt, sich zu infizieren. Und wir können nicht jeden, der mit einem Infizierten in Kontakt gekommen ist, der noch unerkannt war, in die häusliche Isolation schicken, wie das Robert Koch-Institut es im Moment noch empfiehlt. Dann müssten Sie ein ganzes Team nach Hause schicken. Und das geht nicht. Wir lassen einerseits das Personal mit Mundschutz arbeiten. Außerdem wird dieses Personal täglich auf Corona getestet. Wir wissen von unserem Virologen Professor Christian Drosten, dass die spezielle Untersuchung, die PCR, etwa zwei Tage vorher positiv wird, bevor der Proband Symptome bekommt und infektiös wird. Durch dieses tägliche Testen der Mitarbeiter können wir diejenigen rechtzeitig erkennen, die eine Infektion entwickeln.

Wieviele Corona-Tests im Labor machen Sie an der Charité täglich?

Im Moment sind es etwa 1500, in zwei Laboren. Wir arbeiten daran, diese Kapazität mit neu bestellten Geräten zu steigern.

Wenn Sie planbare Operationen verschieben – das ist auch eine wirtschaftliche Einbuße für die Klinik.

Was die wirtschaftliche Seite angeht, gerade für öffentliche Kliniken, ist das Ganze ein Blindflug. Da kann man nur hoffen, dass am Ende der Epidemie Lösungen gefunden werden. In zwei Monaten sind alle Wirtschaftspläne und Budgets Makulatur.

Wie halten Sie ganz konkret Morgenbesprechungen in der Klinik ab?

Wir versuchen die Anzahl der Personen klein zu halten. Die Größe der Gruppe ist ein schwaches Maß für die Frage: Ist das gefährlich oder nicht. Wir haben gerade mit dem Staatssekretär Wissenschaft diskutiert, wie es mit universitären Unterrichtsveranstaltungen ist, ob man Seminare mit 20 oder 50 Leuten durchführen kann. Die Vorgabe aus dem Senat ist, dass man eigentlich gar keine Seminare mehr abhalten soll. Wir haben gerade beispielsweise einen Professor aus dem Berufsalltag ziehen müssen, weil er bei einem Elternabend neben einer Corona-positiven Mutter gesessen hat. Man könnte sagen, 10 Personen sind weniger riskant als 20 – aber ganz sicher können Sie es nicht ausschließen.

Wie ist es mit dem Nachschub von Krankenhaus-Equipment?

Das normale Equipment kann man nachbestellen, da wird auch nicht gehamstert. Wo es einen Engpass gibt, sind Desinfektionsmittel. Die sind nicht so einfach zu beschaffen. Und wenn man sie beschaffen kann, bieten sie die Hersteller zum Teil in sehr großen Gebinden an. Ich kann auf die Station keinen 1000 Liter Tank stellen. Der steht dann in der Apotheke und da muss umgefüllt werden in Ein-Liter-Gefäße.

Was sind Ihre wichtigsten Botschaften?

Erstens: Man muss das Ganze sehr ernst nehmen. Gerade für die Älteren kann die Erkrankung lebensgefährlich sein. Zweitens: Die Bürger sollten ihre Solidarität ausdrücken, indem sie Risiken meiden. Also lieber zuhause bleiben, anstatt zu einer Party zu gehen.

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