Sterberate gesunken: Mehr Schwerkranke überleben Covid-19

Sterberate gesunken: Mehr Schwerkranke überleben Covid-19

2020-10-29

Wer mit einer Corona-Infektion auf der Intensivstation landet, überlebt sie oft nicht. Und doch ist die Sterberate jetzt nicht mehr so hoch wie im Frühjahr. Das bestätigt eine Untersuchung von gut 20.000 Patientendaten aus England. Die Behandlung hat sich erheblich verbessert.

Wie viele Patientinnen mit Corona auf Intensivstationen behandelt werden müssen, ist ein kritischer Faktor. Mediziner warnen davor, dass sie durch die steigenden Infektionszahlen bald überlastet sein könnten. Insbesondere mahnt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dass es an Krankenschwestern und Pflegern fehlt: „Auf Intensiv herrschen die gleichen Personalengpässe wie vor der Pandemie.“

Umso wichtiger sei es jetzt, dass sich alle in der Bevölkerung strikt an die Regeln zur Minimierung des Infektionsrisikos halten.

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Gleichzeitig gibt es auch positive Entwicklungen: Die Sterberate von Patienten, die mit schweren Covid-19-Verläufen im Krankenhaus versorgt werden müssen, ist seit der ersten Welle der Pandemie gesunken. Dies zeigt eine Analyse aus England, die in „Critical Care Medicine“ veröffentlicht wurde.

Das liegt nicht nur daran, dass mehr junge Menschen und weniger mit Vorerkrankungen behandelt wurden.

Sterberate unabhängig von Alter und Geschlecht

Das Team um John Dennis von der Universität Exeter wertete für die umfassende Analyse die Daten für den Zeitraum 1. März bis 27. Juni aus. Dabei betrachteten die Wissenschaftler die Zahlen zur 30-Tages-Sterblichkeit. In dieser Zeit versorgten Mediziner an 108 Kliniken in England 15.367 Patienten auf „High-Dependency“-Abteilungen (HDU), was in Deutschland „Intermediate Care“ (Intensivüberwachungspflege als Bindeglied zwischen der Intensivstation und den Normalstationen eines Krankenhauses) entspricht. Weitere 5715 Patienten behandelten die Ärzte auf Intensivstationen (ICU).

Ein Vorteil: In England müssen die Kliniken alle Erkrankungen dem „Covid-19 Hospitalisation in England Surveillance System“ (CHESS) melden. Die Daten enthalten neben Alter, Geschlecht und Herkunft auch die Vorerkrankungen, die einen starken Einfluss den Covid-19-Verlauf haben. Dadurch lässt sich die Sterberate unabhängig von Alter und Risikofaktoren betrachten.

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  • Rückgang der Sterblichkeitsrate bei Intensivpatienten

    Als die erste Welle in England Ende März ihren Höhepunkt erreicht hatte, starben laut der Untersuchung der Universität wesentlich mehr Menschen als Ende Juni: Im Frühjahr überlebten von den HDU-Patienten 71,6 Prozent. Lediglich 58 Prozent waren es unter den Intensivpatienten.

    Im Juni waren die Sterblichkeitsraten deutlich zurückgegangen: Von den Schwerkranken überlebten dann 92,7 Prozent (HDU-Patienten) und von den Intensivpatienten 80,4 Prozent (ICU-Patienten). Das lag zwar auch daran, dass die Corona-Kranken jünger waren und weniger unter Vorerkrankungen litten.

    Aber das Team um Dennis rechnete diese Faktoren heraus. Und auch dann konstatierten sie einen Rückgang der Sterblichkeit in den verschiedenen Krankenhausabteilungen.  
     
     

    Die sogenannte Fallsterblichkeit (Case Fatality Rate) legt das Verhältnis von Todesfällen und gemeldeten Infektionsfällen zugrunde. Je nach Land schwanken hier die Zahlen zwischen knapp über 0 und 10 Prozent. Da die gemeldeten Infektionsfälle jedoch auch von Testkapazitäten abhängen, geben diese Zahlen kein genaues Bild über die Tödlichkeit des Coronavirus.

    Die sogenannte Infektionssterblichkeit (Infection Fatality Rate) betrachtet das Verhältnis von Todesfällen und allen tatsächlich Infizierten. Das Robert Koch-Institut (RKI) macht dazu aber keine Angaben, weil sich nicht exakt bestimmen lasse, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert haben.

    Darum sterben jetzt weniger Schwerkranke an Corona

    Bilal Mateen von der University of Warwick, der ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war, gab zu bedenken: Zu Beginn der Pandemie haben die dramatisch überfüllten Krankenhäuser sicherlich zu einer schlechten Prognose der Corona-Patienten beigetragen. Verbessert hat sich anschließend auch, dass Mediziner mehr Erfahrung mit der Erkrankung gesammelt hatten und bessere Behandlungsmöglichkeiten etwa mit Dexamethason oder Antikörper-Plasma zur Verfügung standen. Darauf führt Dennis den Rückgang der Sterblichkeit zurück.

    Ähnlich beurteilt Katharina Schüller auf Nachfrage von FOCUS Online die Entwicklung der Sterberate. „Zwei Studien in den USA und dem UK berichten, dass der Anteil der Verstorbenen stark zurückgegangen ist und zwar gleichmäßig für alle Altersgruppen. Das legt nahe, dass der Rückgang der Sterblichkeit nicht alleine mit der höheren Anzahl von jungen, infizierten Menschen zu erklären ist“, sagt die Vorständin der Deutschen Gesellschaft für Statistik. „Vielmehr mag dieser zum Teil auf verbesserte Behandlungen zurückzuführen sein; schließlich haben wir gelernt, dass die vorschnelle Beatmung von Corona-Patienten in zahlreichen Fällen wohl zum Tod geführt haben dürfte.“

    Sterblichkeitsrate in Deutschland liegt etwa bei 30 Prozent

    Chefarzt Clemens Wendtner vom Klinikum Schwabing erläuterte im Gespräch mit FOCUS Online die verbesserte Behandlung: „Die Therapie, die wir momentan zur Verfügung haben, ist eine Basistherapie mit zwei zugelassenen Substanzen: Remdesivir für die Frühphase der Infektion und Dexamethason für die späten Verläufe.“ Da sei noch viel Luft nach oben. Mit den heutigen Mitteln könnten Mediziner etwa fünfzig Prozent der im Krankenhaus behandelten Patienten gut helfen.

    „Aber wenn wir die Sterblichkeitsrate der Covid-Intensivpatienten ansehen, dann liegt die weltweit betrachtet weiter bei 40 bis 50 Prozent“, gibt Wendtner zu bedenken. „In Deutschland liegt die Quote etwa bei 30 Prozent, in manchen Kliniken bei 20 Prozent. Aber das bedeutet, dass immer noch jeder fünfte Intensivpatient mit Corona stirbt.“ Das sei natürlich nicht befriedigend und deswegen müsse parallel zur Impfstoffentwicklung auch in der Arzneimittelforschung weitergearbeitet werden.

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