Überlebt das Coronavirus bis zu 28 Tage auf Oberflächen? Warum die Studie mit Vorsicht interpretiert werden sollte

Überlebt das Coronavirus bis zu 28 Tage auf Oberflächen? Warum die Studie mit Vorsicht interpretiert werden sollte

2020-10-12

Es klingt nach einer unfassbar langen Zeitspanne: Australische Forscher wollen in einer Studie herausgefunden haben, dass das Coronavirus bis zu 28 Tage auf glatten Oberflächen wie der von Smartphone-Displays oder Bankautomaten überleben kann. Dafür tropften die Forscher virenhaltige Flüssigkeit auf verschiedene Untergründe: Glas war darunter, aber auch Stahl, Baumwolle sowie Geldscheine aus Plastik oder Papier. Im Anschluss untersuchten sie unter Laborbedingungen, wie lange die Viren auf den einzelnen Proben überlebten. Getestet wurde bei drei unterschiedlichen Umgebungstemperaturen: 40, 30 beziehungsweise 20 Grad Celsius. Die Luftfeuchtigkeit lag konstant bei 50 Prozent.

Während die hohen Temperaturen das Virus relativ schnell außer Gefecht setzten, überdauerte es vor allem bei der niedrigen Temperatur überraschend lange – bis zu 28 Tage auf Glas, Stahl und Geldscheinen aus Kunststoff oder Papier. Das Virus sei bei einer Umgebungstemperatur von 20 Grad Celsius "extrem robust", folgern die an der Studie beteiligten Forscher des Wissenschaftsinstituts CSIRO. 20 Grad entspreche auch der üblichen Raumtemperatur.

Höhere Temperaturen setzten dem Virus dagegen zu: Bei 30 Grad überlebte es noch bis zu sieben Tage auf Glas oder Stahl, bei 40 Grad hingegen nur noch 24 Stunden. Auch die poröse Oberfläche der Baumwolle machte den Viren zu schaffen. Auf dem Untergrund überlebten sie je nach Temperatur zwischen 14 Tagen und weniger als 16 Stunden.

Wie die Forscher schreiben, ist vor allem die Lebensdauer des Virus auf Glas ein "wichtiger" Befund. Sie weisen deshalb auf mögliche Infektionsrisiken durch Touchscreens von Smartphones, Bankautomaten, Selbstbedienungskassen im Supermarkt oder Check-in-Schaltern am Flughäfen hin. Dabei handle es sich um Oberflächen, die häufig berührt und möglicherweise nicht regelmäßig gereinigt würden, heißt es in der Studie, die im Fachblatt "Virology Journal" veröffentlicht wurde. 

Labor versus Realität

Grundsätzlich können Viren außerhalb des Körpers nur für eine gewisse Zeit überleben. Sie können sich auf Oberflächen beispielsweise auch nicht vermehren, denn dafür brauchen sie einen Wirt. Eine Ansteckung über Oberflächen ist aber möglich. Hustet oder niest eine infektiöse Person, entstehen dabei Tröpfchen, die Viren enthalten. Landen diese auf Oberflächen, können die Viren über die Hände zu den Schleimhäuten einer anderen Person gelangen. Eine solche Schmierinfektion ist auch beim aktuellen Coronavirus denkbar, scheint im Vergleich zu der Übertragung durch die Luft aber eher selten zu sein. So ist dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bislang kein Fall bekannt, bei dem nachgewiesen wurde, dass das Coronavirus durch kontaminierte Oberflächen oder Gegenständen auf eine andere Person übertragen wurde und es zu einer Infektion kam.

Studien wie die aktuelle Untersuchung aus Australien sind dennoch wichtig, um mögliche Ansteckungsrisiken zu bewerten und gegebenenfalls gegenzusteuern. Ein Problem ist aber oft, dass die Forschung unter Laborbedingungen durchgeführt wurde – und damit nicht immer eins zu eins auf Alltagssituationen übertragen werden kann. Das ist auch bei der aktuellen Studie der Fall.

Ein Beispiel: Es ist bereits bekannt, dass UV-Strahlen, etwa Sonnenlicht, Viren rasch unschädlich machen können. Die Experimente wurden aber im Dunkeln durchgeführt, da die Forscher den Einfluss von UV-Strahlen so weit wie möglich ausschließen wollten, wie sie im Fachblatt schreiben. Im Alltag sind UV-Strahlen wie auch Sonnenlicht aber kaum wegzudenken. Man kann daher davon ausgehen, dass die Viren unter diesem Einfluss wesentlich schneller abgestorben wären.

Auch die Tröpfchengröße spielt eine Rolle. Tröpfchen, die beim Husten oder Niesen entstehen, sind oft kaum mit dem bloßen Auge zu erkennen. Landen sie auf einem Touchscreen, können sie zusätzlich verwischt werden, was dazu führt, dass sie schneller austrocknen. Im Labor werden die Viren dagegen meist mit einer feinen Pipette auf die Oberfläche gegeben. Dabei entsteht ein satter, runder Tropfen, der Feuchtigkeit länger speichern kann – und auch den Viren ein längeres Überleben sichert.

Die Problematik, die sich daraus ergibt, ist längst bekannt, auch bei den Behörden. In der Praxis sei zu erwarten, dass die Stabilität des Coronavirus geringer ist, "als in den Laborstudien ermittelt", schreibt das BfR mit Blick auf vorherige Studien dieser Art. "Die in den Studien genannte Stabilität dieser Viren wurde im Labor unter optimalen Bedingungen und mit hohen Viruskonzentrationen ermittelt." Doch auch andere Faktoren können eine Rolle spielen, darunter das Tageslicht, schwankende Temperaturen, Luftfeuchtigkeit oder geringere Kontaminationslevel.

Frühere Laboruntersuchungen einer amerikanischen Arbeitsgruppe zeigten, dass Sars-CoV-2 bei hoher Kontamination bis zu vier Stunden auf Kupferoberflächen, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu zwei beziehungsweise drei Tagen auf Edelstahl und Plastik infektiös bleiben kann. Als Aerosol behielt es bis zu zu drei Stunden seine Infektiosität. Die aktuelle Untersuchung weist dagegen deutlich längere Zeiträume aus.

Was folgt daraus?

Bereits vor Publikation der aktuellen Studie war bekannt, dass das Coronavirus über längere Zeit auf Oberflächen überleben kann – und damit grundsätzlich die Möglichkeit einer Schmierinfektion besteht. Ob Sars-CoV-2 außerhalb des Labors und unter dem Einfluss natürlicher Faktoren bis zu 28 Tage auf Oberflächen überleben können, erscheint aber zumindest fraglich.

An dem grundsätzlichen Ratschlag, sich regelmäßig die Hände zu waschen, ändert die aktuelle Studie nichts. Auch sollte es vermieden werden, sich mit den Händen in das Gesicht, zum Beispiel an die Nase oder die Augen, zu fassen. "Normale Hygienemaßnahmen wie häufiges und richtiges Händewaschen mit Seife und die regelmäßige Reinigung von Oberflächen und Türklinken mit haushaltsüblichen tensidhaltigen Wasch- und Reinigungsmitteln schützen ausreichend vor einer Schmierinfektion mit Sars-CoV-2", heißt es seitens des BfR. 

Um das Risiko einer Ansteckung über die Luft zu senken, empfehlen Experten mit Blick auf Herbst und Winter Innenräume ausreichend zu lüften.

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