Alzheimer: US

Alzheimer: US

2021-06-07

Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat erstmals ein Medikament zugelassen, das einer Ursache von Alzheimer entgegenwirken soll. Konkret handelt es sich um den Antikörper Aducanumab.

Für das Unternehmen ging es um viel: Weil in den USA seit 2003 kein neues Medikament gegen Alzheimer zugelassen wurde, wäre die Arznei von Biogen der neue Hoffnungsträger, es könnte innerhalb weniger Jahre zu einem Blockbuster werden. Auch viele Patienten und ihre Angehörigen wünschen sich sehnlich, dass es endlich ein wirksames Mittel gegen den Verfall im Gehirn gibt.

Weltweit leiden rund 47 Millionen Menschen unter einer Demenz, 2050 sollen es Prognosen zufolge bereits mehr als 130 Millionen sein. In Deutschland sind der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft zufolge derzeit etwa 1,6 Millionen Menschen betroffen. 65 bis 70 Prozent der Demenzkranken haben Alzheimer, Frauen sind häufiger betroffen als Männer, weil sie im Durchschnitt älter werden.

Was ist Aducanumab?

Bei Aducanumab handelt es sich um sogenannte monoklonale Antikörper der Firma Biogen. Diese richten sich gegen Eiweiße – Beta-Amyloide genannt –, die sich bei der Alzheimer-Erkrankung vermehrt zwischen den Gehirnzellen ablagern und Plaques bilden. Unter anderem dadurch werden die Verbindungen zwischen den Nervenzellen gestört und unterbrochen, die Nervenzellen sterben ab – das Vergessen setzt ein. Aducanumab wird monatlich als Infusion verabreicht.

Neben Biogen forschen auch andere Pharmaunternehmen an Medikamenten, die sich gegen die Amyloid-Plaques richten, darunter Lilly und Merck. Beide Konzerne mussten dabei in den vergangenen Jahren herbe Rückschläge einstecken.

Wie gut sind die vorliegenden Daten?

Biogen forscht seit Jahren an Aducanumab. Im Jahr 2015 begann die Firma mit zwei Studien, um die Effekte des Mittels nachzuweisen, 2017 begann die Testung gemeinsam mit dem japanischen Pharmaunternehmen Eisai für die Markteinführung.

Zwei Jahre später folgte die große Enttäuschung: Die Therapie mit den Antikörpern konnte den geistigen Verfall bei Alzheimer-Patienten nicht maßgeblich aufhalten – die Studien der Phase III, in der es um Wirksamkeit und Sicherheit geht, mussten abgebrochen werden.

Wenige Monate später jedoch präsentierte das Unternehmen überraschend weitere Auswertungen, die der Arznei in einer der beiden Studien doch eine Wirksamkeit bescheinigten: und zwar in einer hohen Dosierung bei Patienten, die sich noch in einem sehr frühen Erkrankungsstadium befanden. Es standen sich die Ergebnisse von zwei nicht zu Ende geführten Studien gegenüber.






Daraufhin entbrannte ein Streit unter Wissenschaftlern darüber, ob diese Wirksamkeit vor allem auf dem Papier existierte, das Leben der Betroffenen aber nicht wirklich veränderte. Denn den Ergebnissen zufolge schnitten mit Aducanumab behandelte Patienten am Ende eines Behandlungszeitraums von 78 Wochen im Durchschnitt um 0,39 Punkte besser ab als diejenigen, die nur ein Placebo erhalten hatten. Für einen merklichen Unterschied im Alltag wären ein bis zwei Punkte Unterschied notwendig, sagen manche Experten.

Welche Nebenwirkungen sind bekannt?

Die hohen Dosierungen bringen auch stärkere unerwünschte Wirkungen mit sich: Mehr als jeder dritte behandelte Patient entwickelt den Daten zufolge eine Gehirnschwellung, die schwere Folgen haben kann. In den meisten Fällen bildete sich diese nach Absetzen der Therapie allerdings von allein wieder zurück. Doch gerade in einem frühen Stadium der Erkrankung solche Risiken bei geringem Nutzen in Kauf zu nehmen, halten mehrere Wissenschaftler für falsch. Außerdem wären die Folgekosten beträchtlich, weil die Gabe des Medikamentes regelmäßig mit Bildgebung vom Gehirn überwacht werden müsste.

Wann wurde die Zulassung beantragt?

Nachdem Biogen seine positiven Teilergebnisse nachgereicht hatte, beantragte das Unternehmen im Juli 2020 eine Zulassung seines Antikörpers Aducanumab bei der FDA.

Was geschah dann?

Ein Beratergremium hatte der FDA im November 2020 deutlich davon abgeraten, Aducanumab die Zulassung zu erteilen. »Es sollte nicht zugelassen werden, denn es gibt keinen Nachweis einer substanziellen Wirksamkeit«, sagte Lon Schneider, Direktor des California Alzheimer’s Disease Center von der University of Southern California laut »New York Times«.

Experten um den Neurowissenschaftler Jeffrey Cummings von der University of Nevada Las Vegas hingegen veröffentlichten vor wenigen Monaten einen Fachartikel, in dem sie sich für die Zulassung von Aducanumab aussprachen. Nach der Lektüre der derzeit vorhandenen wissenschaftlichen Arbeiten kommt die Gruppe – von der einige Autoren den Hersteller Biogen fachlich beraten – in der Veröffentlichung »zu dem Schluss, dass Aducanumab den Standard einer relevanten Effektivität mit angemessener Sicherheit im frühen Stadium einer Alzheimer-Erkrankung erreicht«.


Auch die FDA selbst schien bis zuletzt gespalten, schreibt die »New York Times«: Demnach gab es Stimmen, die eine Zulassung befürworteten, andere forderten weitere Studien, und der Direktor des Alzheimerforschungszentrums von der Mayo-Clinic in Minnesota, Ronald Petersen, sagte, die Antikörper stünden »auf der Kippe«. Zwar wolle er seinen Patienten gern neue Behandlungsmöglichkeiten geben, aber die Daten seien zweifelhaft.

Alzheimer sei eine zerstörerische Erkrankung, bei der bislang nur die Symptome behandelt werden könnten, begründete Patrizia Cavazzoni von der FDA die Entscheidung in einer Mitteilung. »Diese Behandlungsmöglichkeit ist die erste Therapie, die sich gegen die Prozesse richtet, die Alzheimer zugrunde liegen.« Voraussetzung der Zulassung ist, dass danach weitere Studien laufen und nachgewiesen wird, dass die Patientinnen und Patienten wie erwartet von der Therapie profitieren.

Gibt es Aducanumab in Deutschland?

In Deutschland ist Aducanumab nicht zugelassen, im Jahr 2020 wurde allerdings ein Zulassungsantrag bei der europäischen Arzneimittelbehörde Ema gestellt, eine Entscheidung wird für 2021 erwartet.

Welche Medikamente gibt es für Alzheimer-Patienten in Deutschland?

Derzeit sind in Deutschland drei Medikamente gegen Alzheimer zugelassen (Donepezil, Galantamin und Rivastigmin), die zu den sogenannten Cholinesterasehemmern zählen. Diese sollen den Austausch von Informationen zwischen den Gehirnzellen verbessern. Sie dürfen zur Behandlung einer leichten bis mittelschweren Demenz gegeben werden und können den Abbau der mentalen Leistungsfähigkeit leicht verzögern.

Daneben ist in Deutschland auch der Wirkstoff Memantin zugelassen. Er kann verhindern, dass ein bestimmter Botenstoff, der bei Alzheimer-Patienten vermutlich vermehrt anfällt, die Zellen schädigt. Studien zufolge kann die Arznei den geistigen Abbau bei etwa zehn Prozent der Betroffenen etwas verlangsamen.

Viele Alzheimer-Patienten nehmen auch Ginkgo, das nicht verschreibungspflichtig ist. Das pflanzliche Mittel soll die Durchblutung verbessern und die Nervenzellen schützen.

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