Corona: Impfstatus soll bei Triage

Corona: Impfstatus soll bei Triage

2021-11-26

Covid-Patient auf der Intensivstation im Krankenhaus Grevenbroich

Mareen Fischinger / Getty Images/Westend61

Der Impfstatus von Schwerkranken mit Covid-19 darf aus Sicht von Intensivmedizinern bei der Entscheidung über die weitere Behandlung keine Rolle spielen. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) betont diese Maxime in der aktualisierten Fassung ihrer Empfehlungen dazu, wie bei knappen Ressourcen während der Coronapandemie möglichst viele Menschen gerettet werden können.

Die ärztliche Hilfspflicht gelte unabhängig davon, wie das Verhalten des Betroffenen vorher war, sagte Georg Marckmann, Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin in München am Freitag.

»Wir sind Retter, keine Richter«

»Es ist so, dass wir den Lungenkrebs des Rauchers genauso behandeln wie die koronare Herzerkrankung des Übergewichtigen. Und genauso werden wir natürlich auch die Covid-Erkrankung von jemandem behandeln, der sich nicht geimpft hat«, sagte Marckmann. »Wie ein Kollege das mal sehr treffend auf den Punkt gebracht hat: Wir sind Retter, keine Richter.«

Er sagte zudem, dass man bei Ungeimpften nicht wisse, auf welcher Information ihre Entscheidung beruhe, ob sie etwa Falschinformationen von »Querdenkern« aufgesessen seien.

Mit den seit Wochen steigenden Zahlen an Neuinfektionen steigt die Zahl der Covid-Patienten, die auf Intensivstationen behandelt werden müssen. In einigen Regionen stoßen die Kliniken bereits an Kapazitätsgrenzen, sodass erneut die Frage aufkommt, welche Patienten im Falle begrenzter Ressourcen behandelt werden müssen. Fachleute sprechen in diesem Fall von Triage oder Priorisierung. Im März 2020 hatten acht medizinische Fachgesellschaften Empfehlungen ausgearbeitet, die nun aktualisiert werden.






Wichtigstes Entscheidungskriterium bleibe die Erfolgsaussicht einer Behandlung. Dabei müssten alle bedürftigen Patienten gleich behandelt werden – Nicht-Covid-Patienten etwa mit einem Herzinfarkt- oder Schlaganfall oder auch Krebspatienten dürften gegenüber Covid-19-Patienten nicht benachteiligt werden, so die Experten.

Gerade beim längeren Andauern der Pandemie ist es aus Sicht der Intensivmedizin wichtig, bei der Verzögerung von Krebstherapien sehr genau zu prüfen, ob und wie sich die Prognose der Betroffenen verschlechtert – also dass auch diese Patienten und Patientinnen immer dringlicher werden.

»Keiner von uns will in die Situation einer Triage kommen«

Intensivmediziner Uwe Janssens sagte, dass Covid-19-Erkrankte bei einem schweren Verlauf weiterhin eine schlechte Prognose hätten. Bei jenen, die beatmet werden müssten, liege die Sterblichkeit bei um die 50 Prozent. »Und selbst wenn sie überleben, sind sie nach 30, 40 Tagen Intensivbehandlung für ihr Leben gezeichnet.« Es ist und bleibe ein »furchtbares Krankheitsbild«. Die Impfung sei die »richtige und die gute Waffe« im Kampf gegen die Pandemie. Geimpfte hätten eine insgesamt deutlich bessere Prognose.

Janssens rief die Politik zu entschlossenen Maßnahmen auf. »Keiner von uns will in die Situation einer Triage kommen«, sagte der frühere Präsident der Divi. Falls nun aber nicht entschieden genug gehandelt werde, könne es in den nächsten Wochen dazu kommen.

Es sei eine zunehmend realistische Befürchtung, »dass die Krankenhäuser aufgrund nicht mehr ausreichend verfügbarer Ressourcen, Patienten nicht mehr versorgen können und dann entscheiden müssen, wer eine Behandlung erhält und wer nicht«, fügte er hinzu. »Wir brauchen jetzt schnelle, schnellste Entscheidungen.«

Wenn es aber so weit kommen sollte, seien die Ärzte »gewappnet und können das dann auch auf unseren Schultern tragen«. Die Priorisierung auf den Intensivstationen sei ein geübtes Vorgehen nicht nur in Zeiten der Pandemie. Die Patienten könnten sich darauf verlassen, dass sehr sorgfältige und transparente Entscheidungen getroffen würden und keine »Daumen-hoch- oder Daumen-runter-Entscheidung«.

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