Dement auf Zeit

Dement auf Zeit

2019-05-26

Die Demenz kommt langsam. Erst bemerken die Verwandten der 56-jährigen Frau aus Cap Verde, einem Inselstaat vor der Nordwestküste Afrikas, nur leichte Veränderungen in ihrem Verhalten. Doch irgendwann räumt sie nicht mehr auf, kocht nicht mehr und spricht mit Menschen, die gar nicht da sind. Als sie eines Tages nackt und orientierungslos durch die Nachbarschaft irrt, entscheidet ihre Schwester, sie zu sich nach Portugal zu holen.

Nur wenige Monate später wird die Frau plötzlich bewusstlos und bekommt epileptische Anfälle, ihre Schwester bringt sie in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Bei der Ankunft ist die Frau wieder wach, die Ärzte entdecken keine neurologischen Auffälligkeiten. Ein Blutbild bleibt ohne Ergebnis, auch ein CT des Gehirns zeigt keine Anomalien. Seit den ersten Beschwerden sind mittlerweile fünf Jahre vergangen.

Die Mediziner verschreiben der inzwischen 61-Jährigen ein Mittel gegen Krampfanfälle und schicken sie für weitere Tests zu einem niedergelassenen Neurologen. Dort zeigt ein EEG, dass das Gehirn der Frau verlangsamt arbeitet. Müdigkeit kann diesen Zustand für kurze Zeit hervorrufen. Zu den langfristigen Ursachen der Symptome zählen Alterungsprozesse oder – wie bei der Frau – eine Demenz. Hinweis auf eine Epilepsie liefern die Hirnströme nicht.

Trotzdem erleidet die Frau einen weiteren Krampfanfall. Nimmt sie die verschriebenen Medikamente? Als ihre Familie die Einnahme der Mittel kontrolliert, verschwinden die Anfälle. Die Halluzinationen aber bleiben. Die Frau erzählt ihrer Schwester, dass sie mit den Geistern verstorbener Verwandten kommuniziere, sie sehe die Personen klar vor sich. Die Geister raten ihr davon ab, ihre Medikamente zu nehmen.

Verfolgungswahn setzt ein

Im weiteren Verlauf der Krankheit entwickelt die 61-Jährige Wahnvorstellungen. Sie hat Angst, dass ihre Familie sie vergiften will, verweigert gemeinsame Mahlzeiten. Gleichzeitig ist sie zunehmend auf die Hilfe ihrer Verwandten angewiesen. Die Frau kann das Haus nicht mehr alleine verlassen, da sie nicht mehr zurückfinden würde. Die Familie sucht psychiatrische Hilfe, wie Ärzte um Bruno Silva von der Nova Medical School in Lissabon im Fachmagazin „BMJ Case Reports“ berichten.

Da die Patientin kein portugiesisch spricht, sind die Mediziner auf die Übersetzungshilfe der Verwandten angewiesen. Die 61-Jährige weiß weder, wo sie ist, noch wie spät es ist. Sie spricht undeutlich, selbst ihre Schwester kann manche Aussagen nicht verstehen. Aus ihrem Verhalten lässt sich ablesen, dass sie Dinge sieht und hört, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Die Mediziner diagnostizieren eine fortschreitende Demenz, verbunden mit einer entweder daraus resultierenden oder unabhängig auftretenden Epilepsie. Auch die Wahnvorstellungen können unabhängig von Demenz und Epilepsie oder als Folge der beiden Krankheiten aufgetreten sein.

Erst als sie das Blut der Frau erneut ins Labor schicken, stoßen die Mediziner auf eine mögliche Erklärung für die Beschwerden. Dem Körper der Frau mangelt es an Vitamin B12. Hochgerechnet auf einen Liter schwimmen in ihrem Blut weniger als 117 pmol des Stoffes – ab einem Wert von 150 pmol liegt ein Mangel vor.

Andere Erklärungen für eine gute behandelbare Demenz, etwa Infektionskrankheiten, hormonelle Beschwerden oder einen weiteren Vitaminmangel, können die Mediziner ausschließen. MRT-Aufnahmen des Gehirns zeigen ebenfalls keine nennenswerten Schäden.

Magenspiegelung und Gewebeanalyse

Vitamin B12 steckt vor allem in tierischen Produkten, ein Mangel ist häufig Folge einer schlecht geplanten veganen Ernährung. Daneben zählen jedoch auch Erkrankungen des Verdauungstrakts zu den möglichen Ursachen. Diese Vermutung liegt bei der Frau nahe.

Der Körper benötigt ein von der Magenhaut gebildetes Eiweiß, um Vitamin B12 über den Darm aufzunehmen. Chronische Magen-Darm-Erkrankung können einen Mangel dieses Stoffes hervorrufen, und infolgedessen einen Mangel an Vitamin B12 verursachen.

Der Psychiater überweisen die 61-Jährige für eine Magenspiegelung zu einem Gastroenterologen, der tatsächlich Zeichen einer Magenentzündung entdeckt. Analysen von Gewebeproben bestätigen, dass die Frau unter einer chronischen Entzündung der Magenschleimhaut leidet. Das Gewebe ist so stark angegriffen, dass es in manchen Bereichen schwindet.

Der Frau mangelt es wahrscheinlich schon seit Jahren an Vitamin B12. Die Nerven benötigen den Stoff, um Signale weiterzuleiten. Fehlt er, kann es neben Verwirrtheit, Gedächtnisproblemen oder Psychosen auch zu Lähmungen kommen. In den meisten Fällen kommt es zusätzlich zu einer Anämie. Da diese typische Beschwerde bei der Frau fehlte, haben Mediziner den Vitaminmangel bei früheren Untersuchungen nicht in Betracht gezogen.

Spritzen, um den Darm zu umgehen

Die Ärzte behandeln die Frau zunächst mit einem Neuroleptikum, das bei schizophrenen Erkrankungen zum Einsatz kommt und die Halluzinationen behebt. Die Patientin bleibt jedoch desorientiert und hilflos. Diese Beschwerden verschwinden erst, als die Mediziner zusätzlich die Ergebnisse der Blutuntersuchungen kennen und ihr Vitamin B12 verabreichen.

Die 61-Jährige verwandelt sich zurück in den Menschen, den ihre Verwandten aus der Zeit vor der Erkrankung kannten. Sie kocht, hilft im Haushalt, geht einkaufen, kann sich orientieren und argumentiert schlüssig.

Neun Monate nach dem Verschwinden der Halluzinationen setzen die Ärzte das Neuroleptikum ab. Ein weiteres halbes Jahr später kehren die Beschwerden jedoch zurück, die Frau leidet unter Verfolgungswahn. Wieder geben die Ärzte ihrer Patientin ein Neuroleptikum, das die Beschwerden schnell lindert. Auch entwickelt die Frau noch einmal einen Krampanfall, nachdem sie ihr Antiepileptikum absetzt.

Dass die Beschwerden auftreten, obwohl der Vitamin-B12-Haushalt der Frau wieder eingestellt ist, führen die Mediziner auf mögliche Nervenschäden durch die späte Diagnose zurück. Die Mediziner raten ihrer Patientin, sowohl die Antiepileptika als auch die Neuroleptika weiter zu nehmen. Außerdem spritzen sie ihr einmal im Monat ein Vitamin-B12-Präparat. Es geht ihr gut.

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