„Ich lerne jeden Tag, mich selbst und meine Haut zu lieben“

„Ich lerne jeden Tag, mich selbst und meine Haut zu lieben“

2019-04-29

Früher wurde Yulianna Yussef oft für ihr Aussehen gehänselt. Sie dachte, sie würde nie einen Job und einen Partner finden. Heute fragt man sich warum, wenn man die junge Frau sieht, die auf ihrem Instagram-Account Hunderte Fotos von sich postet. Der Grund ist nicht auf jedem Bild zu sehen: Es sind zahlreiche, mitunter riesige Muttermale, die sich über ihren ganzen Körper ziehen – von den Füßen bis hoch zum Kopf.

Kongenitale melanozytäre Nävi, kurz CMN, ist der sperrige Begriff für die Hautveränderungen, die Yussef so lange das Leben schwer gemacht haben. Es handelt sich dabei um Leberflecken, die im Gegensatz zu den später im Leben erworbenen Pigmentflecken angeboren sind. Die braune Farbe entsteht durch bestimmte Hautzellen, die sogenannten Melanozyten. Sie sind normalerweise in der gesamten Haut verteilt, bilden bei den Betroffenen aber Nester.

Großes Muttermal im Gesicht

Die Muttermale variieren stark in Anzahl und Größe, können kleiner als ein Zentimeter sein, selten nehmen sie insgesamt bis zu 80 Prozent der Körperoberfläche ein. Laut dem Nävus Netzwerk hat rund eines von 100 Neugeborenen bei der Geburt ein oder mehrere Muttermale. Ab einer Größe von 20 Zentimetern bei einem Erwachsenen spricht man von einem großen Nävus, was bei rund einem von 20.000 Kindern vorkommt. Riesennävi sind deutlich seltener, in ganz Deutschland leben damit gemäß dem Netzwerk nur wenige hundert Personen.

Der Fotograf Brock Elbank hat rund 30 Betroffene aus Europa, den USA, China und Australien porträtiert: Callum etwa wurde mit einem Nävus geboren, der seinen gesamten rechten Arm und seine rechte Hand bedeckt. In Rosabellas Gesicht befindet sich ein großes Muttermal, bei Fay nehmen die Nävi rund 70 Prozent des Körpers ein.



Die Porträtierten, die Elbank zeigt, mussten erst lernen, mit ihrer Haut umzugehen. Bei vielen hat es eine Weile gedauert. Gemma trug beispielsweise als Kind nur lange Kleidung und Schals, egal bei welchem Wetter. Heute will sie sich nicht mehr verstecken. Frederik wurde früher oft gefragt, ob er sich verbrannt habe oder ob er ansteckend sei. Mittlerweile wird sein Leben durch die Nävi kaum mehr beeinflusst. Fay hat immer Unterstützung von ihrer Familie und ihren Freunden erhalten, sie haben ihr geholfen mit Vorurteilen umzugehen. Und Yulianna sagt: „Ich lerne jeden Tag, mich selbst und meine Haut zu lieben.“

Erhöhtes Hautkrebsrisiko

Für Eltern ist es oft ein Schock, wenn ihr Kind mit einem großen kongenitalen Nävus geboren wird – nicht nur aus ästhetischer Sicht. Die Haut über dem kongenitalen Nävus sieht nicht nur dunkel aus, sie hat auch eine andere Beschaffenheit. Häufig ist sie verdickt oder runzlig. Weil hier weniger Talgdrüsen vorhanden sind, die die Haut feucht und geschmeidig halten, entsteht vermehrt Juckreiz. Der Mangel an Schweißdrüsen führt dazu, dass Betroffene zum Ausgleich auf der normalen Haut mehr schwitzen.

Zudem bringt die Hautveränderung auch gewisse Risiken für die Gesundheit mit sich. Zwar haben Menschen mit Nävi eine völlig normale Lebenserwartung. Allerdings entarten der Deutschen Leitlinie zufolge fünf bis zehn Prozent der großen Nävi, die Hälfte des Risikos entfällt demnach auf die ersten fünf Lebensjahre. Betroffene sollten sich daher regelmäßig selbst gründlich untersuchen, ein bis zwei Mal im Jahr einen Hautarzt besuchen und Sonnencreme mit einem hohen Lichtschutzfaktor verwenden.

Häufig entscheiden sich Eltern für eine Operation, oft auch aus Angst, dass ihr Kind gehänselt werden könnte. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass die Eingriffe auch Narben hinterlassen, die bei einer gewissen Größe auch beeinträchtigen können.

Die einzige Möglichkeit die Muttermale zu beseitigen, ist eine chirurgische Entfernung. Bei größeren Nävi muss die entfernte Haut ersetzt werden. Das kann gelingen, in dem benachbarte Hautstellen gedehnt werden oder Haut aus anderen Körperregionen entnommen und transplantiert wird. Manche Nävi sind allerdings zu groß für diese Art der Behandlung. Ärzte können dann oberflächliche Hautschichten abtragen, wobei die für die dunklen Verfärbungen ursächlichen Zellen verbleiben.

Doch zwingend müssen die großen angeborenen Muttermale nicht entfernt oder aufgehellt werden. Die Porträtierten zeigen, dass man gut mit ihnen leben kann.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen