Schock-Diagnose Prostatakrebs: Wie neue Therapien die Lebenserwartung steigern

Schock-Diagnose Prostatakrebs: Wie neue Therapien die Lebenserwartung steigern

2019-02-05

Jeder zehnte Prostatakrebs ist besonders aggressiv. Für diese Form, aber auch für die weniger riskanten, gibt es jetzt passende Behandlungen – ohne die gefürchteten Nebenwirkungen Impotenz und Inkontinenz. FOCUS Online sprach mit einem Experten über den aktuellen Stand der Forschung.

Mit rund 64.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung unter Männern. Dabei nehmen die Fälle zu, was jedoch auch an den verbesserten und engmaschigen Vorsorgeuntersuchungen liegt. Prostatakrebs wird also früher entdeckt.

Die gute Nachricht dabei: „Die Hälfte der diagnostizierten Tumore sind so genannte Niedrigrisikokarzinome, wachsen also nur sehr langsam und sind nicht lebensbedrohend“, berichtet Peter Albers, Direktor der Klinik für Urologie, Universitätsklinikum Düsseldorf.

Das bedeutet, auch zehn Jahre nach der Diagnose leben die Patienten bei guter Behandlung noch, es bestehen keine Einschränkungen, der Tumor muss nicht zwingend therapiert, sondern kann in vielen Fällen auch einige Zeit aktiv überwacht werden. „Ähnlich wie bei Brustkrebs gibt es auch beim Prostatakrebs harmlose Verlaufsformen“, sagt der Krebsspezialist.

Aktive Überwachung oder Therapie

Bei nicht aggressivem Prostatakarzinom ist also die sogenannte aktive Überwachung möglich. Das bedeutet: regelmäßige Kontrolle des Tumors nach Biopsie, mit Bestimmung des PSA-Werts im Blut (Prostata-spezifisches Antigen) sowie MRT und Wiederholungs-Biopsien. Mit der Biopsie lässt sich der Gleason-Score bestimmen, der von zwei bis zehn reicht. Bis sechs wird der Tumor als Niedrigrisikokrebs eingestuft, dann kann mit der Therapie unter Kontrolle abgewartet werden. Alternativ gibt es neben der aktiven Überwachung in dieser Gruppe auch als neue Behandlungsoption die fokale Therapie.

Fokale Therapie in vier Variationen – passend für kleine, begrenzte Tumoren

Bis vor Kurzem galten bei behandlungsbedürftigem Prostatakrebs die radikale Prostatektomie (vollständige Entfernung der Prostata) oder Strahlentherapie als Mittel der Wahl. Nun gibt es für den wenig aggressiven, lokal begrenzten Prostatakrebs differenziertere Therapieoptionen, wie etwa die Fokale Therapie. Die Bezeichnung bedeutet, dass nur ein Teil der Prostata behandelt wird. Für Patienten hat das im Vergleich zur radikalen OP und Bestrahlung den Vorteil, weniger häufig mit den Nebenwirkungen Inkontinenz und Impotenz kämpfen zu müssen.

Je nach Lage des Tumors eignen sich unterschiedliche fokale Therapien, etwa

Fokale Therapie oder abwarten – die Vor- und Nachteile

Seit April 2018 ist Tookad in Deutschland zugelassen und wird in einigen Krebszentren angewendet, allerdings noch unter Vorbehalt. Die Behandlung muss erst bei der Krankenkasse beantragt werden. Wie beurteilt Krebsexperte Albers diese neue Behandlungsoption? „Wir sind uns noch nicht sicher, ob das die optimale Therapie ist“, sagt er. Denn letztendlich sind die fokalen Therapien, zu der Tookad ebenfalls zählt, nur für das Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom geeignet. Und in diesen Fällen bewährt sich die aktive Überwachung sehr gut, wie die krebsspezifische 10-Jahres-Überlebensrate zeigt. „Nur bei einem Prozent wird innerhalb dieser zehn Jahre der Krebs zum Tod führen“, berichtet der Experte.

Das Ziel ist, den Tumor unter Kontrolle zu halten, was mit der Überwachung jetzt schon optimal gelingt – ohne die Risiken, die im Prinzip jede Behandlung mit sich bringen kann. Denn auch die sogenannten schonenden Therapien, wie Ultraschall, Strom und Padeliporfin können Nebenwirkungen auslösen wie etwa Beeinträchtigung der Nervenfunktionen, sprich Potenzprobleme.

Warum wird die fokale Therapie dann überhaupt angewandt? „Viele Patienten wollen behandelt werden, sie fühlen sich unwohl, wenn sie wissen, Prostatakrebs zu haben und nichts sofort aktiv dagegen unternommen wird“, erklärt der Experte den psychologischen Hintergrund. Jeder Mann sollte also selbst entscheiden, ob er bei einem low-risk-Prostatakarzinom eine Therapie wünscht, oder sich auf aktive Überwachung verlässt. „Nach aktueller Datenlage ist der langfristige Effekt der fokalen Therapien nicht bewiesen“, stellt Peter Albers klar.

Kombi-Therapie verdoppelt Lebenserwartung bei fortgeschrittenem Prostatakrebs

Anders ist das bei Prostatakrebs mit Metastasen, etwa in den Knochen. Die Hormontherapie war hier die Standardbehandlung, weil Testosteron Prostatakrebs anregt. Zusätzlich kann ein Prostatakarzinom diese Sexualhormone im weiter fortgeschrittenen Stadium sozusagen selbst bilden. Es kann also ein Teufelskreis aus immer mehr Androgenen und Krebswachstum entstehen. Die Hormontherapie kann diesem Verlauf eine zeitlang effektiv entgegenwirken.

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Doch Studien zeigten, dass eine Kombination aus Hormontherapie plus Antiandrogen-Therapie oder plus Chemotherapie noch effektiver ist. Die Kombinationstherapie richtet sich gegen das Wachstum aller Krebszellen auch in fortgeschritteneren Stadien.

Allerdings sei das vielen Ärzten noch nicht bewusst und sie würden ihren Prostatakrebs-Patienten immer noch ausschließlich zur Hormontherapie raten. „Dabei würde die sofortige Kombinationstherapie die Lebenserwartung dieser Patienten erheblich, nämlich nach Datenlage um nahezu 2 Jahre verlängern, das mittlere Überleben der Patienten mit Knochenmetastasen lag früher bei nur 1,5 Jahren “, sagt Peter Albers.

Fazit: Die Behandlungsoptionen haben sich also verbessert – sowohl bei Niedrigrisikokarzinomen als auch bei metastasiertem Prostatakrebs. Alle, bei denen ein wenig aggressiver Prostatakrebs entdeckt wurde, können nun wählen, ob sie eine sanfte Behandlungsmethode innerhalb einer klinischen Studie wählen oder aktiv abwarten. Und eine Kombinationstherapie kann bei Männern, die ein metastasiertes Prostatakarzinom haben, die Lebenserwartung erheblich steigern.

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