Sterbehilfe

Sterbehilfe

2020-09-22

„Der Weg der Befreiung beginnt, und glaubt mir, ich bin froh darüber.“ Mit diesen Worten beginnt Alain Cocq seinen Sterbeweg. Weil ihm die Inanspruchnahme von Sterbehilfe versagt wurde, hat der unheilbar kranke Franzose die Nahrungsaufnahme eingestellt, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Auf Facebook will der 57-Jährige aus Protest gegen die gegenwärtige Rechtslage in Frankreich sein Sterben live übertragen.

Nachdem er gerade seine letzte Mahlzeit eingenommen habe, erläuterte Cocq, nehme er nun weder Essen noch Flüssigkeit zu sich und lasse sich auch nicht mehr anderweitig behandeln. Nur auf Schmerzmittel wollte er nicht verzichten. Cocq rechnet damit, dass er innerhalb von zwei bis sieben Tagen sterben wird.

In einem Video prostete er seinen Zuschauern aus seinem Krankenbett zu Hause mit einem Plastikbecher zu und sagte: „Hier, Freunde, trinke ich einen letzten Schluck auf Eure Gesundheit.“ Die Abschiedsbotschaft endet mit den Worten „So geht das Leben. Auf Wiedersehen.“

Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben

Cocq leidet seit mehr als 30 Jahren unter einer sehr schmerzhaften, unheilbaren Arterien-Erkrankung und wurde bereits neun Mal wiederbelebt. Er kämpfte daher seit Jahren um Sterbehilfe und bat zuletzt auch Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, sich von einem Arzt eine tödliche Barbituratdosis geben lassen zu dürfen. Der Präsident verwies in einem Brief an Cocq aber darauf, dass dies nach gegenwärtiger Gesetzeslage in Frankreich nicht erlaubt sei.

Cocq entschloss sich daher, jegliche Nahrungsaufnahme und Behandlung zu verweigern. „Ich weiß, dass die Tage, die mich erwarten, schwer sein werden, aber ich habe meine Entscheidung getroffen und bin ruhig“, erklärte der Franzose. „Es wird sehr hart, aber es ist keine große Sache im Vergleich zu dem, was ich bereits erlebt habe.“

In Frankreich ist aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zum Suizid verboten. Manche Todkranke und deren Angehörige sehen darin die staatliche Verweigerung, in Würde und vor allem selbstbestimmt zu sterben.

Dramatische Fälle in Frankreich

Im Jahr 2008 hatte der Fall der Französin Chantal Sébire Aufsehen erregt. Die 52-jährige Mutter von drei Kindern litt acht Jahre lang unter einem unheilbaren Tumor im Gesicht, der immer weiter wuchs und ihr schwerste Schmerzen verursachte. Die Lehrerin hatte vergeblich um das Recht gestritten, auf legalem Weg ein todbringendes Mittel zu erhalten und ihrem Leben selbst ein Ende setzen zu dürfen.

Zwei Tage nach der Ablehnung ihres Gesuchs war Sébire tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Sie hatte sich das Leben genommen. Wer ihr die Arznei gegeben hatte, die bei der Obduktion in ihrem Körper gefunden wurde, hat man nie festgestellt.

Bis fünf Jahre zuvor hatte sich ein weiteres Sterbehilfedrama in Frankreich ereignet, das die Nation drei Jahre mitverfolgte. Der 19-jährige Vincent Humbert war nach einem schweren Autounfall im Jahr 2000 komplett gelähmt und nach neunmonatigem Koma blind und stumm. Da er noch einen Finger bewegen und auch hören konnte, gelang es ihm, auf diese Weise zu kommunizieren. Vom damaligen Präsidenten Jacques Chirac hatte er das Recht erbeten, sterben zu dürfen, jedoch keine Erlaubnis bekommen.

Humberts Mutter hatte ihm daraufhin im Jahr 2003 eine todbringende Arznei verabreicht. Vincent Humbert fiel ins Koma, die Mutter wurde festgenommen und später wieder freigelassen. Zwei Tage später wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt. Nach seinem Tod erschien Vincent Humberts Buch „Je vous demande le droit de mourir“ („Ich bitte Sie um das Recht zu sterben“).

In Deutschland bewegt sich etwas

Auch in Deutschland ist aktive Sterbehilfe verboten. Das Verbot zur geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid allerdings hat das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 für verfassungswidrig erklärt. Es gebe ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben, sagte der damalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Das schließe auch die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und dabei Angebote von Dritten in Anspruch zu nehmen.


Weiterhin verboten bleibt es Ärztinnen und Ärzten aber, Todkranken die Arznei Pentobarbital zu verschreiben. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) verweigert diese Erlaubnis. Betroffene haben daher keine Möglichkeit, das todbringende Mittel zu bekommen.

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